19.11.12

Stefan Ruzowitzky

Erfolgsregisseur beginnt nach Oscar wieder "ganz unten"

Der Wiener Stefan Ruzowitzky spricht über Fluch und Segen der Trophäe sowie über seinen ersten Hollywood-Film "Cold Blood".

Von Peter Zander
Foto: dpa

Kaltblütig: Eric Bana als brutaler Mörder und Olivia Wilde als dessen Schwester in Stefan Ruzowitzyks Hollywood-Einstand „Cold Blood“
Kaltblütig: Eric Bana als brutaler Mörder und Olivia Wilde als dessen Schwester in Stefan Ruzowitzyks Hollywood-Einstand "Cold Blood"

Um ein Haar wäre nur ein Jahr nach dem Sieg für "Das Leben der anderen" ein weiterer Oscar nach Deutschland gegangen. Hätte die deutsche Kommission nicht zu lange gezögert. So wurde das in Babelsberg gedrehte KZ-Drama "Die Fälscher", da eine Koproduktion, von den Österreichern zuerst nominiert. Und der Oscar ging erstmals an das Nachbarland.

Der Wiener Erfolgsregisseur Stefan Ruzowitzky ("Die Siebtelbauern", "Anatomie") hat seither einen noch besseren Lauf. Mit Eric Bana und Kris Kristofferson hat er seinen ersten Hollywoodfilm "Cold Blood" gedreht, ein knallharter Krimi im eisigen Kanada, in dem ein brutaler Verbrecher buchstäblich in eine amerikanische Valentinsfeier hineinschneit. Der Film kommt an diesem Donnerstag in unsere Kinos.

Außerdem führte der gebürtige Wiener bereits Gespräche mit Jude Law und Ben Kingsley über ein weiteres Projekt. Zum Interview in Berlin kommt der gebürtige Wiener indes völlig erkältet. Und baut erstmal ein paar Arzneien vor sich auf. Morgenpost Online hat mit ihm gesprochen.

Morgenpost Online: Herr Ruzowitzky, Sie klingen fürchterlich.

Stefan Ruzowitzky: Ich weiß. Ich war gestern beim HNO-Arzt, der meint, es ist alles vereitert bis zum Kehlkopf. Deshalb muss ich jetzt ständig lauen Tee trinken, es darf nicht trocken werden. Ich muss etwas leiser sprechen, dann geht's.

Morgenpost Online: Das ist, verzeihen Sie, nicht ohne Ironie, wenn man zuvor einen Thriller im kältesten Zipfel von Kanada gedreht hat.

Ruzowitzky: Die wirkliche Ironie daran ist aber die, dass ich mir die Erkältung in Florida geholt habe. In einem irrwitzig unterkühlten Lokal dort.

Morgenpost Online: Wenn ich's nicht gewusst hätte, hätte ich gesagt, dass ist ein ganz amerikanischer Film.

Ruzowitzky: Dann hab ich mein Klassenziel erreicht. Denn genauso habe ich ihn angelegt. Allerdings haben wir in Kanada gedreht, mit einem australischen Schauspieler und einem südafrikanischen Geldgeber. Aber so funktioniert das in Hollywood ja oft.

Morgenpost Online: Wie kam der Film ausgerechnet an Sie?

Ruzowitzky: Es lief, wie es oft läuft: Der Agent schickt dir Bücher. Und von den vielen, die man da liest, sortiert man aus. Die reden allerdings meist mit mehreren Regisseuren parallel. Wenn du gleiche Visionen teilst, bist du "attached". Und arbeitest am Drehbuch mit. Das Buch geht dann an Stars. 94 Prozent aller Projekte gehen über dieses Stadium nie hinaus. Rein statistisch brauche ich also 20 Projekte, damit eins was wird. Ich habe parallel zu "Cold Blood" noch ein zweites Projekt verfolgt, das relativ weit gediehen ist. Dafür habe ich mit Ben Kingsley und Jude Law gesprochen und schon Segelschiffe in Cornwall besichtigt. Das war auch schon ziemlich weit. Bei "Cold Blood hat es zuerst geklappt, die anderen waren da auch gar nicht böse. Das ist so das System.

Morgenpost Online: Es heißt, der Produzent habe sie regelrecht gestalkt. Hat er eines Abends bei Ihnen vor der Tür gestanden?

Ruzowitzky: Das ist eine charmante Übertreibung. Ich wäre in diesem Fall wohl mehr als willig gewesen. Aber es ist schon so, dass er nach Wien geflogen ist, um mich zu treffen.

Morgenpost Online: Das heißt aber: Seit Ihrem Oscar sind Sie da drüben jetzt schon ein Name.

Ruzowitzky: Ja. Schon. Aber in der Oberklasse bist du trotzdem noch ganz weit unten. Das ist eine prinzipielle Entscheidung, die man treffen muss: Nutze ich den Oscar, um es am heimischen Markt leichter zu haben sowohl bei Förderern als auch beim Publikum? Oder fange ich wieder ganz unten an? Und das fand ich in diesem Fall das Interessantere.

Morgenpost Online: Und wie war die Erfahrung, mit solchen Stars zu arbeiten? Ist das komplett anders oder kochen die auch nur mit Wasser?

Ruzowitzky: Auf eine Weise ist es genauso. Ob das Stars sind oder nicht: Letztlich sind alles nur Beteiligte an einem Arbeitsprozess. Manche sind da einfacher und manche komplizierter. Die Chemie muss halt stimmen. Und es geht immer um Vertrauen. Wer sich in guten Händen fühlt, ist in der Regel auch unkompliziert. Wer glaubt, alles läuft aus dem Ruder und der Regisseur hat keine Ahnung, dann fangen sie an, zu zicken und jeden Morgen 15 lavendelfarbige Handtücher zu ordern. Was anders ist: Im Hollywood-Starsystem gibt es ein anderes Gewicht auf den Star-Faktor Charisma. Es gibt Schauspieler, die haben ein Charisma, dass man ihnen einfach gerne zuschaut. Das müssen nicht die allerbesten Schauspieler sein, da reicht manchmal wirklich schon die einfache Ausstrahlung. Andere spielen super, aber da hast du nicht diese Ausstrahlung. Stars wie Sissy Spacek oder Eric Bana müssen gar nicht so viel spielen, da ist einfach diese Persönlichkeit. Kris Kristofferson, was hatte der für Texthänger, aber in der Großaufnahme steht der da, zuckt nur mit den Augenwinkeln – und der Saal erbebt. Bei uns ist das System dagegen, gerade an Schauspielschulen, eher so, den wandlungsfähigen Schauspieler fürs Stadttheater auszubilden. Heute Macbeth und morgen Pension Schöller.

Morgenpost Online: Das große Klischee ist ja eher, dass der Regisseur in Hollywood nicht so viel zu melden hat. Ist "Cold Blood" ein reiner Ruzowitzky-Film oder mussten Sie Zugeständnisse machen?

Ruzowitzky: Allgemein stimmt das. Bei uns darf der Künstler machen, was Ausdruck seiner Persönlichkeit ist. Genau so, wie man zu einem Gerhard Richter nicht sagen würde: Müsste da oben im Eck nicht noch ein bisschen Blau rein?, so sage ich auch einem Michael Haneke nicht: Ist die Szene nicht ein bisschen lang? Die arbeiten halt so. Im Gegensatz dazu geht es in Hollywood aber nur um den fertigen Film. Da müssen alle persönlichen Eitelkeiten, auch die künstlerischen, zurückstehen. Wenn man das Gefühl hat, der Cutter kann nichts dazu beitragen, dann tauscht man den aus. Oder den Drehbuchautor. Im schlimmsten Fall auch den Regisseur. Weil es immer nur um das Produkt geht. Ich finde, das Gerede um den Final Cut ist ja auch ein Missverständnis. Der Final Cut ist in Hollywood doch mehr so eine Machtnummer, wer das Sagen hat. Das entspricht aber gar nicht so dem Denken dort: Die wollen da tolle Menschen zusammenbringen und gemeinsam etwas Tolles schaffen.

Morgenpost Online: Sie haben schon einmal versucht, auf Hollywood zu machen. Mit der Kriegsklamotte "Die Männer Ihrer Majestät".

Ruzowitzky: Ach ja, das ist der schwarze Punkt in meiner Filmographie. Das ist aber kein Hollywoodfilm im klassischen Sinn. Da war am Ende kein einziger Amerikaner beteiligt außer dem Hauptdarsteller Matt LeBlanc. Das wurde in Ungarn und Österreich gedreht, das ganze Team war deutsch. Und wir versuchten auf amerikanisch zu machen. Schon von daher war das Ganze von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Morgenpost Online: Sie haben aber schon mal zum Sprung nach drüben angesetzt.

Ruzowitzky: Amerika ist für mich schon das Zentrum der Filmkultur. Da hat das Entertainment eine ganz andere Bedeutung, das wird da viel ernster genommen. Wenn da am Wochenende ein neuer großer Film ins Kino kommt, dann sieht man sich den an. Gleich am erstern Wochenende. Und redet am Montag darüber. Aber nicht alles, was wir hier sehen, ist Hollywood. Es gibt auch da drüben jede Menge Dreck. Und es gibt auch jede Menge gute Independent-Produktionen, die nur nie zu uns rüberkommen. Wir vergleichen immer Haneke mit "Transformers", das ist aber nicht legitim. Bei uns werden ja auch die kleinen Filme stark gefördert, da geht's uns richtig gut. Die kleinen US-Indies haben es viel schwerer, sich durchzusetzen. Dennoch: Dieses Zentrum hat mich immer gereizt. Auch "Anatomie" war ja damals schon eine Columbia-Produktion. Eine amerikanische Produzentin hat mir allerdings auch mal klar ins Gesicht gesagt: Sie liebt "Die Fälscher", aber weil die Produktionsbedigungen bei uns ganz anders sind, sei das noch kein Beweis, dass ich einen Hollywoodfilm machen könnte.

Morgenpost Online: Und möchten Sie jetzt das Oscar-Ticket nutzen, um dort groß einzusteigen?

Ruzowitzky: Das Oscar-Ticket ist ja ab sofort abgelaufen. Jetzt gibt es nur noch das "Cold Blood"-Ticket. Es gilt ja immer nur, was du als Letztes gemacht hast. Es wäre aber schon der größte Luxus, wenn ich fortan zwei Standbeine hätte: eins hüben, eins drüben. Ein Standbein habe ich noch nicht, aber meinen Zeh hab ich jetzt mal in den See gesteckt. Mal sehen, wie das da jetzt ankommt.

Morgenpost Online: Ihr Kollege Florian Henckel von Donnersmarck ist ja gleich nach dem Oscar rübergezogen und hat alle Zelte abgebrochen.

Ruzowitzky: Ja, das war wohl nicht klug.

Morgenpost Online: Ihre Kinder sind jetzt 12 und 15. Wäre es da schon interessant für die, rüberzugehen?

Ruzowitzky: Na, für die vielleicht. Aber dafür habe ich jetzt nicht die finanziellen Reserven. Und mit zwei Halbwüchsigen, wo du Schulgeld zahlen und zwei gorße Autos haben musst, da musst du schon sehr etabliert sein. Oder von Vornherein viel Kohle haben.

Morgenpost Online: Ist Ihr Marktwert denn in Österreich gestiegen? Sie sind immerhin der Erste, der einen Oscar in dieses Land brachte.

Ruzowitzky: Naja. Ich bin der erste österreichische Oscar-Gewinner, der davor nicht aus dem Land gejagt worden ist! Wenn Sie all die Billy Wilders oder Eric Pressburgers zusammenzählen, da kommt schon eine stattliche Zahl zusammen. Na gut: Ich bin jetzt so eine Art Nationalheilige. Das schmeichelt ja auch der Eitelkeit.

Morgenpost Online: In deutschen Landen freut man sich erst mal über einen Erfolg, dann schlägt das aber ganz schnell in Neid und Missgunst um. Wie ist das in Österreich? Heißt es da auch schon, sie tragen die Nase hoch?

Ruzowitzky: Also zum einen habe ich mich sehr bemüht, die Nase nicht hochzuhalten. Das Tragische beim Kollegen Donnersmarck war halt wirklich, dass er diesen Riesenerfolg beim ersten Film hatte. Das ist mehr Bürde als Geschenk, wenn das gleich zu Beginn einer Karriere passiert. Da kannst du das nämlich noch nicht einordnen. Ich hab schon meine Ups und Downs gehabt, ich hatte die Zeiten, wo ich dachte, ich wüsste, wie's geht. Und dann fällst du mit dem nächsten Film auf die Nase. Deshalb weiß ich heute, der Oscar hilft mir, aber er wird mich nicht davon abhalten, falsche Entscheidungen zu treffen und wieder auf die Nase zu fallen. Da ist man ein bisschen demütiger.

Morgenpost Online: Sie hatten aber nur ein Down.

Ruzowitzky: Ich war schon sehr erfolgsverwöhnt. "Die Siebtelbauern" war ein internationaler Festivalhit, "Anatomie" war ein großer Kassenknüller. Aber da kommt dann genau diese Hybris. Du glaubst, dass das Publikulm dich liebt. Und du liebst es ja auch. Und dann denkst du, so jetzt erobere ich Hollywood, und dann sagt das Publikum, nee, das wollen wir gar nicht sehen. Das ist schon ein Tiefschlag. Man hat sowas wie eine Liebesbeziehung zum Publikum. Das kratzt ganz ordentlich am Selbstwertgefühl.

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