15.11.12

Film

Letzter Abschied von Ulrich Mühe und Susanne Lothar

"Nemesis", der letzte gemeinsame Film des Schauspielerpaares, kommt erst jetzt in die Kinos – sechs Jahre nachdem er gedreht wurde.

Foto: Limago Filmproduktion

Ein Ehekrieg, ein Nervenscharmützel: Susanne Lothar und Ulrich Mühe als Paar vor den Trümmern ihrer Ehe
Ein Ehekrieg, ein Nervenscharmützel: Susanne Lothar und Ulrich Mühe als Paar vor den Trümmern ihrer Ehe

Gleich am Anfang gibt es eine gespenstische Szene. Da steht Suanne Lothar im Badezimmer, im schönen Abendkleid, aber völlig leer und abgekämpft. Aus ihrem Mieder nestelt sie ein Schächtelchen mit Pillen, von denen sie sie eine schluckt. Dann greift sie zwischen den Handtüchern nach einem Flachmann und kippt den hinterher. Von außen hört man die besorgte Frage, ob es ihr gut gehe. Ja, ruft sie, ich komme gleich. Und dann quält sie sich, ein erschütternder Moment, ein Lächeln auf, bevor sie die Tür öffnet. Im Nachhinein sieht man so eine Szene völlig anders. Hat Susanne Lothar so, nach dem Tod ihres Lebensgefährten Ulrich Mühe, auch still in sich hineingelitten? Und niemanden etwas anmerken lassen?

Es ist immer ein wenig makaber, wenn nach dem Tod eines Schauspielers noch ein letzter Film ins Kino kommt. Und man auf diese Weise Abschied feiern kann. Bei Romy Schneider war das so, die im Mai 1982 einfach erloschen ist, nach dem Tod ihres Sohnes, und im Oktober dann noch einmal in "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" zu sehen war, der Film ihres Lebens, quasi ein Vermächtnis. Oder Monica Bleibtreu, die, im klaren Wissen über ihre Krankheit, wie im Ankämpfen dagegen, noch vier Filme gedreht hat, die dann nach und nach zu erleben waren. In einem davon, Fatih Akins "Soul Kitchen", wurde sie beerdigt und der Leichnam rutschte aus dem Sarg, ihr Sohn Moritz Bleibtreu ist in dieser Szene zu sehen.

Ein irgendwie öffentliches Paar

Aber noch nie war ein Kinostart so makaber wie nun der von Nicole Moslehs "Nemesis". Denn hier ist nicht nur Susanne Lothar zu erleben, die am 21. Juli dieses Jahres verstarb, sondern auch ihr Mann Ulrich Mühe, der fast auf den Tag genau fünf Jahre davor, am 22. Juli 2007, verschied. So lange hat es gedauert, bis das Debütwerk der jungen Filmemacherin nun doch noch auf die Leinwand kam. "Nemesis" ist ein Kammerspiel, das fast ausschließlich auf engstem Raum spielt. Und ist fast ausschließlich ein reines Schauspielerduell. Ein Ehekrieg. Ein Nervenscharmützel.

Die Lothar und der Mühe, das war irgendwie immer auch ein öffentliches Paar. Weil sie so symbiotisch waren. Und immer wieder auch zusammen gearbeitet haben, in zahllosen Filmen und noch zahlloseren Bühnenstücken. Unvergessen in Michael Hanekes Kinoschocker "Funny Games" (1997), wo sie von zwei Jugendlichen erst grausam gequält und schließlich umgebracht werden. Oder in Peter Zadeks Inszenierung von Sarah Kanes "Gesäubert", in der sie selbst Gewaltexzesse gegeneinander betrieben und ihr Spiel so auf die Spitze trieb, bis das Publikum aus den Hamburger Kammerspielen floh. Sie waren grandiose Schauspieler, die weit über ihre Grenzen gingen. Aber immer guckte man auch halblüstern durchs Schlüsselloch. Spekulierte ins Blaue hinein, ob die privat auch so miteinander umgingen oder ob sie sich so verausgabten, dass sie im Privatleben schlicht keine Kraft mehr zum Streiten hatten.

Annäherungen und Abstoßungen

Nach Parallelen kann man auch in "Nemesis" suchen. Auch wenn sie nicht angebracht sind. Geht es doch um eine alte Wunde, die nie verheilt ist. Mühe und Lothar spielen ein Ehepaar, das vor dem Ende steht, das sich trennen will. Denn in ihrem Ferienhaus ist die Schwester der Frau ermordet worden – mit der der Mann eine Affäre hatte. Und doch: Die vorsichtigen Annäherungen und dann wieder brüsken Abstoßungen des Paares, Mühe und Lothar haben sie zur Kunst perfektioniert. Und obschon dies natürlich nie gewollt war, ist das ihr später letzter gemeinsamer Vorhang, der nun endgültig fällt.

Ulrich Mühe hatte bis zuletzt seine Krebserkrankung geheim gehalten. Die Öffentlichkeit war damals bestürzt und überrascht, als die Meldung bekannt wurde. Wie Susanne Lothar letztlich starb, ist bis heute nicht öffentlich bekannt geworden. Selbstmord, vermuten die meisten. Vielleicht ist sie aber, wie einst Romy Schneider, aus Kummer einfach erloschen. Man hört das ja immer wieder von symbiotischen Ehepaaren: dass der, der übrig bleibt, ohne den Partner an seiner Seite nicht mehr weiter leben kann. Das war bei Giulietta Masina so, die nur drei Monate nach Federico Fellini starb. Oder bei Johnny Cash, der June Carter nach nur vier Monaten folgte.

Ein unguter Stern über dem Film

Der Tod liegt wie ein Schatten über "Nemesis". Der Film stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Der Film wurde fast mit Null-Budget gedreht. Das Schauspielerpaar hat nichts daran verdient, aber die beiden haben immer auch kleine Arbeiten junger Regisseure unterstützt. In nur 13 Tagen wurde gedreht, das war bereits im Frühjahr 2006. Schon die Endbearbeitung zog sich lange hin, auch wegen fehlenden Geldes, und wurde schließlich von Mühes Tod überschattet.

So zynisch das klingen mag: Natürlich waren gleich mehrere Verleiher daran interessiert, den Film danach herauszubringen. Aber Susanne Lothar wollte dies verhindern, vermutlich, weil sie eben nicht wollte, dass man als so etwas wie ein "Vermächtnis" ansehen würde. Wenn man den Schluss des Films gesehen hat, kann man das auch ein wenig verstehen. Am Ende haben sich die Schauspielerin und die Regisseurin aber doch gütlich geeinigt; eine Verschwiegenheitsklausel verbietet es Nicole Mosleh aber bis heute, zu verraten, worum genau man sich gestritten hat.

Vom Leben eingeholt

Im Oktober vergangenen Jahres gab es dann immerhin eine späte Berlin-Premiere des 90-Minüters, im Babylon-Kino in Mitte. Susanne Lothar warb jetzt sogar dafür und fand es plötzlich "schade, wenn der Film in der Schublade bliebe". Selbst eine gemeinsame Kinotour wurde geplant – aber dann starb auch die Hauptdarstellerin. Ein kleiner Berliner Verleih wollte den Film vertreiben, kam aber in finanzielle Schwierigkeiten. Am Ende bringt ihn Nicole Mosleh jetzt entnervt im Eigenverleih heraus.

"Der Film ist vom Leben eingeholt worden", gibt sie heute zu, "und bekommt eine völlig neue Bedeutung." Damit habe sie kein Problem. Aber: "Ihn zu starten mit zwei Toten, das ist schon sehr sehr merkwürdig." Manchmal denkt sie, sie sei selbst in einem bizarren Film. Eigentlich sollte ihr Werk im Oktober herauskommen, dann gab es aber noch eine Verzögerung. Stattdessen wurde der Starttermin auf den heutigen Tag verlegt. Was keiner bedachte: Es wäre exakt der 52. Geburtstag von Susanne Lothar gewesen.

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