17.11.12

Kino

Martin Scorsese, der Pate der Filmkunst, wird 70

Der New Yorker hat sein Leben dem Kino gewidmet. Als Regisseur, Produzent und Konservator. Dafür feiert ihn Berlin mit einer Ausstellung.

Foto: dapd

Ein großer New Yorker: Im Alter wird Martin Scorsese rein äußerlich Woody Allen immer ähnlicher
Ein großer New Yorker: Im Alter wird Martin Scorsese rein äußerlich Woody Allen immer ähnlicher

Der schlimmste Tag im Leben des Martin Scorsese war die Oscar-Nacht 2003. Gleich zehn Mal war "Gangs of New York" nominiert, ein Leib- und Magenprojekt, für das der Regisseur lange gekämpft hat. Aber in jeder Kategorie ging der Oscar an einen anderen.

Die Gewinner mussten auf dem Weg zum Treppchen ständig an Scorsese vorbei. Und der rutschte, während die ganze Welt ihm via TV zusah, immer tiefer in den Sessel, schaute immer verzweifelter. Keine einzige Trophäe gab es am Ende. Welch eine Schmach, welch eine Niederlage.

Zwei Jahre später war die Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Diesmal war Scorsese mit "The Aviator" vertreten, und der war sogar elf Mal nominiert. Anfangs sah es noch ganz gut aus, alle Nebenpreise, die ja immer zuerst verliehen werden, gingen an den Howard-Hughes-Film. Aber als es um die wichtigen Kategorien ging, wieder Fehlanzeige. Alles ging an Eastwoods "Million Dollar Baby". Und wieder versteinerte Scorseses Gesicht vor den Augen der Welt.

Späte Versöhnung mit 64

Wie absurd: Martin Scorsese ist einer der beliebtesten und, wichtiger noch, begehrtesten Regisseure Amerikas. Die Stars reißen sich darum, bei ihm mitzuspielen. Die Filmakademie liebt ihn auch wegen seines Einsatzes fürs Filmerbe. Aber in den entscheidenden Tagen ging der Liebling aller leer aus.

Ein Mann, der solche Filme macht, hat es vielleicht nicht nötig, sich über derlei Trophäen zu definieren. Aber wer Scorsese damals sah, diese bitter zusammengepressten Lippen, diese Trauer in den Augen, der weiß es besser.

Und dann die Erlösung, endlich, noch einmal zwei Jahre später, bei "The Departed". Nur fünf Mal war der Thriller 2007 nominiert, aber diesmal siegte er. In den wichtigen Kategorien Schnitt, Drehbuch, bester Film (ein Preis, der traditionell an die Produzenten geht) - und schließlich auch: beste Regie.

Von Kürzertreten keine Spur

Niemals strahlte Scorsese mehr als an diesem Abend, und auch der Saal schien regelrecht aufzuatmen. Das Hitchcock-Dilemma war abgewendet. Der Master of Suspense hat nie einen Oscar für einen seiner Filme entgegennehmen dürfen, der Ehren-Oscar am Ende wirkte eher wie ein schaler Trostpreis. Scorsese ist zweifellos ein Kinomagier auf derselben Augenhöhe: einer, der das Kino nicht nur bereichert hat, sondern der dafür brennt, der ihm sein Leben verschrieben hat. Er musste allerdings erst 64 alt werden, um von seiner Branche dafür gefeiert zu werden.

Heute wird Scorsese bereits 70. Aber vom Kürzertreten keine Spur. Gerade dreht er mit Leonardo DiCaprio "The Wolf of Wall Street", ein packendes Drama über Korruption an der New Yorker Börse, ein nächster Film, "Silence", ist bereits in Vorbereitung. Und dann steht "Sinatra" an, noch so ein Leib- und Magenprojekt, das er seit Jahren verfolgt: das Leben von Frank Sinatra zu verfilmen.

Kongeniale Partnerschaften

Martin Scorsese, oder "Marty", wie ihn alle liebevoll nennen, Marty also ist neben Francis Ford Coppola der prominenteste und wirkungsmächtigste Vertreter des New Hollywood, das in den frühen Siebzigern angetreten war, das verkrustete Studiosystem aufzumischen. Filme, die direkter, realistischer, echter waren, die nicht in den Ateliers, sondern auf den Straßen entstanden. Und auch von ihnen erzählten. Marty kannte sie, als Sohn italienischer Einwanderer, der in Little Italy aufgewachsen war. Neben Woody Allen – dem er übrigens im Alter immer ähnlicher wird – ist er der andere große New Yorker Filmemacher, der lieber in seiner Stadt dreht als im kalifornischen "Tinseltown".

Seine ersten Filme handelten von den Underdogs dieser Straßen, Harvey Keitel war dabei sein erstes Alter Ego. Kultstatus erreichte Scorsese schon 1978 mit "Taxi Driver" und einem Robert De Niro, der durchdreht. De Niro & Scorsese wurden fortan zu einem Erfolgsduo, das so unterschiedliche Meilensteine kreierte wie den Boxerfilm "Wie ein wilder Stier" oder die Mafiaballade "Good Fellas".

Immer wieder schockierte Scorsese mit seiner drastischen Darstellung von Gewalt. Vielleicht auch ein Grund, warum man trotz aller Bewunderung immer ein wenig reserviert blieb. Aber die Art, wie er filmisch erzählte, wie er mit seinem langjährigen Berliner Kameramann Michael Ballhaus Bilderwelten komponierte oder mit seiner noch längerjährigen Cutterin Thelma Schoonmaker große Epen montierte, das alles machte seine Filme quasi schon ab Kinostart zu Klassikern.

Filmische Gegengeschichte der USA

Mehr und mehr war, vor allem in späten Filmen wie "Zeit der Unschuld", "Casino" oder "Gangs", der Ansporn zu erkennen, dass er fast enzyklopädisch so etwas wie eine Gegen-, eine Anti-Geschichte der Vereinigten Staaten entwarf, mit der ur-amerikanischsten aller Kunstformen, dem Cinema. Mit DiCaprio hat er dafür ein spätes drittes Alter Ego gefunden, mit dem er schon seit einer Dekade arbeitet. Das Erfolgsprinzip Scorsese erklärt sich großenteils aus solch langen, kreativen Bindungen vor wie hinter der Kamera.

Verehrer und Verehrter zugleich

Aber eben nur zum Teil. Denn Scorsese ist ja nicht nur ein Kinomagier, sondern auch sein bestes Publikum. Er hat das Kino mit der Muttermilch aufgesogen, hat sich filmisch die Welt erklärt. Und verzehrt sich nicht nur für die eigenen Filme. Kaum hoch genug einzuschätzen ist sein Einsatz zum Erhalt des Filmerbes, alter Zelluloidschätze, die vom Verfall bedroht sind. Selbst der Kintopp der allerersten Jahre.

Der wird im besten Falle wieder zu neuer, hochmoderner Filmkunst wie Scorseses "Hugo", der erst im Februar in die Kinos kam: eine Huldigung, eine Verneigung vor den allerersten Filmpionieren.

Große Ausstellung im Filmmuseum Berlin

Verehrer und Verehrter zugleich: Jetzt kommt auch der Kinopionier Scorsese schon zu Lebzeiten zu musealen Ehren. Und zwar in Berlin. Das Arsenal-Kino widmet ihm ab 6. Dezember eine große Retrospektive mit 22 seiner Filme. Und das Berliner Museum für Film und Fernsehen im selben Haus widmet ihm ab 10. Januar bis in den Mai hinein eine große Ausstellung.

Es ist die weltweit erste Schau über den Paten des Kinos, die mit raumgreifenden Videoinstallationen und emblematischen Originalobjekten den Filmemacher in all seinen Facetten vorstellt. Endlich mal eine Auszeichnung, die Marty früher zuteil wird als anderen.

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