30.10.12

Film

Tom Schilling ist das neue Gesicht der Stadt

Der Schauspieler dreht Filme, seit er 17 Jahre alt ist. Aber jetzt hat er einen gemacht, der nur zwei Protagonisten hat: ihn und Berlin.

Foto: Amin Akhtar

Ein Mann und sein Tennisplatz: Tom Schilling an seinem Lieblingsort, dem TSG Break 90 im Jahn-Sportpark am Prenzlauer Berg
Ein Mann und sein Tennisplatz: Tom Schilling an seinem Lieblingsort, dem TSG Break 90 im Jahn-Sportpark am Prenzlauer Berg

Ein Tennisplatz. Ausgerechnet hier landen wir mit Tom Schilling. Der Schauspieler wirkt nicht eben athletisch, und in seinen Filmen hat er sich auch nicht durch sportliche Leistungen hervorgetan. "Nee", gibt der 30-Jährige zu, "Sport wird nicht so assoziiert mit mir."

Aber dieser Tennisplatz hier, am Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg, das sei sein absoluter Lieblingsort. Und wie zum Beweis fischt er den Schlüssel, den er rein zufällig dabei hat, aus seiner Hosentasche und schließt das Gatter auf. Der TSG Break 90, muss er selbst schmunzeln, "ist der unglamouröseste Tennis-Club der Welt. Alle belächeln ihn." Nur fünf Außenplätze, keine richtigen Sandanlagen. Und wo andere ein Clubhaus haben, steht hier nur ein kleiner, rein zweckorientierter Container.

Und doch ist dies für ihn ein wahnsinnig schöner Ort, "eine richtige kleine Sportoase mitten im Zentrum." Von der Bank aus hat man über die Plätze hinaus einen immens weiten Blick, eine Brache mitten im dichtbebauten In-Kiez, vom Verkehr auf der Schönhauser ist nichts zu hören. Und gleich rechts liegt dankenswerter ein Fußballplatz. Vom SV Empor, einer "kleinen Kaderschmiede für junge Kicker". Da spielt sein sechsjähriger Sohn. "Ich bring ihn da hin, spiele 90 Minuten Tennis und hol ihn wieder ab." Ein echtes Vater-Sohn-Sport-Ding. Tennis ist für Schilling die schönste aller Körperertüchtigungen. Er kann sich da völlig verausgaben. Er tut das, so oft er kann. Wenn er nicht dreht, sogar täglich. Eine Rückhand im Alltag.

Stichprobe in seiner Lieblings-Videothek

Wir haben uns an einer Videothek getroffen. Die Videocollection in der Stargarder Straße, Ecke Schönhauser, das bestsortierte Geschäft der Stadt. Schilling musste nur einen Film zurückbringen, aber irgendwie ist eine Videothek kein schlechter Treffpunkt mit einem Schauspieler. Und weil wir zu früh da sind, machen wir eine kleine Stichprobe. "Crazy" – ist da. "Napola" – ist da. Die Tabori-Verfilmung "Mein Kampf" – ist da. Das Oeuvre von Tom Schilling scheint hier in Gänze vertreten. Aber das ist ihm, wie er jetzt dazukommt, eher peinlich. Deshalb haben wir uns nicht hier verabredet.

Zusammen schlendern wir zum Jahnpark. An der Schönhauser entlang, unter den S-Bahn-Bögen. Schilling beherrscht die Kunst, im Gehen eine Zigarette zu drehen. Es ist sein Kiez. Aufgewachsen ist er in der Nähe vom Rosenthaler Platz. Seit fünf Jahren wohnt er hier im Prenzlauer Berg. Aber weiter hinten, wo nicht so viel los ist. "Die Schönhauser ist schon echt busy, vor allem am Wochenende, wenn die ganzen Partypeople aus Weißensee runterkommen." Er wohnt im skandinavischen Viertel. "Da gibt es nichts zu essen. Aber dafür hat man abends seine Ruhe."

Dreh im eigenen Kiez

Sein neuester Film "Oh Boy" ist hier gedreht worden. In seinem Kiez. In Mitte. Und ein bisschen in Kreuzkölln. Nächsten Donnerstag kommt er ins Kino und feiert am Mittwoch Premiere. Natürlich in der Kulturbrauerei, also auch um die Ecke. "Oh Boy" ist ein Berlin-Film der Extraklasse. So viel Stadt war schon lange nicht mehr im Kino zu sehen. Und Tom Schilling ist der Protagonist, der durch die Stadt flaniert. Oder besser: sich hindurch treiben lässt. Ein Tagträumer. Ein sympathischer Typ, der das Leben aber nicht auf die Reihe kriegt. Der in einer Wohnung ohne Möbel lebt. Und sich nur von Kaffee und Zigaretten zu ernähren scheint. Der Film erzählt einen beliebigen Tag aus seinem Leben, oder doch nicht ganz so beliebig. Gleich morgens macht die Freundin Schluss mit ihm, dann wird ihm der Führerschein entzogen, beim U-Bahnfahren wird er auch sofort ohne Fahrschein erwischt. Mittags kündigt ihm der Vater dann die Finanzierung seines Pseudo-Studiums auf. Und das ist noch lange nicht das Ende.

Es gibt eigentlich nur zwei Protagonisten in diesem Film: Schilling. Und Berlin. Und beide sahen noch nie so gut aus. Das liegt auch an der exzellenten Kameraarbeit von Philipp Kirsamer. Der hat die Stadt in Schwarzweiß eingefangen. Zeigt ungewohnte Bilder von Brandmauern, Hinterhöfen, S-Bahngleisen. Und taucht auch sattsam bekannte Orte wie das Tacheles oder das White Trash in ein neues Licht, melancholischeres Licht.

Ein definitiver Berlin-Film

Es ist ein Film unter Freunden. Regisseur Jan Ole Gerster, Kirsamer und Schilling, sie kennen sich gut. Die Zusammenarbeit war ausgesprochen innig. Das sieht man dem Film auch an. Mit dem Label "Berlin-Film" tut sich Schilling allerdings schwer. Sein Regisseur übrigens auch. Das Etikett sei so abgegriffen – und es hieße ja eigentlich nur, dass der Film in Berlin spielt. Nein, ein Großstadtfilm solle es sein, ein allgemeingültiges Metropolen-Feeling wiedergeben. Niko Fischer, die Figur, die Schilling spielt, ist aber ein sympathischer Loser, der so in den Tag hineinlebt. Das geht eigentlich nur noch in Berlin. Paris, London oder New York sind längst zu teuer für verkrachte Existenzen. Berlin ist es vielleicht auch schon – oder wird es gerade. Von daher ist "Oh Boy" dann doch ein definitiver Berlin-Film. Der ein Feeling aufzeichnet, von dem man vielleicht bald staunen wird, dass es das mal gegeben hat.

Schilling ist befangen, was seine Stadt angeht. Er ist hier ja geboren, er kann gar nicht viel dazu sagen. "Die Stadt war immer eine Selbstverständlichkeit für mich." Jan Ole Gerster ist dagegen vor zwölf Jahren aus der Gegend um Hagen hierhergezogen und hat sich, wie so viele Neuzugänge, stark mit ihr auseinandersetzen müssen. Eine echte Hassliebe. Von der im Film aber nur die Liebe zu spüren ist. Zu den Straßen und ihren merkwürdigen Gestalten, die irgendwie alle Loser sind. Große Stars sind hier in kleinen Auftritten zu bewundern: Justus von Dohnanyi als aufdringlicher Nachbar, Ulrich Noethen als verbitterter Vater, Michael Gwisdek als alter Alkoholiker. Sie alle liefern kleine, feine Kabinettstückchen. Aber alles dreht sich um Tom Schilling. Der wird damit zum Gesicht einer Generation, zum Gesicht des Berliners. Und als solcher zum Cover-Boy vom Stadtmagazin "Tip" über den "Kultur-Spiegel" bis zu all den Plakaten, die in der Stadt verklebt wurden.

Betteln um die Hauptrolle

Dabei wollte der Regisseur seinen Hauptdarsteller trotz aller Freundschaft, ursprünglich gar nicht haben. Weil Schilling, wie er fand, nicht alt genug wirkte. Er musste regelrecht kämpfen um seinen Part. Er hat zumindest einen Brief geschrieben, fünf Seiten lang, in dem er mit Herzblut ausführte, warum er genau der Richtige ist. "Ich hab das getan, um mir sagen zu können, ich hab alles versucht", sagt er jetzt. Und dreht sich schon die nächste Zigarette. Zu dem Zeitpunkt sind wir bereits am Tennisplatz angekommen, wir hocken auf der Bank und schauen zwei Mädchen beim Spiel zu.

Das kriegt er ja oft zu hören: dass man ihm seine 30 nicht ansieht. Die Leute könnten sein Alter schwer schätzen, "damit muss ich leben". Ganz lang ist er immer noch als Gymnasiast besetzt worden, als der er, mit 17, in "Crazy" bekannt wurde. Er wirkt halt so schmal, so zierlich. Als ob ihn jeder Windstoß umpusten könnte. Dass er immer den Buben gespielt hat, mag er nicht hören. Womöglich hat er ein wenig darunter gelitten. Immerhin: Ob in "Crazy", "Verschwende deine Jugend" oder Leander Haussmanns "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" – irgendwie ging es immer um stimmige Generationenporträts, für die Schilling offensichtlich wie geschaffen ist. Und gerade arbeitet er sich erfolgreich aus seinem Rollen-Repertoire heraus. In der Tabori-Verfilmung "Mein Kampf" hat er den jungen Hitler gespielt, eine große Herausforderung, aber auch ein großes Geschenk, als Widerpart von Götz George. Für den ZDF-Theaterkanal hat er gerade Büchners "Woyzeck" abgedreht, eine Rolle, die man sofort mit Klaus Kinski verbindet. Keine Angst vor großen Vergleichen. Und jetzt eben "Oh Boy". Es gibt Filme, die dreht man, und es gibt Filme, über die freut man sich. Letztere sind seltener. "Oh Boy" gehört dazu.

Start in einem der letzten Filme der DDR

Es gibt zwei Legenden über den Schauspieler Schilling. Dass er auf dem Schulhof entdeckt wurde. Und dass seine Mutter ihn zum Casting schleppte. Beide stimmen. Als er sechs Jahre alt war, so alt also wie jetzt sein Sohn, hat seine Mutter eine Annonce für einen Kinderdarsteller gelesen. Und weil der Bengel zuhause so viel rumgezappelt und Rollenspiele absolviert hat, nahm sie ihn mit. Es klappte. "Die Stunde der Wahrheit" hieß der Kurzfilm, Schilling hatte zwei Drehtage. Und einen Satz: "Ist das mein neuer Papa?" Das war 1988, "also", sagt Schilling mit einem feinen Lächeln, "eine der letzten DDR-Kinoproduktionen."

Das sollte es dann erst mal sein. Aber noch mal sechs Jahre später kam Thomas Heise vom Berliner Ensemble in seine Klasse im John-Lennon-Gymnasium. Weil er das Stück "Im Schlagschatten des Mondes" mit einem reinen Kinderensemble besetzen wollte. Schilling war dabei – und war der einzige, der auch künftig immer wieder besetzt werden sollte. Vier Jahre lang, bis er 16 war, war er das Theaterkind. Hat den Job aber nur als Hobby verstanden. Es wäre ihm damals nie in den Sinn gekommen, Schauspieler zu werden. Maler wollte er werden. Sich in Leipzig an der Kunsthochschule bewerben.

Konkurrenz mit dem Busenfreund

Dann aber kam "Crazy". Und dann wurde es crazy. Mit Robert Stadlober war er in kurzer Zeit ein Tennie-Idol. Robert, mit dem er sich beim Dreh anfangs gefetzt hat und mit dem er seitdem eng befreundet ist. Robert, der so oft bei denselben Castings erschien und ihm anfangs immer die Rollen weggeschnappt hat. Inzwischen, das darf man sagen, ist er über den Konkurrenten weit hinausgewachsen.

Nach "Crazy" zog Schilling von zuhause aus. Andere wären jetzt ausgetickt, abgehoben. Vielleicht übergeschnappt. Schilling nicht. Er ging weiter brav zur Schule, um sein Abi zu beenden. Damit er was in der Tasche hatte und immer noch Kunst studieren könnte. Brav, das ist überhaupt so ein Stichwort. Schilling ist bekannt dafür, dass er stets im dunklen Anzug erscheint. So auch heute. "Stimmt", gibt er zu, "selbst auf Campingplätzen, wo ich gern bin, wasch ich mein Geschirr im Anzug ab." Ist das eine Marotte oder ein Statement? Gewöhnung, meint der Anzugträger. Als Jugendlicher hat er schon mal aufbegehrt, hatte eine Punk-, später auch mal eine Satanisten-Phase. Als "brav" würden ihn seine Eltern sicher nicht bezeichnen. Aber Anzüge sind eben auch eine Möglichkeit, sich abzugrenzen. Seine Garderobe ist auch eine Verbeugung vor seinen großen Musik-Idolen. Bob Dylan. Leonard Cohen. Nick Cave. Die laufen auch so rum. Und letztlich ist das halt so schön einfach: "Du greifst in den Schrank und holst einen Anzug raus. Passt immer."

Erstmals in der Muckibude

Niko Fischer, der Flaneur aus "Oh Boy", hat also eigentlich gar nichts mit Schilling zu tun. Nie würde sich der Mime so treiben lassen, nie etwas nicht zu Ende bringen. Jetzt immerhin hat er auch Jeans und Schlabberpullis entdeckt. Für den Woyzeck hat er nämlich erstmals an Muskelmasse zugelegt, um diese Figur physischer darstellen zu können. Erstmals ist er dafür in der Muckibude gewesen. Und plötzlich haben ihm die Anzüge nicht mehr gepasst. So was baut sich aber schnell wieder ab. Jetzt hat er schon wieder seine alte Form. Und greift wieder zu den Anzügen.

Eine Schauspielschule hat er nie gemacht. Er ist da so reingerutscht. Und irgendwann war's auch zu spät. An einem Preis, den er gewonnen hat, hing mal ein Stipendium für das berühmte Actor's Studio in New York. Die Schmiede, in der Marlon Brando, James Dean, Robert De Niro geschult wurden. Drei Monate war er dort. Und hat es genossen. Aber Method Acting, das ist nicht sein Ding, dafür war er auch nicht lang genug da. Wo nimmt er dann aber all das her? Darüber kann er gar nicht viel sagen, will es vielleicht auch gar nicht. Es gibt Kopf- und es gibt Bauchschauspieler. Die Kopftypen können alles analysieren, die Bauch-Variante ist vielleicht die größere Kunst. Zumindest eine, die nicht erlernt ist, die mit instinktivem Hineinfühlen zu tun hat und schwer zu erklären ist. "Ach was", wehrt Schilling ab: "Manchmal muss man die Muse auch Muse sein lassen." Immer wieder beschleiche ihn allerdings die Angst, "dass ich's nicht mehr kann." Aber dann, wenn er zum Drehset kommt, stellt er immer wieder fest: Es geht doch.

Berliner sind zu cool zum Gaffen

Die drei Monate in New York hat er genossen, trotz seiner erklärten Reiseunlust. Er hat gleich noch mal drei Monate drangehängt. Wäre das je eine Option für ihn: wegzuziehen? Schilling reißt erschrocken die Augen auf. Weg? Wohin denn? Auf dem Land würde er sich zu Tode langweilen. Und in eine andere Metropole? Aber hier wächst doch sein Sohn auf, hier ist er verwurzelt. Und Berlin "ist doch eigentlich auch eine ganz schöne Stadt."

Hier könne man übrigens auch als Schauspieler ganz offen die Straße entlanglaufen, ohne dumm angequatscht zu werden. Unser Spaziergang beweist es: Kaum jemand nimmt Notiz von ihm. In Kleinstädten würde man häufiger angesprochen. Die Berliner seien dafür viel zu cool. "Die tun das nur bei ein paar ganz wenigen Schauspielern." Das seien aber auch solche, die sich ständig in die Öffentlichkeit drängeln. Zu denen gehört er nicht. Im Mittelpunkt steht er nicht gern.

Mal sehen, ob er sich da nicht verrechnet. Mit "Oh Boy" jedenfalls vergrößert sich nicht nur seine berufliche Bandbreite, sondern wohl auch seine Popularität. Mit dem Film wird er zur Berliner Type. Ob er danach noch so unerkannt mitten in Mitte Tennis spielen kann, muss sich erst noch zeigen.

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