18.11.12

Film und Fernsehen

So will der RBB das Kino der Region stärker fördern

Zum Auftakt eine Totgeburt: Mit der Initiative "Leuchtstoff" verstärkt der Berliner Sender sein Engagement als Kino-Koproduzent.

Foto: Kinostar

Plötzlich schwanger: Alyn Tezel als werdende Mutter wider Willen im ersten „Leuchtstoff"-Film „Am Himmel der Tag“
Plötzlich schwanger: Alyn Tezel als werdende Mutter wider Willen im ersten "Leuchtstoff"-Film "Am Himmel der Tag"

Leuchtstoffe gibt es in jedem Fernsehgerät. Luminophore, so die korrekte fachchinesische Bezeichnung, stecken in den alten Bildröhren, auch in den heutigen Plasma- und LCD-Bildschirmen. Leuchtstoffe sollen jetzt aber auch auf anderem Weg in unsere Glotze finden. Zum Beispiel in der Person von Aylin Tezel.

Die Schauspielerin ist kürzlich in der ARD als jüngste Kommissarin der Geschichte beim "Tatort" eingestiegen und soll das neue Ermittler-Gebiet Dortmund zum Leuchten bringen. Und nun ist sie auch Luminophorin in einem Projekt des RBB: in dem Film "Am Himmel der Tag".

Quickie im Klo

Darin spielt die 29-Jährige die Architekturstudentin Lara, die ihr Studium, nun ja, nicht so ganz ambitioniert verfolgt. Auch ihre Eltern bieten ihr nicht gerade ein Vorbild an idealer Lebensplanung. Als dann aber ausgerechnet ihre beste Freundin mit ihrem Disco-Flirt verschwindet, gibt sie sich aus Trotz die Kante - und absolviert noch vor Ort, im Klo des Clubs, einen Quickie. Am nächsten Morgen ist der Schnellschuss schon vergessen. Aber nach ein paar Wochen wird ihr immer wieder übel. Und bei der Untersuchung stellt die Ärztin eine überraschende Diagnose: Sie ist schwanger.

Plötzlich Mutter: Damit ist die junge Frau erst mal überfordert. Aber just, als sie beginnt, Verantwortung zu übernehmen, und sich auch mit dem immer dickeren Bauch abfindet, stirbt der Embryo noch im Mutterleib. Und jetzt kommt es zu einer seltsamen Reaktion: Die Ärztin rät zu einer sofortigen Notgeburt; Lara aber lässt den OP-Termin sausen. Und richtet weiterhin ihr Kinderzimmer ein.

Verloren in der Metropole

Ein pränatales Trauma. Das Abgleiten eines Menschen, das mitten in der großen Metropole, in der sie lebt, von niemandem wahrgenommen wird. Lara lebt in einem der Hochhäuser an der Leipziger Straße und scheint den Kontakt nach außen zu verlieren. Berlin ist hier mal nicht das Synonym der Generation Mitte. Oder der Generation Umzug (wie im aktuellen Kinofilm "3 Zimmer Küche Bad ", in der Aylin Tezel ebenfalls mitspielt). Hier ist die Stadt ein kalter Korpus, in der der Einzelne verloren gehen kann, wenn er keine starken Signale von sich gibt.

"Am Himmel der Tag" ist das Regiedebüt von Pola Beck. Und ihr Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam. Ein starkes Stück, das sich lediglich werdende Eltern besser nicht ansehen sollten. Finanziert wurde es neben der Alin Filmproduktion auch vom RBB. Und der startet damit eine neue, ambitionierte Filminitiative. Der Sender will damit sein erfolgreiches Engagement als Kino-Koproduzent ausbauen, Und dieses Bekenntnis zum Kino der Region hat einen Namen: "Leuchtstoff".

"Zusammen sind wir stärker"

"Mit der Initiative fördert der RBB Dokumentationen und Spielfilme, die durch herausragende Qualität, großes Engagement und Leidenschaft beeindrucken", postulierte das RBB-Intendantin Dagmar Reim bereits bei einer ersten Vorveranstaltung im April des Jahres. Und freute sich schon "auf Geschichten, die mit uns zu tun haben - mit unserer Region und unserem Leben." Dabei versteht sich "Leuchtstoff" nicht als bloßes Filmfinanzierungsmodell, sondern als dramaturgische Werkstatt.

Geplant sind zunächst zwei Spielfilme und drei Dokumentationen pro Jahr. Dafür stellt der Sender eine halbe Million Euro zur Verfügung. Eine weitere Million kommt aus Fördermitteln die das Medienboard Berlin-Brandenburg, Arte und weitere Sender beisteuern. "Die Filme aus der Region sind stark und zusammen sind wir stärker", pflichtet auch Kirsten Niehuus, die Geschäftsführerin des Medienboard, bei.

Meine Freundin, eine Fremde

Bereits abgedreht ist der Dokumentarfilm "Land in Sicht", für den Antje Kruska und Judith Keil drei Asylbewerber aus dem Jemen, dem Iran und aus Kamerun über einen Zeitraum von einem Jahr begleitet haben. Ein fremder Blick auf die eigene Region. Den umgekehrten Weg geht der Spielfilm "Altneuland" von Ester Amrami, ebenfalls Studentin der HFF in Potsdam.

Sie lässt ihre Protagonistin in eine Lebenskrise stolpern. Gehört sie nach Berlin, zu ihrem Freund, oder nach Tel Aviv zu ihrer Familie? Sie fliegt spontan nach Hause, um zu sich selbst zu finden, der Freund folgt ihr - und erlebt sie in dem ihm fremden Land als eine Fremde.

Der Flughafen als Tor zur Welt

Als drittes Spielfilmprojekt entsteht demnächst "Schönefeld Boulevard" von Silke Enders, die mit ihrem Debüt "Kroko" bekannt wurde. Der Film handelt von einer ziemlich dicken jungen Frau, an der das Leben vorbeidonnert wie die Flugzeuge in der Einflugschneise. Bis sie feststellt, dass Männer, die ihre Anschlussflüge verpasst haben, auch warten.

Die erste Klappe soll im Februar 2013 fallen. Der Film wird also schneller fertig werden als der Großflughafen BER. Von dessen Fluglärm werden die Dreharbeiten jedenfalls nicht beeinträchtigt.

Premiere in Berlin

Die zuständige RBB-Redakteurin dieser Reihe ist Cooky Ziesche, die zahlreiche Filme von Andreas Dresen koproduziert hat. "Am Himmel der Tag" ist nun der erste der "Leuchtstoff"-Filme. Am 29. November kommt er ins Kino, später wird er dann in der Reihe "Debüt im Ersten" ausgestrahlt.

Bereits am Mittwoch steht die Berlin-Premiere im Babylon-Kino in Mitte (20 Uhr) an, in Anwesenheit des Filmteams und der Leuchtstoffler. Bleibt nur zu hoffen, dass die Totgeburt des Films kein schlechtes Omen für die Reihe wird. Aus der sollen möglichst viele Film-Kinder hervorgehen.

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