31.10.12

Sanierung

Staatsoper wird für Berlin zum nächsten Problemfall

Die Bauplaner der Berliner Staatsoper wurden ausgewechselt. Am Eröffnungstermin wird dennoch festgehalten, aber höhere Kosten drohen.

Foto: dpa

Feinarbeiten: Stukkateure unter der Kuppel des späteren Zuschauerraumes, der um vier Meter angehoben wird
Feinarbeiten: Stukkateure unter der Kuppel des späteren Zuschauerraumes, der um vier Meter angehoben wird

Nach dem Berliner Flughafendesaster droht auch die Staatsoper-Sanierung eine endlose Baustelle zu werden. Bereits zweimal wurde die Wiedereröffnung um ein Jahr nach hinten verschoben.

Was ist dort jetzt passiert? Die Stadtentwicklungsverwaltung hat sich vom bisherigen Projektsteuerer, der Firma Drees & Sommer, getrennt. "Es gab unterschiedliche Vorstellungen, wie es mit dem Bauprojekt weitergeht", heißt es aus der Verwaltung. Jetzt sind Interimssteuerer eingesetzt und eine Neuausschreibung angekündigt.

Angeblich arbeiten Kollegen bereits daran - übersetzt heißt das: Der Leistungskatalog für die Sanierung der Staatsoper wird wohl verändert. Die Opposition im Abgeordnetenhaus wittert ein Debakel wie beim Flughafen. Die vom Senat beschlossene Neuausschreibung werde zu weiteren Verzögerungen bei dem Millionen-Projekt führen, erklärten die Sprecher für Bau- und Kulturpolitik der Grünen-Fraktion, Andreas Otto und Sabine Bangert, die finanziellen Folgen seien unabsehbar.

"Wir gehen davon aus, dass es zu keiner Verzögerung kommen wird", heißt es aus der Senatsverwaltung. Beim Thema höherer Baukosten wird dagegen jeder Optimismus vermieden. "Dazu kann man erst etwas sagen, wenn die Ausschreibung erfolgreich beendet ist".

Sprich: Wenn der neue Bauplaner sagt, was wirklich noch für Kosten anstehen. Von der alten Firma Drees & Sommer habe man sich "in gegenseitigem Einverständnis" getrennt, verkündet die Senatsverwaltung. Im Stuttgarter Büro war am Mittwoch niemand auskunftsbereit. Man solle eine Email schicken.

Die Firma ist mit dem Stuttgarter Flughafen betraut und in Berlin mit dem Stadtquartier Möckernkiez, wo rund 420 Wohnungen und ein Hotel entstehen sollen. Alle Beteiligten wollen nichts zu den Sanierungsproblemen sagen. So auch die beauftragte Interimsfirma Stein Projektmanagment mit Büro am Hohenzollerndamm. Dort ist man mit den Krankenhausprojekten Charité Campus Mitte, der Generalsanierung Campus Benjamin Franklin sowie dem Neubau der JVA Heidering in Großbeeren befasst.

Entlastung des Bauherren

Ohne Projektsteuerer läuft heutzutage kein Großprojekt, wozu auch die Staatsoper Unter den Linden mit knapp 240 Millionen Euro Sanierungskosten gehört, mehr. Projektsteuerer werben damit, den Bauherren zu entlasten. Von zunehmender Komplexität ist die Rede, von Finanz- und Termindruck. Der Bauherr braucht demnach nur zu sagen, was er haben will. So weit die schön klingende Geschäftsidee.

Jetzt arbeitet die Stadtentwicklungsverwaltung an der Ausschreibung, um einen neuen Projektsteuerer zu finden, der die Staatsoper fertig saniert. In der Ausschreibung ist auch der Leistungskatalog enthalten. Es geht um viel Geld, zumal der Bund 200 Millionen Euro beisteuert, alles darüber hinaus bleibt dem Land Berlin anhängig. Und das muss aufpassen.

Bei einem Opernhaus kommen sich künstlerische und bauspezifische Ansprüche gelegentlich in die Quere. Dazu gehört beispielsweise die Akustik im Saal, die insbesondere dem Generalmusikdirektor Daniel Barenboim wichtig ist. Um die Gestaltung des prächtigen Saales von Richard Paulick gab es bereits einen jahrelangen Streit.

Der von einer Jury prämierte Entwurf des Architekten Klaus Roth, der den Abriss des alten Saals und eine Neugestaltung des Zuschauerraums vorgeschlagen hatte, wurde nach Protesten vom Regierenden Klaus Wowereit kassiert. Das alte Ambiente bleibt, aber mit dem Ziel, die Nachhallzeit zu verlängern – ein Wunsch des Stardirigenten Barenboim – wird die Decke des Innenraumes um vier Meter angehoben, das Raumvolumen von 6500 auf 9500 Kubikmeter vergrößert. Die Nachhallzeit soll von 1,1 auf 1,6 Sekunden erhöht werden. Dazu sind enorme bauliche Eingriffe und viel Feinarbeit nötig.

"Ich weiß nicht, warum die die Projektsteuerer ausgewechselt haben", sagt Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm und fügt hinzu: "Aber ich denke, weil man etwas wenden will". Zum besseren hoffentlich. Als Regisseur mache er auch Umbesetzungen, damit die Aufführung am Ende besser wird. "Ich nehme an, dass der Eröffnungstermin 2015 bestehen bleibt, weil sie es damit sichern wollen". Über mögliche Mehrkosten kann Flimm nichts sagen. Weiteren Einsparungen auf Seiten der Staatsoper erteilt er dagegen eine klare Absage. "Nein, nein, wir haben bereits alles auf den Tisch gelegt. Da ist nichts mehr zu machen. Wir haben auf das Tonstudio verzichtet, auf kleinere akustische Luxusdinge im Orchesterprobensaal und vor allem fehlen vier Millionen Euro an Ausstattung."

Ob er sich so gar nicht um die Wiedereröffnung 2015 sorgt? Flimm lacht. "Zittern darf ich doch von Amts wegen gar nicht. Ich glaube auch, dass die Eröffnung pünktlich stattfinden wird." Derzeit plant er bereits seine dritte Eröffnungssaison für die sanierte Staatsoper Unter den Linden. Er sei langsam darin geübt, sagt er lakonisch. Das habe er in Berlin gelernt. Aber eine weitere Verschiebung würde der Staatsoper weh tun, meint er, künstlerisch und finanziell. Von der Auswechslung der Projektsteuerer hat er vor zehn Tagen erfahren, in einem Brief. Was er gedacht hat, als er das las? Antwort: "Dass ich das eigentlich gar nicht wissen will. Ich kann es sowieso nicht verändern. Es hat uns im Haus ziemlich kalt gelassen."

Überraschende Holzfunde

Das Ensemble der Staatsoper spielt derzeit im kleineren Ausweichquartier Schiller-Theater. Es ist ein Verlustgeschäft, auch für das Image. Zuletzt war die Staatsoper -Sanierung in Verzug geraten, nachdem Bauleute Holzpfähle vermutlich aus dem 18. Jahrhundert im Baugrund in 17 Metern Tiefe entdeckt hatten. Sie behindern die Isolierung des geplanten Verbindungstunnels zwischen Opernhaus und Magazingebäude gegen Grundwasser.

Nach der ersten Verschiebung wurde die Wiedereröffnung nunmehr auf Oktober 2015 verschoben. Der verärgerte Barenboim hat dagegen vorgeschlagen, die Eröffnung doch 2014 zu machen und das Haus anschließend zu Ende zu sanieren. Der Vorschlag wurde weggeschwiegen. Möglicherweise folgen bald schlechtere Nachrichten von der Opernbaustelle.

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