08.11.12

Krimi-Serie

Wie Tschirner und Ulmen den "Tatort" verändern wollen

Die Chemie stimmt schon mal: Die beiden Schauspieler stellen sich in Berlin als neue "Tatort"-Kommissare vor.

Von Peter Zander
Foto: dapd

Nora Tschirner und Christian Ulmen sind seit ihrer MTV-Show 2003 ein eingespieltes Team
Nora Tschirner und Christian Ulmen sind seit ihrer MTV-Show 2003 ein eingespieltes Team

Der Tatort: das Einstein-Café an der Kurfüstenstraße, die Raucherbar im ersten Stock. Die Tatzeit: Mittwoch, 12.30 Uhr. In den schweren Ledersesseln lümmeln sich Nora Tschirner und Christian Ulmen, die ständig giggeln und frotzeln. Kratzt er sich am Unterarm, stupst sie ihn an: "Hast du Flöhe?" Fragen wir, ob sie die Chefin von ihm ist, schlägt er sich die Hände vor den Kopf: "Bloß nicht." Frau Tschirner und Herr Ulmen sind das neue Traumpaar des Fernsehens. Wie Loriot und Evelyn Hamann. Wie Waldorf und Statler aus der "Muppet Show". Wie Ernie und Bert. Und dieses Dreamteam tritt an, den "Tatort" zu revolutionieren. Sie sollen im nächsten Jahr gemeinsam in Weimar ermitteln. Funkt es da zwischen ihnen? "Permanent", grinst Ulmen. Wir präzisieren die Frage: Funkt es vor der Kamera? "Permanent", grinst Ulmen.

Weihnachten wird zur Chefsache

Die beiden sind eine "Spätfolge". Eigentlich hat der MDR nach einem Team für Erfurt gesucht. Dort werden im kommenden Jahr Alina Levshin, Friedrich Mücke und Benjamin Kremme ihren Dienst antreten. Unter den 80 Ideen, die nach der öffentlichen Ausschreibung eingetrudelt sind, war aber eine, die den Sender nicht ruhen ließ: Tschirner & Ulmen. Und die ganze ARD ließ sich davon anstecken. So wird diese Folge außerhalb der üblichen Reihe produziert. Und weil dafür kein Budget vorgesehen ist, greifen alle gemeinsam in die Tasche. Der erste Fall aus Weimar soll nämlich am 26. Dezember 2013 ausgestrahlt werden.

Die ARD will die Weihnachtsfeiertage nicht mehr länger der Konkurrenz überlassen, die da gern Kinohighlights abfeuert. Die regulären Kommissare aber, gerade Platzhirsche wie Maria Furtwängler oder Jan Josef Liefers & Axel Prahl, trauen sich nicht an diesen Sendeplatz heran: Weil mehr Konkurrenz die Quote drückt. Bislang hat man deshalb nur "Tatort"-Wiederholungen zum Fest ausgestrahlt. Frau Tschirner und Herr Ulmen hingegen haben gerade unter dieser Prämisse zugesagt. Und die ARD ist selig ob so viel Wagemut.

Nun sind die 31- und der 37-Jährige ein eingespieltes Team. Gemeinsam haben sie die Filme "FC Venus" und "Alice im Niemandsland" gedreht plus die Fernseh-Märchenstunde "Hans im Glück". Vor allem aber haben sie zusammen die MTV-Show "Ulmens Auftrag" bestritten. Das war 2003. Wenn sie 2013 den "Tatort" abstecken, ist das ihr zehnjähriges Jubiläum. Darauf müssen wir sie allerdings erst mal stoßen, daran hätten sie gar nicht gedacht. Und jetzt giggeln sie schon wieder: "Na, hätten wir das gewusst, hätten wir uns mal für einen 'Tatort' bewerben sollen!"

Herr Lehmann wird Herr Lessing

Ulmen wird Lessing heißen. Herr Lessing. Kein Vorname. Das klänge so lässig, findet Ulmen. Vor allem klingt es nach "Herr Lehmann", jener Film, der ihn berühmt gemacht hat. Herr Lessing wird von Hamburg nach Weimar versetzt, wo er immer schon hin wollte, weil er literatur-affin ist. Kyra Dorn ist schon da. Noch so ein sprechender Name. "Ja, Dorn wie Thea", frotzelt Ulmen. Sehr viel mehr stehe aber noch nicht fest. Gerade wird heiß am Drehbuch gestrickt. Soviel immerhin: Mit Weihnachten soll ihr Krimi nichts zu tun haben. Gedreht wird im April.

Eines hat das neue Duo anderen Teams voraus: dass die Chemie stimmt zwischen ihnen, haben sie schon mehrfach bewiesen. Woran liegt das? "Ganz ehrlich", fragt Tschirner: "Christian riecht so gut." Beide lachen schallend. Dann versucht der Herr, der so gut riecht, das etwas sachlicher zu formulieren: "Es ist der Wegfall der Furcht, etwas Falsches zu sagen. Bei uns geht erst mal alles. Weil wir dasselbe Verständnis davon haben, was Humor darf. Wir nehmen nichts persönlich." Und: "Wir lassen dem anderen Raum, wir haben nicht so ein Ego-Ding am Laufen. Wer den Witz sieht", so Tschirner in bester "FC Venus"-Metapher, "schießt ihn halt ins Tor."

Schon bei ihrer MTV-Show sind sie da manchmal an Grenzen gestoßen. Weil ihr Team sich nicht so getraut hat wie die Moderatoren. Kurzzeitig hatten sie überlegt, mit der Show auf den Offenen Kanal zu wechseln. "Uns war es nicht wichtig, eine MTV-Show zu machen, uns war wichtig, eine Show zu machen", sagt Ulmen. Und so sei das auch jetzt: "Ich finde es faszinierend, dass es eine Marke wie den 'Tatort' gibt. Aber ich habe nicht so eine Grundehrfucht, dass ich alles machen würde, was unter diesem Etikett stattfindet. Wichtig ist für mich - noch vor der Marke -, dass wir beide Kommissare sind. Danach ist es das Sahnehäubchen, dass wir diesen geilen Vorspann dazu kriegen."

Keine Grundehrfucht vor dem Format

Und jetzt geht es ans Beichten. Als wir fragen, ob sie denn auch angenommen hätten, wenn sie allein gefragt worden wären, gibt Tschirner zu: Sie wurde schon mal gefragt. Hat aber abgesagt. Weil das Konzept nicht gestimmt hat. Und jetzt nickt auch Ulmen, ja auch ihn habe man schon gefragt. "Echt jetzt?" So ganz alles scheinen die beiden sich doch nicht zu sagen.

Es gibt gerade einen großen Umbruch beim "Tatort" zu verfolgen. Überall treten Ermittler in den Vorruhestand, überall treten immer mehr und immer jüngere Teams an. Gerade hat erstmals eine Vierer-Konstellation in Dortmund den Dienst angetreten, als drittes Team aus dem Ruhrgebiet, Devid Striesow wird demnächst im Saarland ermitteln, und in Hamburg wird es gleich zwei neue Kommissare geben: Wotan Wilke Möhring und Til Schweiger. Das alles sind, wie Tschirner und Ulmen auch, Kinostars, die sich früher nicht in die Serienschublade hätten stecken lassen. Und viele wollen nur, wie auch Ulrich Tukur in Hessen, nur einen Fall pro Jahr übernehmen, um sich die Kinokarriere nicht zu verbauen.

Diversifikation scheint das neue Zauberwort beim "Tatort". Aber verwässert das Format damit nicht? Nein, glaubt MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt, die Serie lebe gerade davon, dass sie sich immer wieder generalerneuert. Ganz eindeutig sucht man mit den Kinostars ein jüngeres Publikum an das öffentlich-rechtliche Schlachtschiff zu binden.

Es soll keine Parodie sein

Tschirner hat übrigens den "Tatort" nie regelmäßig geguckt. Höchstens wenn ein befreundeter Kollege einen Gastauftritt hat. Und Ulmen durfte nie. Er musste immer ins Bett, wenn die Vorspannmusik einsetzte, "bis vor 16 Jahren", kokettiert er. Es gibt also keine Vorgänger, an denen sie sich orientieren. Wenn überhaupt, orientieren sie sich wohl eher an "Ulmens Auftrag". Ist ihr "Tatort" dann überhaupt ernst zu nehmen? Oder werden die Komödienstars das Ganze, wie Liefers & Prahl, eher parodistisch anlegen?" "Wenn ich den 'Tatort' parodieren wollte, würde ich das tun", meint die Tschirner selbstbewusst, "aber nicht in einem 'Tatort'." Und ihr Kollege attestiert: "Wir sind ja keine Dödel." Aber auch das wird man erst wissen, wenn das Drehbuch fertig ist.

Zum Schluss die Gretchenfrage: Wird das ein einmaliger Fall sein? Oder wird das Duo wirklich auf Dauer vertatortet? "Wir legen es eher wie ein erstes Date an", sagt Nora Tschirner. "Wir wissen noch nicht, was draus wird. Wir sind in der Flirtphase und kaufen noch keinen Kinderwagen." Die ARD will an der Idee eines Weihnachts-, eines Event-"Tatorts" auf jeden Fall festhalten. Vielleicht auch mit immer neuen Eintagskommissaren.

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