18.11.12

Maxim-Gorki-Theater

Armin Petras dramatisiert Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"

Regisseur Armin Petras versucht am Berliner Gorki-Theater, der Novelle "Bahnwärter Thiel" von Gerhart Hauptmann möglichst nahe zu kommen.

Foto: Foto:Rebecca Riedel + Mike Terry/Maxim Gorki Theater

Armin Petras führte Regie beim „Bahnwärter Thiel“ am Berliner Gorki-Theater
Armin Petras führte Regie beim "Bahnwärter Thiel" am Berliner Gorki-Theater

Matthias Heine

Man weiß, dass das Stück im 19. Jahrhundert spielt, wenn Bahnangestellte durch ihre Uniformen zu Respektspersonen aufgewertet werden, statt dass man sie – wie heute – durch schlecht geschnittene Arbeitskleidung demütigt, die das Übel ziviler Trashigkeit mit dem Fluch der quasimilitärischen Gleichförmigkeit in unangenehmster Weise verbindet.

Peter Kurth als Bahnwärter Thiel sieht im Berliner Maxim-Gorki-Theater aus, wie solche Leute früher aussahen, als die Menschen noch strammstanden vor einem Mann, der doch nicht anderes ist als eine Schranken hebende Hilfskraft.

Der Bahnwärter ist der Titelheld einer Novelle von Gerhart Hauptmann, die 1877 erschien und zum wohl berühmtesten nicht dramatischen Werk des späteren Nobelpreisträgers wurde.

Der Schrankenwart verfällt nach dem Tode seiner frommen erster Frau Minna der herrschsüchtigen zweiten Gattin Lene – vor allem, weil diese ein unwiderstehliche geschlechtliche Faszination auf den äußerlich so ruhigen Mann ausübt. Er ist ihr, so das schöne alte Wort, "hörig". Dass die Stiefmutter seinen erstgeborenen Sohn quält, will er lange nicht wahrhaben.

Symbolische Bedeutung der Natur

Die Geschichte spielt östlich von Berlin in den Wäldern an der Spree. Hauptmann hat die symbolische Bedeutung der Natur dadurch hervorgehoben, dass er sein kurzes Prosawerk im Titel eine "novellistische Studie aus dem märkischen Kiefernforst" nannte.

Beim jetzt Regie führenden Gorki-Intendanten Armin Petras wird der Wald zu einer eher positiven Kraft. Hier findet der innerlich zerrissene Thiel Ruhe, wenn ihn seine Frau (die mit einer unaufhaltsamen Lokomotive gleichgesetzt wird) wieder einmal dazu gebracht hat, etwas zu tun, was seinem besseren Selbst nicht gemäß ist.

Die Natur ist ganz offensichtlich auch der Bezirk der toten Gattin Minna, die dem Bahnwärter in immer drängenderen Visionen erscheint. Ganz am Anfang, wenn die Vorgeschichte der allzu kurzen Ehe mit Minna erzählt wird, tritt diese mit einem Pflanzenkopfschmuck auf, der an magische Rituale erinnert. Die von christlicher Innigkeit erfüllte Frau war wohl auch so etwas wie eine Schamanin.

Dargestellt wird jene Szene als Schattenspiel. Während die Schauspieler Peter Kurth und Regine Zimmermann hinter einer halb durchsichtige Leinwand mimen, werden die Requisiten – vom Waldvogel bis zur Kirche – per Video auf eben diesen Stoff projiziert.

Man sieht am Bühnenrand die Tänzerin Diane Gemsch (die auch immer mal wieder die Lene darstellt) stehen, die winzige Spielzeuge auf einer Art Overheadprojektor arrangiert, und daraus entsteht das "Bühnenbild" des Schattenspiels. Der Effekt ist ungemein romantisch. Auch später nutzt ihn Petras noch ein paar mal, wenn es gilt, die Natursymbolik der Prosavorlage ins Bild zu setzen.

Vergessen lassen, dass nichts passiert

Die Schauspieler haben, sieht man von den erotisch-kämpferischen Tanzszenen ab, wie bei solchen Dramatisierungen von nicht dramatischen Texten leider üblich, vor allem die Aufgabe, längere Erzählpassagen mit dem Gesicht zum Publikum vorzutragen und die Leute vergessen zu lassen, dass eigentlich gerade gar nichts passiert.

Zwei weniger großartige Künstler als Regine Zimmermann und Peter Kurth wären damit vermutlich gescheitert. Den beiden gelingt es allerdings, hinter allen gelegentlichen Mätzchen, die Zwänge und Sehnsüchte jener uns eigentlich doch durch die Zeit und die soziale Distanz sehr fern gerückten Menschen fühlbar zu machen.

Das war am gleichen Ort einer anderen Regisseurin, Jorinde Dröse, voriges Jahr mit "Effi Briest" auch schon einmal geglückt. Das Gorki-Theater als ein Ort, an dem man in die Gefühlswelten von Menschen aus der fremden Welt des 19. Jahrhunderts einsteigen kann – kein geringer Ehrentitel.

Maxim-Gorki-Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte, Tel.: (030) 20 22 11 15. Termine: 21. und 29. November 2012., 7. und 25. Dezember 2012.

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