08.11.12

Kim Ki-duk

Eine drastische "Pietà" für die Berliner Kinos

Drastisch und bildstark: In Venedig gewann Kim Ki-duk den Goldenen Löwen. Jetzt kommt "Pietà" in unsere Kinos.

Von Peter Zander
Foto: (c) MFA+

Läuterung eines Killers: Eiskalt übt Lee Kang-do (Lee Jeong-jin, l.) seinen Job aus. Bis plötzlich seine Mutter (Jang Mi-sun) vor ihm steht und nicht mehr von ihm weichen will
Läuterung eines Killers: Eiskalt übt Lee Kang-do (Lee Jeong-jin, l.) seinen Job aus. Bis plötzlich seine Mutter (Jang Mi-sun) vor ihm steht und nicht mehr von ihm weichen will

Klage keiner mehr über einen Knochenjob! Wie hart der auch immer sein mag, der Begriff ist nach diesem Film tabu. Denn in "Pietà" gibt es jemanden, der buchstäblich einen solchen ausübt. Ein junger Mann treibt für einen Geldverleiher Schulden ein. Weil die Zinsen aber horrend sind und die Schuldner sie unmöglich zahlen können, bricht er ihnen die Knochen - um ihre Unfallversichung zu kassieren. Er tut das mit Hammer oder Schraubenschlüssel. Und seine Opfer bieten ihm ihre Knochen geradezu willig an - weil sie sonst nichts haben. Gleich zu Beginn gibt es solch eine Szene, bei der eine zartbesaitete Freundin von mir den Saal verlassen musste. Sie kam später wieder, schaute aber dennoch öfter weg als hin.

Kim Ki-duk war noch nie zimperlich. Der südkoreanische Regisseur wurde im Jahr 2000 mit seinem vierten Film "The Isle" berühmt. Und das vor allem , weil die Vorführung bei den Filmfestspielen von Venedig wegen Ohnmachtsanfällen mehrfach unterbrochen werden musste. In "Pietà", seinem nun schon 18. Film (man beachte den Fleiß dieses Regisseurs), erspart er uns gottlob die härtesten Szenen. Zumindest die Kamera hält nicht drauf, wenn die Knochen zertrümmert werden. Schwer erträglich ist es dennoch, denn der Film läuft im Kopf ja weiter.

Geld löst keine Probleme

Muss man sich sowas anschauen?, hat meine Freundin verstört gemurmelt. Leider ja, musste ich sie enttäuschen. Denn das hier ist ja nicht Gewalt um der Gewalt willen, kein Slasher- oder Zombiefilm, wo die unappetitlichen Szenen stets Selbstzweck sind. Kim Ki-duk geht es um nichts weniger als eine ätzende Kritik an unserer kapitalismusgläubigen, ja -hörigen Gesellschaft. Alle dächten, so wiederholt der Regisseur fast mantramäßig, Geld löse alle Probleme, dabei schaffe es sie erst.

Der junge Lee Kang-do (Lee Jeong-jin) ist denn auch der ideale Mensch für diese entartete Welt. Ohne je ein Gefühl zu zeigen, ohne überhaupt zu einer menschlichen Beziehung fähig zu sein, geht er eiskalt seinem unmenschlichen "Job" nach. Bis dann eines Tages eine ältere Frau vor seiner Tür steht und behauptet, seine Mutter zu sein. Die, die ihn nie hatte haben wollen. Die, die ihn gleich nach der Geburt weggegeben hat. Und womöglich schuld daran ist, warum er wurde, wie er ist. Jetzt weicht Jang Mi-sun (Cho Min-soo) nicht mehr von seiner Seite. Auch wenn der Sohn sie erst von sich stößt und dann zu vergewaltigen sucht, ergreift sie nicht die Flucht. Jetzt bei ihm zu sein, das scheint die späte Reue, eine Art Martyrium für die verlorene Mutter zu sein.

Ikonographie auf den Kopf gestellt

Nicht umsonst heißt der Film "Pietà". Kim Ki-duk spielt mit der christlichen Ikonographie. Auch wenn er sie gehörig auf den Kopf stellt. Hier liegt am Ende kein Erlöser im Schoß seiner Mutter. Hier ist sie die Erlöserin, an die sich der Sohn schließlich schmiegen wird. Denn tatsächlich löst ihre Präsenz eine Läuterung aus. Plötzlich findet er seinen Job genau so schlimm wie die Freundin neben mir. Aber wie so oft, kommt die Besserung zu spät. Denn nun sind es die Opfer, die sich rächen wollen, oder doch deren Angehörigen. Oder warum ist die Mutter plötzlich verschwunden? Wurde sie nicht entführt, um ihm Gleiches mit Gleichem heimzuzahlen? "Pietà" heißt im Italienischen Mitleid. "Pietà" zeigt uns aber eine mitleidlose Gesellschaft, und statt eines letzten Trostes gibt es eine späte, eher alttestamentarische Rache Auge um Auge. Kim erreicht sein Publikum wie durch ein Purgatorium, durch das man gegangen sein muss.

Nun darf man sich Kim Ki-duk keinesfalls als zynischen Regisseur vorstellen. Im Gegenteil: Als vor vier Jahren während des Drehs seines Film "Dream" ein Unfall geschah und eine Frau beinahe erhängt worden wäre, verfiel der Regisseur in eine Schaffenskrise. Und in tiefe Depression. Für lange Zeit zog er sich in eine einsame Waldhütte zurück. Ein Akt der Buße, eine Selbsttherapie. Darüber drehte Kim, anders kann er sich nun mal nicht mitteilen, einen Film. In der Doku "Arirang", letztes Jahr in Cannes gezeigt, ist zu sehen, wie er wieder und wieder jenes koreanische Volkslied anstimmt, das dem Film den Namen gab: ein überaus beliebtes Volkslied, das den verfeindeten koreanischen Ländern als Ersatz-Nationalhymne dient.

Beinahe in Europa gedreht

Fast schien der Filmemacher damit seinem Metier verloren und "Arirang" sein Schwanengesang. Da meldete er sich mit "Pietà" im September auf dem Festival von Venedig zurück. Mit gewohnter Bildgewalt. Und gewohnter Drastik. Obschon verwöhnt mit Auszeichnungen, hat Kim mit dem Goldenen Löwen erstmals den Hauptpreis eines Festivals gewonnen. Und stimmte zum Dank noch einmal jenes "Arirang" an, das ihm in der Zeit der Krise ein solcher Trost gewesen ist.

"Pietà" ist sein beißender Kommentar auf die westliche, dem Kommerz ergebene Gesellschaft. Und damit zielt der Regisseur durchaus nicht nur auf die eigene, koreanische. Ursprünglich hatte er "Pietà" sogar in Europa drehen wollen, mit Stars wie Jude Law und Isabelle Huppert. Ob Kim dann ein paar Zugeständnisse an das Publikum gemacht hätte? Man darf das Gegenteil vermuten. Aufgegeben hat er den Plan nur, weil ihn die langwierigen Verhandlungen abgeschreckt haben. Bis die Stars sich entschieden hätten, hatte er den Film in seiner Heimat längst abgedreht - und auch schon fertig geschnitten. So ist Kim Ki-duk sogar zu den eigenen Wurzeln zurückgekehrt. Gedreht hat er in Cheonggycheon, jenem Stadtteil von Seoul, der einst als Symbol für die Industrialisierung Südkoreas stand, aber längst abgewirtschaftet hat. Hier hat Kim selbst in jungen Jahren als Hilfsarbeiter schuften müssen. Von hier rührt seine Wut auf die Gesellschaft und sein Mitgefühl für die kleinen Leuten.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Mexiko Ist diese Frau der älteste Mensch der Geschichte?
Mexiko Hunderttausende tote Fische machen Fischern Sorgen
Kampf gegen IS USA fliegen tonnenweise Hilfsgüter in den Nordirak
Erdrutsche Hochwasser in China führt zu acht Toten
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Nina Hagens Tochter

Schauspielerin Cosma Shiva Hagen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote