Konzert
Melody Gardot gibt in Berlin die musikalische Globetrotterin
Im Tempodrom nimmt die 27 Jahre alte Sängerin ihr Publikum mit auf eine betörende Reise - von Jazz über Fado bis Tango und Samba.
Nachdem die Musiker im Dunkel der Bühne ihre Plätze gefunden haben, eröffnen sie den Abend mit einer sambarasselnden Ouvertüre. Gleich zwei Schlagwerker, eine Gitarre, ein Kontrabass und der vielseitige Saxofonist Irvin Hall zelebrieren ein verstörendes Klang-Tohuwabohu, bevor die Hohepriesterin des Rhythmus unter Jubel ans Mikrofon schreitet.
Die amerikanische Sängerin Melody Gardot hat sich einmal mehr gehäutet. Hat sie auf ihren ersten beiden Alben die Popwelt noch mit jazzverliebten Balladen für sich eingenommen, gibt sie sich auf ihrer neuen Platte "The Absence" als musikalische Globetrotterin. Bei ihrem Konzert im Tempodrom nimmt sie das Publikum mit auf eine betörende Reise vom amerikanischen Jazz an die afrikanischen Wurzeln, vom portugiesischen Fado zum spanischen Flamenco, vom argentinischen Tango zur brasilianischen Samba.
Eine Sängerin, die immer Neues entdecken will
Es ist Pärchenabend. Ehepärchenabend. Frauen sind heute Abend eindeutig in der Mehrzahl im Saal. Sie haben ihre Männer, Freunde, Freundinnen mitgeschleppt zum Konzert. Um Lieder zu hören wie "Baby I'm A Fool", mit denen Melody Gardot ihnen aus dem Herzen gesungen hat. Sie bekommen es auch im Laufe des Abends, allerdings in eine gänzlich neuen, spartanisch-gefühligen Version in Trio-Besetzung.
Denn Melody Gardot ist keine, die lange stehen bleibt. Sie ist eine Suchende. Eine Forscherin. Eine, die immer Neues für sich entdecken will. Und was sie gerade gefunden hat, ist nichts geringeres, als die Musik der Welt. Man wundert sich, dass sie nicht auch noch mongolische Obertongesänge in ihren Songs verarbeitet hat. Aber das kann ja noch kommen.
Musiktherapie brachte sie zurück ins Leben
Das dämmerige Bühnenbild gleicht einer unaufgeräumten Lagerhalle. Die Musiker stehen zwischen prallvollen Kaffeesäcken aus Jute, Obstkisten, ledernem Schrankkoffer und hölzerner Kabelrolle. Und Melody Gardot, ein Glas Rotwein in der Hand, ist unsere geheimnisvolle Reisebegleiterin. Die 27-Jährige umgibt sich mit einer mysteriösen Aura. Das blonde Haar unter einen Turban gezwängt, die Sonnenbrille konsequent vor den lichtempfindlichen Augen, den schwarzen Gehstock in greifbarer Nähe. Den braucht sie immer noch.
Der Grund ist inzwischen hinlänglich bekannt. Gerade einmal 19 Jahre alt, wurde die als Barpianistin in Philadelphia jobbende Modestudentin von einem fahrerflüchtigen SUV umgefahren. Sie lag ein Jahr lang im Krankenhaus. Musiktherapie brachte sie zurück ins Leben. Sie fand Erfüllung in der Musik. Noch im Krankenhaus entstand ihre erste EP "Some Lessons: The Bedroom Sessions".
Zwischen Bebop und Bossa-Nova
Viele neue Songs bestimmen das Repertoire, wie das brasilianisch treibende "Mira" oder die schmerzerfüllt emotionale Ballade "Lisboa", eine Ode an Lissabon. Es ist der Jazz, der diesen weltmusikalischen Überbau grundiert. Die famosen Musiker changieren zwischen Bebop und Bossa-Nova, zitieren Charlie Parker und Caetano Veloso, erschaffen die Lieder von Melody Gardot im Konzert immer wieder neu, veredeln sie mit imposanten Soloeinlagen. Vor allem der Berliner Cellist und Kontrabassist Stephan Braun provoziert immer wieder Zwischenapplaus.
Und Gardot singt mit bewegend emotionaler Stimme, die Höhen und Tiefen des Daseins mit Leidenschaft auslotet. Sie nutzt ihre Stimme gleich einem Instrument, zischelt und tuschelt perkussiv, lässt Worte zu Melodien werden, singt mit vibrierender Sinnlichkeit, wechselt vom Mikrofon zum Piano zur E-Gitarre. Und beweist bei ihren Zwischenansagen geradezu komödiantisches Talent.
Es ist ein aufwühlender Abend von musikalischer Vielfalt. Und ein Abend, der dem Publikum durchaus einiges abfordert. Doch gegen Ende sucht die so unnahbar scheinende Diva die Nähe zu ihren Fans. Fordert mit Erfolg das Mitsingen ein, tanzt mit lasziven Bewegungen und steigt beim lebensfrohen, treibenden Samba "Yemanjà" von der Bühne ins Publikum und holt auch die letzten Sitzenbleiber von ihren Stühlen. Als Zugabe setzt sie noch den Klassiker "Summertime" mit einem eingeklinkten "Fever" oben drauf. Ein großes Konzert. Der Schlussapplaus klingt dennoch etwas unentschieden.















