15.11.12

Oper

Jürgen Flimm gratuliert Daniel Barenboim zum 70. Geburtstag

Der Intendant der Berliner Staatsoper über seinen alten Weggefährten und jetzigen Mit-Kombattanten Unter den Linden.

Von Jürgen Flimm
Foto: Reto Klar
ja
Der Herr in seinem (Ersatz-) Haus: Daniel Barenboim im Foyer des Schiller-Theaters, dem derzeitigen Domizil der Staatsoper

Das muss eine verdammt lange Fahrt gewesen sein, die beiden standen wohl an der Reling und über ihnen bauschten sich die Segel auf dem Seelenverkäufer, der sich auf und ab hob und im rollenden Wellengang knarrte und ächzte. Sie mögen sich wohl die jungen Augen ausgekuckt haben, nach dem schmalen Küstenstrich eines gelobten Landes: "Da!" mag einer aus der Menge gerufen haben und großer Jubel erhob sich, der Mann im Ausguck schrie: "Land! Land! Und als ob dieses Rufen ein Kommando war, warf sich das Schiff in die Brandung, nahm Fahrt auf und über dem Horizont wuchs aus dem Wasser: Argentinien.

Die Menge auf dem schwankenden Deck schulterten Rucksäcke, nahmen die Koffer, stopften die Bündel unter die Arme und hoben die Kinder über die Köpfe: "Schau doch! Argentinien!" Schwankende Bretter überbrückten schnell Reling und festes Land, die Ankömmlinge sprangen behände der Zukunft entgegen in die Arme der Freunde und Familien, manche werden bittere Tränen der Erleichterung vergossen haben; wieder frei sein, keine Plünderungen und Vergewaltigungen mehr, keine toten Mütter, Väter und Kinder. Sie kamen aus Russland im Jahre 1904 und waren endlich in Sicherheit, dem fürchterlichen Pogromen entkommen.

Eigentlich zweimal geboren

Freilich standen da in der glücklichen Menge zwei mit Sack und Pack und allein. Unten warteten die Familien und Freunde und suchten aufgeregt. Nein, sagte der freundliche Kapitän, geht eben nicht, es dürfen nur Familien an Land, Kinder wie ihr, allein, ist verboten. Es tut mir ja sehr leid, wie gesagt, allein – nix. Verboten.

Der 16jährige Junge schaute nachdenklich auf das junge Mädchen; und wie es denn wäre, wenn er das ihm allerdings gänzlich unbekannte Persönchen heiratete, schließlich könnten sie doch unmöglich zurücksegeln, nach Russland, um dann von dem Terror der Pogrome erfasst zu werden? So könnte es gehen, murmelte der Schiffsführer und verheiratete flugs die beiden Kinder. Diese stürzten alsbald auf den rettenden Kontinent, die Familien ergriffen sie, herzten sie und stürmten hinweg, die Braut ohne Bräutigam, dieser ohne die Braut. Aber Jahre später trafen sie sich aus reinem Zufall wieder, umarmten sich und verliebten sich inniglich und heirateten erneut, Halleluja!

Er dachte, alle spielen Klavier

Kinder wurden ihnen geboren und Jahrzehnte später, am 15. November 1942, ein Enkel, der Daniel genannt wurde, nach dem Propheten des Nebukadnezar, der auch ein Schamane war und sich auf Gesichte und Träume jeder Art verstand und später König von Babel wurde. Es war ein überragender Geist in ihm, heißt es in der alten Bibel.

Der kleine Daniel wurde eigentlich zweimal geboren: ein neugeborenes Kind musste in Argentinien gleich innerhalb von drei Tagen registriert werden, das vergaß Vater Barenboim. So erschien er erst am 19. beim Beamten, der auf das Gesetz pochte, dann gnädig den 16.11. eintrug. Der kleine Prophet wuchs in Buenos Aires auf und da beide Eltern Klavierlehrer waren, lernte er das Klavier spielen, ganz selbstverständlich. Immer kamen Leute, die übten und lernten, so dass er dachte, die ganze Welt spielte Klavier! Und auch er lernte und spielte besser, als alle anderen.

Ein Knirps an Mozarts Instrument

Da war er fünfeinhalb und machte große Fortschritte auf dem großen Instrument. Das Wunderkind betrat alsbald das Podium. Auf dem Weg nach Israel, den Vater zog es in den neugegründeten Staat, gab es 1952 einen kurzen Aufenthalt im Musikland Österreich, im niedlichen Salzburg und er spielte damals zum ersten Mal mit den Philharmonikern aus Wien, unglaublich! Ob es das seit Mozarts Zeiten schon mal gegeben hat, der Knirps an Wolfers Klavier? Er wurde schnell erwachsen und nicht minder berühmt; der Pianist Daniel wurde ein Weltstar: "der einzige, den Berlin hat", lobte der kunstsinnige Bürgermeister Klaus Wowereit.

So kam er nach Berlin, nach Paris, Mailand, Chicago, London und den Rest der Welt, mit Lorbeer bekränzter Pianist und Dirigent. Mitten auf dem langen Weg von Israel in seine Zukunft begegnete er dem Literaturprofessor von der Columbus University in New York, dem scharfsinnigen Palästinenser Edward Said. Beide, der Israeli und der Palästinenser, wollten den anachronistischen Zustand, den unerklärten, wie heißt das dumme Wort: asymmetrischen Krieg zwischen ihren beiden Ländern nicht weiter hinnehmen. Wie von Kant beraten, gründeten beide in Weimar ein ziemlich buntes Orchester von Arabern vieler Länder und Israelis. Schalom! Die Botschaft hören wir wohl und Glaube gehört dazu: dass es geht! Dass die Musik uns verbindet, und dass es ein gemeinsames Ziel geben kann, Frieden. Geheimrat Goethe gab ihnen den Namen: der West-Östliche Diwan. Welch eine Idee, welch eine historische Tat der beiden Freunde; Daniel und Edward sollten wir preisen, so laut und lange es unsere Kehlen vermögen.

Einer der besten Musiker überhaupt

Über den Pianisten Daniel ist viel gesagt und viel geschrieben worden, über den Dirigenten ebenso. Vor vielen Jahren buhlte unser Orchester um ihn – die grandiose Staatskapelle wollte ihn als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden – er hatte schon oft in Berlin dirigiert, und schließlich sagte er ihnen zu. Das war für beide ein großer Gewinn, die Staatskapelle, ein kaum vergleichbarer Klangkörper von Weltrang, hat viel gelernt vom Maestro und sich so auch immer wieder neu formulieren können, und der großartige Dirigent, einer der besten Musiker ever, hat ein brillant klingendes Instrument zu seinen Füßen, neugierig und immer nahe seinen Absichten. Diese Partnerschaft währt nun schon über zwanzig Jahre und soll noch lange so sein, das Orchester hat Daniel nämlich auf Lebenszeit als seinen Dirigenten gewählt. Das war schlau, bravo! So kann er uns nicht mehr entwischen, der umtriebige Wirbelwind!

Lass die Havanna nicht ausgehen

Klug ist er und witzig dazu, angefüllt mit Scherzen, Sprüchen, Witzen, vornehmlich jüdischer Art. Als die deutschen Nationalkicker vor einigen Jahren die Argentinier 4:0 bei der WM 2010 geschlagen hatten, habe ich mich bei ihm entschuldigt, unsere Arbeit solle doch unbelastet weitergehen … Mach Dir keine Sorgen, sagte er und zog an der dicken Zigarre, ich bin auch noch spanischer Staatsbürger – Schmach, die Löw-Buben verloren bei dieser WM gegen Spanien 0:1. Olé!

Wie hat Brecht gesagt? Lass die Havanna nicht ausgehen! Hoch und lange sollst Du leben, das wünschen Dir, unserem Propheten und Zeichendeuter Daniel, der keine Löwengrube scheut, alle von Deiner Staatsoper und Dein Jürgen!

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Himmelskreaturen Der Angriff der Riesendrachen
Raumfahrt Nasa schickt wieder Astronauten ins All
Sexueller Missbrauch Neues Gesetz soll Kinder besser schützen
Merkel empfängt Emir "Katar unterstützt keine Terror- Organisation…
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

British Royal

Happy Birthday, Harry! Ein Prinz wird 30

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote