18.11.12

Kino

Wie Pierce Brosnan zu einem dänischen Film überredet wurde

Regisseurin Susanne Bier ist bekannt für taffe Dramen. Jetzt hat sie eine leichte Komödie gedreht - mit einem Hollywoodstar unter lauter Dänen.

Von Peter Zander
Foto: REUTERS

Sie haben gut lachen: Die Regisseurin Susanne Bier (l.) mit ihren Hauptdarstellern Pierce Brosnan und Trine Dyrholm auf den Filmfestspielen von Venedig
Sie haben gut lachen: Die Regisseurin Susanne Bier (l.) mit ihren Hauptdarstellern Pierce Brosnan und Trine Dyrholm auf den Filmfestspielen von Venedig

Eigentlich ist Susanne Bier eine sehr sympathisch wirkende Frau. Wie sie uns da gegenüber sitzt, mit ihren offenen Haaren, ihren offenen Augen und diesem warmherzigen Lachen, mag man kaum glauben, dass das die Frau ist, die so heftige, gesellschaftskritische Dramen dreht wie "Nach der Hochzeit" oder "Zwischen Brüden".

Filme, die weit über Dänemark hinaus bekannt wurden und zahlreiche Preise gewonnen haben. "In a Better World" im vergangenen Jahr sogar den Oscar für den besten Fremdsprachigen Film.

Nun aber überrascht die 52-Jährige mit für sie ungewohnt milden Tönen: "Love Is All You Need", der nun in unsere Kinos (Kinostart am 22. November 2012) kommt, ist eine romantische Komödie, die im sonnigen Italien spielt. Warum der Sinneswandel? Morgenpost Online hat sie dazu befragt.

Morgenpost Online: Frau Bier, Sie sind bekannt für ziemlich taffe Filme, die provozieren und einen ziemlich fertig machen. Jetzt kommen sie mit einer Familienkomödie. Wollten Sie selbst mal weg von den schweren Themen?

Susanne Bier: Nein, das hat nichts damit zu tun. "Love Is All You Need" haben wir schon angeschoben, bevor ich den Oscar bekam. Ich glaube nicht an Entweder-oder-Entscheidungen. Als Regisseur musst du dich von künstlerischen Interessen oder Neugierde leiten lassen. Du darfst nur genau die Filme drehen, die du wirklich machen willst. Und ich wollte genau diesen Film drehen.

Morgenpost Online: Weil er nicht so schwer ist?

Bier: Na hören Sie. Es geht doch immerhin um Krebs. Das war auch die Ursprungsidee. Mein langjähriger Drehbuchautor Anders Thomas Jensen und ich, wir wollten einen Film über Krebs drehen. Aber, insofern haben Sie recht, wir wollten kein Drama daraus machen. Ich habe so viele Filme darüber gesehen, auch Skripts gelesen, und, sorry, wir wollten nicht noch so etwas machen, was nur runterzieht. Oder permanent auf die Tränendrüsen drückt. Wir wollten trotz allem ein bisschen Hoffnung darin aufblitzen lassen. Und so kamen wir zu der Idee einer romantischen Komödie. Eine Frau, die durch ihre Krebserkrankung fast alles verloren hat, trifft auf einen Mann, der ebenfalls eine Frau verloren und dies nie verwunden hat.

Morgenpost Online: Und ist Ihr Film nun mehr Komödie oder mehr Krebsdrama? Oder gibt es sowas wie eine Krebskomödie?

Bier: Es ist strenggenommen keine Komödie und ganz bestimmt keine klassische romantische Komödie. Wir haben versucht, eine Balance zwischen Trauer, Einsamkeit, Romanze und Spaß herzustellen. Es gibt auch Elemente von Satire und Karikatur. Und ich glaube gar nicht, dass das so weit von meinen anderen Filmen entfernt ist.

Morgenpost Online: Zu lachen gab es in Ihren Werken aber bislang eher wenig.

Bier: Wenn sie wüssten. Fast alle hatten viel mehr komische Momente. Und mein Cutter hat einen Horror davor. Die meisten Sachen fliegen im Schneideraum nämlich wieder raus. Ich selbst bin ein sehr dankbares Publikum für Albernheit. Aber das sind dann Fremdkörper in der Story, die sind so verrückt und primitiv, dass sie nicht drin bleiben können Diesmal aber fand ich es ganz erfrischend, dass die mal Platz hatten.

Morgenpost Online: Mögen Sie den internationalen Titel Ihres Films, "Love Is All You Need"?

Bier: Ich bevorzuge den dänischen Titel: "Den skaldede frisør". Die kahle Frisörin. Das ist ein schöner Widerspruch und reißt das Thema schon an. Eine Frau, die vom Haareschneiden lebt, aber selbst eine Perücke tragen muss, wegen der Chemo. Natürlich denken beim englischen Titel alle sofort an die Beatles.

Morgenpost Online: Müssen Sie sich jetzt ständig Vergleiche mit "Mamma Mia!" anhören?

Bier: Nur um das klarzustellen: Ich liebe "Mamma Mia!", wirklich. Ich hab sogar geheult dabei. Ich habe ihn mit meiner Tochter gesehen, und die hat auch geheult. Aber ich finde doch, dass die Filme ziemlich unterschiedlich sind.

Morgenpost Online: Na kommen Sie: Auch "Love Is All You Need" spielt am Meer, eine Hochzeit wird vorbereitet, es wird getanzt – und Pierce Brosnan spielt eine Hauptrolle. Das sind schon ziemlich viele Parallelen.

Bier: Mir ist schon klar, warum Sie damit kommen. Aber mein Film ist kein Musical. Und er behandelt doch, wie ich hoffe, ein paar ernsthafte Themen. Eine Frau, die gerade ihren Krebs bekämpft hat und feststellen muss, dass ihr Mann sie während ihrer Krankheit betrogen hat. Und ihre Tochter will einen Mann heiraten, der nicht zu seiner Homosexualität steht. Es gibt schon ganz schön viel Kummer in diesem Film. Er wird nur in leichten Dosen verabreicht.

Morgenpost Online: Vielleicht drängen sich die Parallelen einfach durch Pierce Brosnan auf. Wie haben Sie ihn eigentlich für einen dänischen Film gewonnen?

Bier: Ich hab ihn einfach gefragt.

Morgenpost Online: Und?

Bier: Naja. Er war ein wenig überrascht. Im Grunde reagierte er ein bisschen wie Sie: Spreche ich nicht mit dieser europäischen Regisseurin, die so harte Dramen macht? Und Sie bieten mir eine Rolle an? Aber als ich dann sagte, es solle eine romantische Komödie werden, wurde es ganz still. Wir haben nur telefoniert, aber da ich seine Filme kenne, konnte ich mir gut vorstellen, wie er ausgesehen haben muss. Wie er versucht hat, höflich und gentleman-like zu sein, aber wahrscheinlich gedacht hat: Was zum Henker...? Schon wieder eine romantische Komödie! Aber dann hat er das Skript gelesen. Und er hat es geliebt.

Morgenpost Online: Auch Pierce Brosnan hat seine Frau durch Krebs verloren.

Bier: Zunächst dachte ich einfach, er wäre der Richtige. Erst als ich mich auf das Telefonat vorbereitet habe, habe ich das mit seiner Frau erfahren. Da war ich natürlich unsicher, ob er das in den falschen Hals kriegen könnte. Aber ich dachte, vielleicht macht er es ja gerade deswegen. Und ich war echt glücklich, als er zusagte.

Morgenpost Online: Hat es geholfen, dass Sie eine Oscar-Preisträgerin sind?

Bier: Ach je, der Oscar.

Morgenpost Online: Sie sind nicht glücklich, ihn zu haben?

Bier: Klar ist es schön, einen Oscar zu haben. Aber er definiert nicht, wie du bist. So wie auch die Kritiken über deine Filme nicht definieren, wer du bist. Wer erst mal anfängt, an das Bild zu glauben, dass man sich von einem macht, der fängt an, sich zu verlieren. Also versuche ich mich davon nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Es ist lustig, ich habe auch mit Pierce darüber gesprochen. Und er sagte auch: Lies die Kritiken, aber lass dich davon nicht beeinflussen. Er hat Recht. Letztlich ist so was – einfach ungesund.

Morgenpost Online: Verzeihen Sie, wenn ich insistiere. Aber wo bewahren Sie Ihren Oscar auf?

Bier: Er steht auf meinem Schreibtisch.

Morgenpost Online: Ist das ein Ansporn, wenn der da steht? Ein Ansporn, dass der nächste Film genauso gut werden muss?

Bier: Ach du liebe Zeit. Das wäre ja ein Horrorszenario. Da würde ich mich ja nie wieder an den Schreibtisch setzen! Was du als Filmemacher, zumal als europäischer, nie verlieren darfst, ist deine Integrität, ist die Perspektive, warum du etwas tust. Wenn du nur darauf guckst, oh, das Nächste, was ich mache, muss noch besser werden, dann wirst du garantiert – alles falsch machen. So funktioniert das einfach nicht. Ich fürchte, ich baue auch gar nicht so eine Karriere, wie Sie sich das vorstellen.

Morgenpost Online: Immerhin ist das jetzt wohl Ihr bislang kommerziellster Film.

Bier: Sehen Sie, alle meine Filme waren kommerziell erfolgreich, glücklicherweise. Sie haben alle ein großes Publikum gefunden. Ist dieser Film jetzt kommerzieller als die anderen? Okay, er ist leichter. Und okay, sonst werden meine Filme oft auf Festivals eingeladen, um im Wettbewerb zu laufen. "Love Is All You Need" lief in Venedig dagegen nur außer Konkurrenz. Es gibt einfach nicht so eine Tradition für leichtere Filme dort. Aber mal ganz ehrlich: Es gibt Festivals, da wollen Sie schon, wenn Sie nur das Programm druchblättern, aus dem Fenster springen. Weil alle Filme so depressiv sind. Man muss es schon als gutes Zeichen sehen, wenn auch solche Filme dort laufen. Obwohl auch "Love Is All You Need" sicher nur da lief, weil es um Krebs ging.

Morgenpost Online: Derzeit gibt es in Europa eine Diskussion über Frauenquoten. Müsste es die auch im Filmbusiness geben? In Cannes gab es in diesem Jahr ja nicht eine einzige Regisseurin im Programm.

Bier: Das ist schwer zu sagen. Cannes ist sehr speziell, da mögen die Probleme anders gelagert sein. Vielleicht ist es nur die Folge einer sehr, sagen wir mal: altbackenen Auswahlgremiums. Aber natürlich gibt es in allen Gesellschaftsschichten zu wenig Frauen. Schauen Sie sich nur mal die Manageretagen in den größeren Firmen an: kaum Frauen. Schauen Sie in die Hollywoodstudios: kaum Frauen. Obwohl es nicht gern gehört wird, denke ich, nein: bin ich überzeugt, dass sich Frauen ab einem gewissen Alter gezwungen sehen, zwischen Karriere oder Familie zu entscheiden. Tja, so ist es leider immer noch. Das gilt auch für Regisseurinnen. Das verträgt sich nicht gut damit, Kinder zu haben.

Morgenpost Online: Sie haben welche.

Bier: Eben. Ich weiß, wovon ich rede. Mein Sohn ist 23 und meine Tochter 17. Ein Großteil meiner Karriere habe ich nur mit Kinderbetreuung gemeistert. Dänemark hat da ein wirklich hervorragendes System. Das hätte ich so wohl nirgends anderes managen können. Aber es ist eine große Frage, die man sich da stellen muss: Willst du das wirklich? Denn es muss dann schon laufen. Ich wollte unbedingt, dass es läuft. Beides. Die Kinder und die Filme.

Morgenpost Online: War es nicht schwierig, als die Kinder klein waren?

Bier: Nein. Es war eine Wahl, und ich habe sie getroffen. Ich hatte keine großen Bezüge, aber dafür hatte ich ein sehr erfülltes Leben. Und darum ging es bei der Entscheidung.

Morgenpost Online: Jetzt sind die Kinder groß. Lockt der Oscar da über den großen Teich? Sie haben gerade einen Hollywoodfilm gedreht, "Serena" mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper.

Bier: … und der ist, um das mal gleich vorauszuschicken, wieder ein sehr dunkler Film. Ich werde also nicht einen neuen Weg einschlagen. Gedreht wurde übrigens auch in Prag. Also in Europa.

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