09.11.12

Klassik

Beethoven als Konzertmarathon am Berliner Gendarmenmarkt

Berlin ist nicht nur die Stadt für Langstreckenläufer, sondern auch für Klassik-Langhörer. Im Konzerthaus werden 35 Konzert gespielt.

Von Volker Blech
Foto: Massimo Rodari

Fasziniert von dem großen Komponisten: Ivan Fischer, der neue Chefdirigent im Konzerthaus, widmet dem Wiener Klassiker einen zwölfstündigen Konzert-Marathon
Fasziniert von dem großen Komponisten: Ivan Fischer, der neue Chefdirigent im Konzerthaus, widmet dem Wiener Klassiker einen zwölfstündigen Konzert-Marathon

Der Beethoven-Marathon war seine Idee. Ivan Fischer, der seit Beginn dieser Saison Chefdirigent am Konzerthaus ist, hat dazu aufgerufen, den ganzen Sonnabend Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) zu widmen. Bei diesem ersten Komponisten-Marathon werden 235 Musiker in allen Sälen des Hauses Werke des Wiener Klassikers aufführen, 35 Konzerte sind über den Tag hinweg angekündigt. Und noch bis Sonnabend sind oben auf der Freitreppe zwei Laufbänder aufgestellt für einen Spenden-Marathon. 100 Stunden Laufen für Beethoven - mit Blick auf den Gendarmenmarkt - bringen 10.000 Euro für die Kinderklinik in Buch.

Selbst den einen oder anderen Dramaturgen, so ist im Hause zu hören, die normalerweise nicht einmal Turnschuhe besitzen, hätte das Lauffieber gepackt. Chefdirigent Fischer hat derweil im Haus geprobt, über schweißtreibende Marketing-Aktionen will er sowieso nicht reden. Über Beethoven dagegen schon. "Für mich geht es um Beethoven als Menschen und als Phänomen", sagt er: "Ja, er war furchtbar. Er war ein Rahmensprenger. Beethoven kann man sich nicht in einer Zwangsjacke vorstellen, in der wir alle doch stecken. Wir leben so bürgerlich, so gezähmt. Seine Instinkte ließen keine Regeln zu."

Schläge gegen die Taubheit

Beim Gespräch in seinem Dirigentenzimmer sitzt Fischer plötzlich am Klavier und führt vor, was ihn bei den Orchesterproben gerade beschäftigt. Es geht um die ersten Takte von Beethovens siebter Sinfonie, die er heute dirigieren wird. "Bei der Probe kam mir die Idee, dass er die Schläge zu Beginn geschrieben hat, damit er sie hören konnte. Seine Taubheit ist eine unheimliche Tragödie, er hat die schönste Musik geschrieben, die es überhaupt gibt, und hat sie selber nie gehört", meint Fischer: "Die Neunte hat er nie gehört, in der Siebten vielleicht noch einige laute Klänge."

Bereits beim Endzwanziger waren erste Gehörprobleme aufgetaucht. Nach einer letztlich erfolglosen Kur schrieb Beethoven im Oktober 1802 das berühmte "Heiligenstädter Testament". Noch will er "dem Schicksal in den Rachen" greifen. Ein Jahrzehnt später benutzt er Hörrohre, ab 1818 Konversationshefte, wo seine Gesprächspartner ihre Bemerkungen hineinschreiben. Seine Laufbahn als Pianist hatte längst geendet. "In seinem inneren Gehör war er ein perfekter Komponist, er brauchte kein Klavier, um sich auszudrücken", sagt Fischer.

Ein Genie pro Jahrhundert reicht

Offenbar sind die wirklichen Musikgenies daran zu erkennen, dass ihre Musik fast ausschließlich im Kopf entsteht und das Notenpapier nur gebraucht wird, damit andere es hinterher spielen können. Der Reisevirtuose Wolfgang Amadeus Mozart, das Genie des 18. Jahrhunderts, verbrachte große Teile seines Lebens in ruckelnden Kutschen, erst vor Ort schrieb er seine Kompositionen nieder.

Dmitri Schostakowitsch, der Große des 20. Jahrhunderts, nervte die Familie mit seiner abwesenden Gegenwart, bevor er hektisch alles niederschrieb. Und Ivan Fischer nennt ein weiteres Beispiel: "Die Familie hat mir erzählt, dass Richard Strauss auch nie am Klavier komponiert hat, sondern immer am Schreibtisch. Er war ein Schreibtischkomponist. Es gibt diese Genies. Eines davon pro Jahrhundert genügt." Beethoven war das tragische Genie des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Ivan Fischer, selbst Pianist, Komponist und Dirigent, weiß auch um die musikalischen Einbußen seiner Taubheit. "Diese ständige Frustration. Sich alleingelassen fühlen. Das kann zu stärkeren Gefühlen führen. Er hatte die Musik in sich. Aber sie ist im Spätwerk nicht immer praktisch komponiert", sagt er: "In der 'Missa solemnis' müssen die Soprane so hoch schreien, dass ihnen die Stimmen fast kaputt gehen. Bei den Klaviersonaten quietscht es oben in der etwas unnatürlichen Lage, bei älteren Instrumenten. Das hat er nicht mehr mitgehört."

Man tanzt sich fast zu Tode

Ein Blick auf bisherige Platteneinspielungen des ungarischen Dirigenten zeigt, dass er sich bislang mehr mit Mozart, Brahms, Mahler und natürlich auch Bartók beschäftigt hat. Beethoven macht sich dagegen rar in der Liste. "Es ging immer hin und her", sagt Ivan Fischer: "Wenn ich Beethoven mache, dann habe ich so eine große Faszination, dass ich am liebsten alles andere absagen möchte. Das dauert eine Weile an, und dann brauche ich den Abstand." Beethoven sei manchmal ganz manisch, das sei nicht lange auszuhalten. Ein Lieblingswerk möchte Fischer nicht nennen. Er sei da etwas launisch.

"Wenn mir beispielsweise der erste oder letzte Satz der Siebten Sinfonie zu kräftiges Fleisch ist, dann sehne ich mich nach der Erfrischung der Vierten, die wir heute auch spielen." In Beethoven sieht Fischer einen wilden, absolut nicht salonfähigen Giganten. "Ich fühle jeden Moment in seiner Musik diesen gigantischen Extremismus", sagt er. "Wenn er jetzt in diesen Raum hereinkäme, das wäre gefährlich. Er wäre fanatisch in unserer Konservation. Denn aus seiner Musik wissen wir, dass er alles extrem macht: den Jubel, die Lyrik. Der erste Satz der Siebten Sinfonie ist ein Tanz, aber man tanzt sich fast zu Tode."

Fünf, sechs Frauen gleichzeitig geliebt

Während das Konzerthausorchester unter Fischers Leitung ab 20 Uhr die Vierte und die Siebte spielt, dirigiert Antonello Manacorda am Pult der Kammerakademie Potsdam die Erste Sinfonie und Sopranistin Maria Bengtsson singt die Szene und Arie "Ah perfido!". In den Sälen ertönt zwischen 11 und 23 Uhr viel Kammermusik, es gibt Solokonzerte und natürlich die Klaviersonaten zu hören. Im Musikclub erklingt etwa die "Mondscheinsonate", die er 1802 der Gräfin Giulietta Guicciardi gewidmet hat. Beethoven und die Frauen ist ein Thema für sich und ganze Generationen rätseln, wer sich hinter der "Unsterblichen Geliebten" verbirgt.

Aber es fällt immer noch leichter, sich Beethoven als musikalischen Revolutionär denn als sexuelles Wesen vorzustellen.Bei dem Thema muss Fischer schmunzeln. "Er hat starke Gefühle gehabt, sicherlich auch in der Liebe. Wahrscheinlich hat er fünf, sechs Frauen gleichzeitig geliebt. Ich weiß es nicht", sagt er, aber "er war sicherlich nicht langweilig. Allein diese Erscheinung. Er war ein Typ für Frauen, die einen gefährlichen Mann suchen."

Beethoven hatte weniger Angst

Beethoven könne starke Gefühle erzeugen, weiß Fischer, und das habe etwas Gefährliches. "Aber es gibt keine Musik, die mir Angst macht. Wenn überhaupt, dann habe ich eine ganz andere Art Angst. Es gibt gewisse Teile bei Gustav Mahler, in die er seine Angst hineinkomponiert hat. Die fühle ich, weil es auch meine sind. Das finde ich beängstigend. Ich erfahre Beethoven auch sehr persönlich, aber er hat weniger Angst als Mahler."

Beethoven habe die Welt verändert, glaubt Fischer. "Er hat das Intuitive eingeführt in die Musik. In der Zeit davor war der Musiker nur ein Diener irgendeines Kurfürsten. Da musste alles einen guten Geschmack haben, damit sich alle wohlfühlen. Beethoven dagegen komponiert, was er selbst komponieren will."

Beethoven-Marathon Konzerthaus am Gendarmenmarkt, 10. November 2012, 11-23 Uhr.

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