Kinofilm
Regisseur bricht mit "Der Verdingbub" ein Tabu
Als Schweizer Kinder wie Sklaven verkauft wurden. Filmregisseur Markus Imboden spricht über die Skandalgeschichte von Verdingkindern.
Es ist eines der dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte der Schweiz: Zwischen 1800 und 1950 wurden Waisenkinder, Scheidungs- und uneheliche Kinder aus ihrem Umfeld gerissen und mussten sich auf dem Land als niederste Arbeitskräfte verdingen. Diese Verdingkinder wurden oft geschlagen, misshandelt und auch vergewaltigt.
Ein Tabu, über das man bis heute kaum spricht. Nun hat der Schweizer Erfolgsregisseur Markus Imboden einen Film darüber gemacht, der in der Schweiz eine landesweite Diskussion ausgelöst hat. "Der Verdingbub" lief nun auch in unseren Kinos an. Morgenpost Online hat den Regisseur gesprochen.
Morgenpost Online: Herr Imboden, was genau sind "Verdingkinder"?
Markus Imboden: Das ist kein Schweizer, das ist ein deutsches Wort. Verdingung. Jemandem zum Ding machen. Das kam vom Staat und war gedacht als soziale Aufgabe des Fürsorgewesens. Man wollte Waisenkindern eine Familie geben. Man hatte allerdings auch den Eindruck, dass alleinerziehende Mutter das nicht schaffen, und hat ihnen die Kinder weggenommen. Manche haben Glück gehabt. Aber zum Großteil wurden dieser Kinder auf den Dorfplätzen ausgestellt, da durfte man sie anfassen, ihnen in den Mund schauen und den Kräftigsten mitnehmen. Das war Viehmarkt, Sklavenmarkt. Sie mussten nicht nur unter härtesten Bedingungen arbeiten. Sie wurden auch geschlagen, misshandelt und vergewaltigt. Das gab es, obwohl es da schon verboten war, in entlegenen Orten noch bis in die fünfziger Jahre. Und warum: Weil die Leute sagten, das schadet ihnen nicht, wenn sie mal eine Ohrfeige kriegen. Die müssen nur hart genug arbeiten. Arbeit macht frei.
Morgenpost Online: War Ihnen das Thema denn vertraut?
Imboden: Leider nicht sehr. Es ging mir wie dem Produzenten Peter Reichenbach. Wir waren beide schockiert, wie wenig wir über die Problematik wussten, obwohl es noch unsere Generation betrifft. Reichenbachs Vater hatte im Krieg noch einen Offiziersputz, der auch Verdingbub gewesen war. Und er sprach mich an, weil er wusste, dass auch mein Vater ein Waisenkind war. Er war kein Verdingbub, es ging ihm nicht so schlecht, aber er wuchs in großer Armut auf und hat lange unter dem Mangel an Zuneigung gelitten.
Morgenpost Online: Reichenbach hat lange gebraucht, bis er die Gelder für den Film zusammenbrachte.
Imboden: Das ist ja leider nie leicht. Bei einem solchen Thema wird es freilich nicht einfacher. Reichenbach hat das Drehbuch schon vor sechs, sieben Jahre entwickelt. Immer wieder wurde gesagt, eine solch schwere Thematik, das will doch niemand sehen. Leider glauben das immer noch ganz viele, vor allem Fernsehsender, die nur noch seichte Projekte fördern. Der Film hat gottlob das Gegenteil bewiesen. Die Leute sind es doch leid, immer nur diesen Popcorn-Schwachsinn zu sehen.
Morgenpost Online: Warum war das Thema in der Schweiz so lange ein Tabu?
Imboden: Es ist wohl so, dass die Leute, denen das passiert ist, nicht darüber sprechen wollten. Viele Opfer denken ja, es sei ihre eigene Schuld gewesen, das ist ganz tief in ihnen verwurzelt. Als Betroffener sieht man nicht die institutionelle Schwächestruktur, die fehlgeleitete Fürsorge. Deshalb hat man das verdrängt und totgeschwiegen.
Morgenpost Online: Sie haben im Emmental gedreht. Wie haben die Einwohner reagiert? Waren die vielleicht nicht gar so begeistert, dass man das Thema gerade dort verortet?
Imboden: Es gab die Angst, dass die Region schlecht dargestellt werden könnte, ja. Es gab auch Widerstände. Der Bauer, dessen Hof wir gemietet haben, meinte, ein paar am Wirtshaustisch hätten schon gesagt, wenn wir den Imboden mal allein treffen, kann schon sein, dass wir den in den Fluss schmeißen. Aber das hat sich relativ schnell zerschlagen. Die haben gemerkt, dass es nicht darum geht, böse Menschen zu zeigen, die Kinder quälen, sondern dass das alles fundiert ist. Wir haben dann im Gegenteil sogar eine sehr breite Unterstützung gefunden. Plötzlich kamen ganz viele, die uns noch Requisiten ihrer Eltern zur Verfügung stellten.
Morgenpost Online: Sie hätten noch viel härtere Dinge zeigen können. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?
Imboden: Ich war der Meinung, es war schon hart genug. Man muss auch nicht alles rapportieren. Aber es muss schon weh tun. Es sollte kein Horrorfilm sein, bei dem man während des Blutspritzens Popcorn isst.
Morgenpost Online: Gerade werden auch "Die schwarzen Brüder" verfilmt, ein Schweizer Jugendbuchklassiker, der ebenfalls von der Ausbeutung von Kindern handelt. Liegt das jetzt in der Luft, ist da eine Diskussion angeregt worden?
Imboden: Das sind so Wellen. Es ist wohl auch so, dass man mehr Mut hat, sich an ein solches Thema zu wagen, wenn andere es auch tun. Das ist wie eine Lawine, die plötzlich losgeht. Der Impuls ist sicher durch unseren Film gekommen. Es war ja in der Schweiz ein sehr großer Erfolg, 250.000 Zuschauer. Das wäre im Vergleich, wie wenn in Deutschland sechs Millionen ins Kino gehen.
Morgenpost Online: Wie waren die Reaktionen in der Schweiz?
Imboden: Überall wurde plötzlich debattiert, auch unter Historikern. Viele haben auch ihre Eltern mitgenommen, von denen sie wussten, dass sie Verdingkinder gewesen sind. Um sie mit dem Thema zu konfrontieren und sie doch noch mal zum Reden zu bringen. Ich war sehr oft auf dem Land mit dem Film, wo es anschließend Diskussionen gab. Und ich habe selten so temperamentvolle Schweizer erlebt, da ging es ziemlich rund. Da sind plötzlich Leute aufgestanden und haben berichtet, wie sie mit dem Gummischlauch des Güllewagens geschlagen worden sind. Es gab auch Kritiker, die meinten, wir hätten übertrieben. Wieso muss man das so drastisch zeigen?, das wurde ich in einer Talkshow s gefragt. Da saßen auch Betroffene, unter anderem eine 70-Jährige, die meinte, das sei gar nichts, sie sei jeden Tag von der Bäuerin geschlagen und jede Nacht vom Sohn missbraucht worden. Die Frau war schwerst traumatisiert. Sie konnte nach dem Film zwei, drei Nächte nicht mehr schlafen, aber heute ist sie glücklich, dass es den Film gibt. Weil es hilft, darüber zu reden.
Morgenpost Online: In der Schweiz wird jetzt diskutiert, ob man Wiedergutmachungsleistungen zahlen sollte. Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass das wirklich zustande kommt?
Imboden: Schwer zu sagen. Mir ist auch schleierhaft, wie man das berechnen soll. Man hat mal Arbeitsstunden zusammengerechnet und kam auf 120 Milliarden Franken, die Verdingkinder umsonst gearbeitet haben. Heute gibt es noch etwa 100.000, für die man pro Kopf 120.000 Franken ansetzt Das wären also 1,2 Milliarden Franken. Ich weiß aber auch gar nicht, ob das überhaupt geht, eine Wiedergutmachung dafür, dass einem die Kindheit geraubt worden ist. Ich habe einige Betroffene gefragt, warum wollt ihr Geld? Sie haben gesagt: Damit wir's glauben können, dass es ihnen leid tut. Entschuldigen kann man sich ja immer, aber nur so wird Unrecht wirklich offiziell anerkannt. Das immerhin kann ich verstehen.
















