08.11.12

Cabaret

Jetzt singt Andrea Sawatzki auch noch

Vor 24 Jahren hat die Schauspielerin ihren bislang einzigen Liederabend absolviert. Nun versucht sie sich im Tipi-Zelt noch einmal als Sängerin.

Von Peter Zander
Foto: dpa

Wer begleitet hier wen? Die Sanges-Novizin Andrea Sawatzki und ihr begnadeter Pianist Adam Benzwi im Tipi
Wer begleitet hier wen? Die Sanges-Novizin Andrea Sawatzki und ihr begnadeter Pianist Adam Benzwi im Tipi

Der Christian ist schuld. Im vergangenen Jahr haben Andrea Sawatzki und Christian Berkel nach 14 gemeinsamen Jahren doch noch geheiratet. Und zur Hochzeit wünschte sich der Gatte nur eines: ein Lied von seiner Frau. 1988, als sie gerade mit der Schauspielschule fertig war, hatte sie mit ein paar anderen Debütanten einen Liederabend entwickelt. "Schweinische Lieder" hieß er. Da wurde Kreisler, Brecht und Hollaender gesungen, so schweinisch war's gar nicht. Aber seither hat die Andrea nie wieder gesungen. Noch in der Hochzeitsnacht aber musste sie versprechen, es wieder zu tun.

Und so steht sie jetzt hier, auf der riesigen Bühne des Tipi. Ganz allein mit ihrem Pianisten. Und singt. Das zweite Lied ist von Rainer Bielfeldt, der vor 24 Jahren mit ihr besagten Abend gemacht hat und jetzt irgendwo im Saaldunkel sitzt. Ein klasse Lied. Von einer Berliner Jöre, die ihrem Liebsten gesteht, dass ihre Zähne falsch sind und ihre Hüfte und ihre Brüste. Nach jeder Strophe klatscht das Publikum frenetisch, weil es schon den Schluss vermutet, aber es kommt immer noch eine Strophe, kommt immer noch dicker. Ach, hätte die Sawatzki lauter solche frech-frivolen, eher unbekannten Couplets gesungen. Aber sie singt auch die "Seeräuber-Jenny". Es muss dringend ein Kurt-Weill-Verbot über Cabaretbühnen verhängt werden. Und sie singt Serge Gainsbourgs "Je t'aime... moi non plus" nischt nur mit fransösische Akson, nein, sie stöhnt auch den männlichen Part. Sie singt auch "Fever". Aber ohne entsprechendes Fieber.

Frau Sawatzki gibt nichts preis von sich

Jetzt singt sie auch noch: So hat Barbara Schöneberger jüngst ihren Liederabend benannt. Und allen Kritikern vorab den Wind aus den Segeln genommen. Warum, die Frage muss dennoch erlaubt sein, meinen jetzt alle singen zu müssen? Frau Sawatzki hat die Lieder mit ihrem Freund Thomas Quasthoff einstudiert. Und am Klavier begleitet sie Adam Benzwi, der wohl kongenialste Begleiter, den man sich vorstellen kann. Der kann die "Seeräuber-Jenny" wirklich so spielen, wie man sie noch nie gehört hat. Frau Sawatzki kann derlei Neuinterpretationen nicht bieten.

Muss sie ja gar nicht. Auch Maren Kroymann, eine Kollegin und Freundin der Sawatzki, ist keine begnadete Sängerin, stellt aber in ihrem fulminanten Programm "Gebrauchte Lieder" nicht nur Lieblingssongs vor, sondern erzählt auch, warum gerade die so wichtig waren in ihrem Leben. Frau Sawatzki erzählt nichts. Gibt fast nichts von sich preis, und wenn, dann meist Platitüden. Fast ohne Übergänge geht es von einem Lied zum nächsten. Was sie mit ihnen verbindet, weiß wahrscheinlich nur der Christian.

Dem Christian gefällt's

Andrea Sawatzki, "Tatort"-Kommissarin a.D., ist eine großartige Schauspielerin. Aber warum spielt sie nicht? Meist steht sie steif vor dem Mikro, die Arme hinterm Rücken. Juliette Gréco müsste ihr mal einen Schnellkurs geben, was man mit den Händen so alles machen kann. Erst im zweiten Teil wird die 49-Jährige etwas lockerer und setzt auch mal den Körper ein. Frau Sawatzki hat wunderbar abgründige Seiten. Aber auch wenn ihr Programm "Irgendwas ist immer, mal zum Lachen, mal zum Weinen" heißt, sie zwingt alle zum Lachen, mit koketter Jungmädchenstimme und ebensolcher Mimik. Das ist für einen ganzen Abend etwas monoton.

Bestimmt ist es eine Befreiung für eine Schauspielerin, mal nicht nach der Pfeife eines Regisseurs zu tanzen. Aber das fehlt sträflich an diesem Abend: eine erkennbare Regie, eine Klammer, die die Lieder zusammenhält. Dem Christian gefällt es dennoch. Das kann man sehen. Auch die geladenen Freunde applaudieren emsig. Aber der gewöhnliche Gast bleibt auf Distanz. Irgendwas fehlt immer.

Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tiergarten. Tel: 390 665 50. Termine: Bis 15. November 2012, Di-Sa, 20 Uhr, So 19 Uhr

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