03.11.12

Oper

Wie Hans Neuenfels mit Buhstürmen umgeht

Spätes Debüt: Mit 71 inszeniert der Regisseur erstmals für die Staatsoper. Ein Gespräch über Pubertät, Alkohol und den eigenen Tod.

Von Volker Blech
Foto: Amin Akhtar

„Die Kunst braucht die Droge nicht“: Hans Neuenfels in einer Probenpause im Foyer des Schiller-Theaters.
"Die Kunst braucht die Droge nicht": Hans Neuenfels in einer Probenpause im Foyer des Schiller-Theaters.

Das Telefon klingelt mitten im Gespräch. Umständlich hantiert Hans Neuenfels (71) mit seinem Handy. Die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar hat etwas vergessen und fragt nach. Eigentlich hatten sich beide gerade erst bei der Probe im Schiller-Theater gesehen. Seine Ehefrau ist fast immer mit von der Partie, wenn der Berliner Skandalregisseur etwas auf die Bühne bringt - diesmal ist sie eine Contessa. Neuenfels bereitet gerade Mozarts Jugendoper "La finta gardinieri" unter dem deutschen Titel "Die Pforten der Liebe" vor. Für sein Staatsopern-Debüt probt er mit Opernsängern und Schauspielern. Premiere soll am 24. November sein. Morgenpost Online hat mit ihm gesprochen.

Morgenpost Online: Mozart war gerade mal 19 Jahre, als er die Oper komponierte. Was hören Sie über ihn aus der Musik heraus?

Hans Neuenfels: Ich höre die Phase der Nachpubertät, die damals viel schwerer zu bewältigen war als heute. Pubertär war ein Schimpfwort. Man empfand es bis ins 19. Jahrhundert, ja in vielen Familien bis ins 20. Jahrhundert hinein als Belastung, über die niemand sprach. Mozart hat aus einem unendlichen Druck heraus komponiert. Er hat es in einer Form mit allen Eckigkeiten und Absurditäten gemacht. Erst später fand das Genie Mozart zur Einheit von Form und Gefühl. In dieser Oper ist es noch nicht ausgewogen, aber es hat seinen Reiz, ähnlich wie in den jungen Dichtungen von Schiller. Diese Vorform des Ichs zum Genie ist typisch.

Morgenpost Online: Die Oper hat schon eine etwas komplizierte Handlung.

Neuenfels: Die kann man nicht als kompliziert bezeichnen, sie ist einfach blöde. Es ist aber auch unsinnig, die Handlung innerhalb dieser Opernform zu korrigieren. Wir müssen eine völlig andere Ausdrucksform finden. Die Oper würde insgesamt fünfeinhalb Stunden dauern. Wir haben zuerst die Musik gelichtet. Dann haben wir gesagt, wir wollen einen neuen Text aus der Singsituation heraus entwickeln. Die Handelnden singen über Liebe, Tod, Begehren, Gier, über Entfremdung und Zwiespalt zu sich selbst.

Morgenpost Online: Wie viel Prozent ist jetzt noch Mozart, wie viel Neuenfels?

Neuenfels: Das ist ganz einfach. In den Dialogen gibt es nur Neuenfels, die Liedtexte, die auf Italienisch gesungen werden, sind vom damaligen Autor. Die Musik ist von Mozart, die ist sakrosankt.

Morgenpost Online: Normalerweise bevorzugen Sie als Regisseur das Düstere, Abgründige. Eine pubertäre Liebesgeschichte verspricht anderes?

Neuenfels: Ich habe eine ganz wichtige Mozartsche These: Im Gegensatz zu Verdi oder Wagner gibt es keinen Selbstmord. Bei Mozart kann ich wirklich keinen Selbstmord inszenieren, es ist unmöglich. Das ist gegen seine Haltung zur Welt und seine Musik drückt das aus. Das Aushalten der Existenz mit all ihren Problemen ist oberstes Gesetz.

Morgenpost Online: Wer steht Ihnen heute näher: Wagner oder Mozart?

Neuenfels: Ich habe bereits fünfmal Mozart inszeniert. Nach vier Jahren Wagner in Bayreuth ist Mozart für mich ein Zwischenspiel zur köstlichen Balance meiner Existenz. Bei Mozart ist es ja kein Aushalten auf dem Trockenen, Dürren, sondern im Verzücken, im Schwärmerischen.

Morgenpost Online: Sie sind Sie mit Mozart international in die politischen Schlagzeilen gekommen, als bei Ihrer "Idomeneo"-Inszenierung an der Deutschen Oper der Pappkopf des Propheten verschwand. Zuvor gab es angeblich eine Bedrohung aus islamistischen Kreisen und vorsorglich abgesagte Aufführungen. Schließlich fand man sich zu einer Islam-Konferenz zusammen und zeigte zwei Vorstellungen.

Neuenfels: Das Ganze war ein Zufall. Obwohl ich nicht glaube, dass es ein wirklicher Zufall war. Durch eine Dummheit wurde es zu einer Art von Lehre. Danach wurde endlich wieder öffentlich formuliert, dass zwischen Staat und Religion ein Unterschied besteht. Das war schon wichtig.

Morgenpost Online: Verstehen Sie sich als politischer Regisseur?

Neuenfels: Das habe ich immer abgestritten, weil ich das früher zu eng fand. Aber natürlich bin ich ein gesellschaftlicher Regisseur. Es interessiert mich, wie das Individuum in der Gesellschaft existieren kann. Ich glaube, dass das Schicksal, die Fügung stärker ist als der Mensch denkt. Aber der Mensch will immer stärker sein, das ist die Reibung. Wir wollen immer dem, was wir ahnen und wissen, entgehen. Aber durch irgendwelche Gründe, manche nennen es Gott, andere Zufall, ist unser freier Wille beschränkt. Wir gehen bei Grün über die Kreuzung und können dennoch von einem Lastwagen angefahren werden. Der Tod ist ein unausweichliches Schicksal.

Morgenpost Online: Ist es anstrengend, ein Skandalregisseur zu sein?

Neuenfels: Das ist ein Prädikat, das man nie los wird. Dabei ist diese Mozart-Inszenierung ganz zart, luftig und auch komisch. Nun gut, Humor kann das Publikum sehr verwirren. Für mich war die Rattengeschichte im "Lohengrin" ein überraschendes Beispiel dafür. Das Bayreuther Premierenpublikum stand vollkommen unter Druck, weil sie darüber nachdachten, was dahinter steckt. Dass die Ratten auch zauberhaft, possierlich sind, das konnten sie in der Premiere einfach nicht genießen. Das wurde in den folgenden Festspieljahren besser. Frau Merkel sagte, nachdem sie das dritte Mal drin war, zu mir: Es ist noch dichter geworden, Herr Neuenfels. (lacht)

Morgenpost Online: Aber traditionell kassieren Sie Buhstürme.

Neuenfels: Ja, was maßlos ist. Das hat damit zu tun, das ich immer versucht habe, die Fremdheit der Werke auf die Bühne zu bringen. Es ist doch ein weit verbreiteter Irrtum, dass ein Mozart oder ein Verdi einer von uns ist. Sie halten uns auch nicht den Spiegel der Gesellschaft vor, wie es immer so heißt. In den Werken der Genies steckt viel Anarchismus, eine wütende Kraft. Nun kommt das Publikum aus dem Büro oder aus dem wohl geordneten Heim und sieht sich dem ausgesetzt. Was soll es bei der ersten Begegnung tun? Es fremdelt und buht.

Morgenpost Online: Ist es heute schwerer zu provozieren?

Neuenfels: Es geht nicht um die Reizung. Heute besteht die Problematik darin, dass wir ganz andere optische Erfahrungen haben. Das Theater hat sich dem unterworfen. Heute hat jeder zu Hause Videos, also hat auch jedes Theater-Videos im Angebot. Es gibt eine Art Wohnraummentalität, die heute zwischen Theater und Publikum ausgetauscht wird. Die Aufführungen sind nicht mehr wirklich fremd, das ist nicht mehr Schiller oder Mozart. Insofern wird dem Publikum der Sprung aus ihrer Wirklichkeit in die Theaterästhetik genommen.

Morgenpost Online: Was braucht ein Stück, damit Sie es inszenieren?

Neuenfels: Einen Konflikt. Jedes Theaterstück hat sein Problem, ob Ödipus oder die beiden Liebenden bei Mozart. Oder wo liegt das Problem bei Don Giovanni? Er liebt unzählige Frauen, leidenschaftslos, und findet nicht zu sich selbst. Ich glaube, seine einzige Leidenschaft ist der Mord am Komtur. Das ist der einzige Stich, der passiert. Das ist seine einzige Erfüllung.

Morgenpost Online: Alkohol ist Ihr Problem, womit Sie ziemlich offensiv umgehen.

Neuenfels: Ja, natürlich. Aber das ist ein individuelles Problem. Die Kunst braucht die Droge nicht. Man kann nicht schreiben, wenn man beduselt ist. Aber es gibt Schöpfungs- oder Hochphasen wie die Proben, in denen ich bevorzuge, keinen Kaffee, sondern Wein zu trinken. Die Kunst ist herausgepresst, also muss jeder für sich einen Zustand finden, in dem er sich ihr nähern kann. Der eine geht joggen, der andere lebt asketisch, wieder andere lieben exzessiv Frauen oder Männer.

Morgenpost Online: Früher war immer alles besser, heißt es gern. Wie arbeitet es sich heute am Theater?

Neuenfels: Die Kommunikation hat sich schon verändert. Wenn das Handy mal nicht funktioniert, fühlt man sich gleich von der Außenweltabgeschnitten. (lacht) Aber die Struktur des Theaters ist wie früher. Die mit Hand gemachten Aufbauten, die Probleme der Technik, die Verhaltensweisen der Menschen zur Musik und den Texten. Es ist ein alter Beruf ähnlich wie der einer Hure. Die Praktiken bleiben immer dieselben.

Morgenpost Online: Sie haben früher am Schiller-Theater gearbeitet, jetzt inszenieren Sie hier eine Oper. Wie nehmen Sie den Ort wahr?

Neuenfels: Ganz ehrlich: Ich freue mich, dass ich das noch erleben darf, rein biologisch. Ich bin 71 und in dem Alter gehöre ich doch eigentlich auf ein Kreuzfahrtschiff. Aber ich könnte das sowieso nicht genießen.

Morgenpost Online: Denken Sie über den eigenen Tod nach?

Neuenfels: Natürlich denke ich darüber nach, der Tod hatte für mich immer eine große Bedeutung. Das ist für mich eine Partnerschaft, irgendwann wird es geschehen. Aber ich möchte nicht auf der Bühne sterben.

Premiere 24. November 2012, Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel.: 20 35 40.

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