Schlosspark Theater
"Der kleine König Dezember" - Requiem auf Dirk Bach
Trauerarbeit am Berliner Schlosspark Theater. Gustav Peter Wöhler ist ein melancholischer kleiner König.
Beim Schlussapplaus, als alle Künstler auf der Bühne des Schlosspark Theaters stehen, öffnen sie ihre Reihe in der Mitte und weisen auf den Sternenhimmel hinter sich. Es ist ihre Verneigung vor Dirk Bach. "Und wer tot ist, wird ein Stern", sagt der kleine König Dezember im Stück. Bach hätte diese Worte sprechen sollen. Er starb fünf Tage vor der Premiere.
Als Dieter Hallervorden kurz nach Bachs Tod verkündete, die Produktion umsetzen zu wollen, "und zwar im Sinne und zu Ehren" des Verstorbenen, klang das bei aller Trauer wie eine Floskel. Jetzt zeigt sich: Axel Hackes "Der kleine König Dezember" ist tatsächlich zu einem Requiem auf Dirk Bach geworden. Überall in der Inszenierung ist er noch präsent. Regisseur Lorenz Christian Köhler arbeitet mit Filmeinspielungen, um den großen Mann und den kleinen König aufeinandertreffen zu lassen. Wenn auf der Leinwand Matthias Freihofs verdruckster Krawattenträger nach seiner Tasse greift, verschwindet vorne die badewannengroße Schale von der riesigen Schreibtischplatte, um dann hinten geleert zu werden. Diese Filme wurden vor Bachs Tod gedreht, und hier sieht man ihn noch: als fröhlich winkender Zwerg, als Fee und dann auch, für kurze Momente, als dicker kleiner König.
Mit ihm wäre die Inszenierung nach Hackes 1993 erschienenem Bestseller sicherlich witziger geworden, leichter, frecher, als man es jetzt sieht. Denn Köhler treibt Hackes nachdenkliche Märchen für Erwachsene, diese heitere Träum-Ermutigung und Alltagshinterfragung in eine mitunter düstere Melancholie. Wo Hackes Erzähler hin und wieder von einer großen Traurigkeit befallen wird, lässt Köhler den "großen Mann" mit Strick und Schlinge hantieren. Dass am andern Ende der Schnur ein Telefon klingelt, löst zwar die Situation im surrealen Witz. Aber das Problem bleibt: Dem depressiven Manne muss geholfen werden.
Also kommt der kleine König Dezember mit seinem kindlichen Blick auf die Welt ins Spiel. Er rettet dem Mann nicht nur das Leben, sondern hinterfragt es gründlich. Was in dieser Fassung oft an Antoine de Saint-Exupéry erinnert – hier wie dort werden die großen und die letzten Fragen mit berührender Naivität und Unvoreingenommenheit verhandelt.
Nun also trifft Matthias Freihofs Melancholie-Kloß nicht auf Bach, der ja oft wie ein großes Kind wirkte, das seine Narrenfreiheit für Wahrheitsrundumschläge nutzt. Sondern auf Gustav Peter Wöhler, dessen kleiner König ums Verstehen ringt, ein bisschen missmutig, nicht gar so ironisch ist.
Das ist gut, das trifft es, das ist mitunter sogar witzig. Wöhler erweist dem verstorbenen Kollegen seine Reverenz, gerade weil er nicht versucht, ihn zu imitieren. Doch hat Wöhler einen großen Anteil daran, dass sich der Melancholie-Schleier über diesem Abend nie ganz lüften will. Was auch am Bühnenbild liegt: Hier wird die Bühne zu einer jener Kisten, in denen der König seine Träume aufbewahrt, halb Wolkenhimmel, halb grüner Vorhang.
Nicht alles am "Kleinen König Dezember" ist Trauerarbeit, und auch in dieser verhaltenen Versionen gehört die Produktion zum Besten, was am Schlosspark Theater gelaufen ist. Aber es ist doch bezeichnend, dass der schönste, lustigste und zugleich traurigste Moment der ist, als Dirk Bachs zuerst säuselnde, dann wunderbar schnodderige Fee über die Leinwand schwebt. Er fehlt.
Schlosspark Theater Schloßstr. 48, Steglitz. Tel.: (030) 789 5667 100,. Termine: 30./31.10., 19.-23./30.11., 1.-4, 19.-22.12.2012
















