08.11.12

Fotografie

18 Fotografen der Agentur Ostkreuz loten Grenzen aus

Unvergessen ist die Ausstellung vor drei Jahren über die alte DDR. In der neuen Schau in Berlin geht der Blick in die weite Welt.

Foto: © Dawin Meckel / OSTKREUZ

Trügerisches Idyll: David Meckels „Vern auf Taubenjagd“, aufgenommen in Kanada
Trügerisches Idyll: David Meckels "Vern auf Taubenjagd", aufgenommen in Kanada

Ein gutes Bild stellt dem Betrachter eine Frage. Es zwingt ihn, sich in die Situation hineinzuversetzen. Es fragt: Was würdest Du tun, wärest du in dieser Situation? Sibylle Fendt hat Menschen fotografiert, die alltäglich und durchschnittlich aussehen und ohne besondere Eigenschaften zu sein scheinen. Nur, sie sind doch anders, sie sind Flüchtlinge. Sie leben in Berlin, vertun ihre Zeit in Heimen, dürfen nicht arbeiten und müssen warten. Sie warten auf eine Entscheidung, sie warten, ob sie bleiben können oder gehen müssen, sie warten, dass ihr Leben weitergeht. Sibylle Fendt hat auch die andere Seite festgehalten. Die Ämter in Köpenick, dernBesucherraum im Abschiebegewahrsam, die Bürozimmer, die Orte der Zeitvernichtung. Die Menschen würden jahrelang in diesem ungeklärten Zustand leben, erzählt die Fotografin.

Ein gutes Bild gibt dem Betrachter ein Rätsel auf. Es fragt: Was ist denn hier passiert? Ute und Werner Mahler haben sich auf die Suche nach der ehemaligen innerdeutschen Grenze gemacht. Es ist eine Spurensuche geworden. Wo früher die Mauer stand, wachsen heute Moos, Sträucher und Bäume. Zuweilen an ungewöhnlichen Orten. Da sieht man auf einem Bild eine verwitterter Schiene, auf der wiederum Bäume gewachsen sind. Es sind große Bäume und man fragt sich: Wo kommt denn diese vergessene Schiene her? Welche Strecken waren verbunden? Wann wurde sie gekappt – vor dem Bau der Mauer? Kann sich die Natur innerhalb einer relativ kurzen Frist, gut zwei Dekaden, den Raum erobern?

Prostituierte und Junkies

Ein gutes Bild führt den Betrachter in Gegenden, in die er sich selbst ungern begibt. Tobias Kruse war am früheren Busbahnhof in Tel Aviv. Das ist kein schöner Ort. Die Häuser sind Ruinen, die Menschen Wracks. Wir sehen Prostituierte und Stricher und Junkies und sie sehen nach schlechten Drogen und ungesundem Sex aus. Und dennoch ist das Bild einer halb nackten, dünnen, jungen Frau, deren Rock herunterhängt und selbstbewusst mit beiden Unterarmen an einen Bretterverschlag lehnt, das einzige Bild der ganzen Ausstellung, auf dem ein Mensch lacht und glücklich zu sein scheint, wenigstens für diesen einen Augenblick.

Gute Bilder sind wie gute Textreportagen: Fragen stellen, Antworten suchen, Unbekanntes entdecken. Sie sind in der Ausstellung "Über Grenzen" zu sehen und sie kommen, wenig verwunderlich, von der Agentur Ostkreuz. Diese entstand nach dem Mauerfall als Zusammenschluss der wohl besten Fotokünstler der DDR wie (der mittlerweile verstorbenen) Sibylle Bergemann und Arno Fischer. Sie arbeiten journalistisch. Sie suchen nach unerzählten Geschichten, sie geben Zeugnis über das Leben der Menschen, sie suggerieren nichts, sie berichten.

Grenzen und Ausgrenzungen

Vor drei Jahren hatte die Agentur, ebenfalls im Haus der Kulturen der Welt, die Ausstellung "Ostzeit". Diese durchschritt man in Zustand konstanter Verblüffung, waren es doch Bilder aus der vertrauten DDR, die einem auf einmal so weit weg, so untergegangen, so erledigt erschien wie nie zuvor. Für die Ausstellung "Über Grenzen" haben die 18 Fotografen nun größtenteils das Land verlassen und nach neuen Grenzen gesucht. Sie haben reale Barrieren wie die in Belfast zwischen Protestanten und Katholiken gefunden oder die EU-Außengrenze. Sie machen die Grenzen sichtbar, die nicht aus Mauern und Polizisten bestehen, sondern in der Ausgrenzung: Roma, die in Südosteuropa immer Außenseiter bleiben. Oder die Chinesen, die in der italienischen Textilstadt Prato die Betriebe übernommen haben (um unter schlechten Arbeitsbedingungen Kleidung "made in Italy" zu produzieren), und von der einheimischen Bevölkerung abgelehnt werden.

Das Konzept beinhaltet die Gefahr, dass die Ausstellung zu sehr das Elendige betont. Der Sprung von "Grenzen" zu den "Ausgegrenzten" ist nicht nur sprachlich ein kleiner Schritt. So tat Bernd Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, den Fotografen keinen Gefallen, als er bei seiner kurzen Ansprache den Aspekt der Erbärmlichkeit des Lebens und die Dokumentation der "geschundenen Körper" betonte. Viel mehr zeigen die Ostkreuzler in den guten Momenten eine Wirklichkeit, ohne auf den Effekt zu achten. Interpretieren muss der Betrachter sie schon selbst.

Über Grenzen. Eine Ausstellung von "Ostkreuz –Agentur der Fotografen".

Haus der Kulturen der Welt, John-Forster-Dulles-Allee 10, Tiergarten. Tel.: 39 78 71 75. Bis 30.12., Mi-Mo 11-19 Uhr. Eintritt: 5, ermäßigt 3 Euro.

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