22.10.12

TV-Legende

Menge und die Berliner

Die TV-Legende hasste und liebte seine Geburtsstadt.

Foto: dapd

Nie ohne seine Pfeife: Fernsehlegende Wolfgang Menge in seinem Haus in Berlin
Nie ohne seine Pfeife: Fernsehlegende Wolfgang Menge in seinem Haus in Berlin

Eine Villa in Zehlendorf. Ein freundlich zerknitterter Mann kommt die Stufen zur Gartentür hinab, um aufzuschließen. Hinter verschwörerisch zusammengekniffenen Augen könnte sich auch Kapitän Ahab verbergen, der jemanden für eine "Moby Dick"-Expedition empfängt. Den Weg ins dunkle, mit Ledergarnituren möblierte Arbeitszimmer findet man, indem man dem Pfeifengeruch folgt.

Es herrscht gepflegtes Chaos. An der Wand eine überwältigende Kollektion von Rauch-Werkzeugen. Der Computer läuft. Das ist die Welt des Wolfgang Menge. Flimmern und Rauchen. Teilweise vor Wut. Das Gespräch dreht sich um die Tatsache, dass das Fernsehen in Deutschland den amerikanischen Standards nur noch hinterher hinkt. Das Problem bestehe darin, "dass sie bei mir stehen geblieben sind". Nichts Neues unter der Satellitenschüssel.

Das war typisch Menge: Der Mann, den die Öffentlich-Rechtlichen groß gemacht hatten, beschimpfte sie. Menge privat war ein Mann, der sich in Gestalt all der Ekels, Motzkis und Schnüffler-Charaktere offenbar selber öffentlich gemacht hatte. Er verstellte sich nicht. Kaum eine Medien-Figur hat man so vollständig und gut kennengelernt wie ihn. Er wirkte auch hinter den Kulissen wie der, als den er sich in seinen Figuren portraitierte.

Hassliebe zu seiner Heimatstadt Berlin

"Da, wo ich jetzt bin, ist es ideal", sagte er über Berlin. Trotz seiner Hamburger Kindheit in Blankenese blieb er indes die Idealverkörperung von Berliner Schnauze mit Schuss. "Die Berliner laufen wie die letzten Penner rum", fasste er sein modisches Urteil knapp zusammen. "Die schönen Sachen fallen erst auf, wenn man die hässlichen daneben hat", meinte er lobend über das Berliner Stadtbild. Heimatliebe hat niemand auf eine kürzere Formel bringen können als er: "Berlin ist krank", sagte Menge. Und blieb.

Der 1924 an der Spree geborene Lehrersohn kehrte erst 1961 endgültig nach Berlin zurück. Weil seine Frau dies wollte. Die aus Potsdam gebürtige Marlies Menge war als Journalistin auf DDR-Themen spezialisiert. Dafür schien Hamburg zu weit weg. Nach der Wende zog sie nach Babelsberg, behielt aber den Zehlendorfer Wohnsitz gleichfalls bei.

Auch Wolfgang Menge hatte sich damals längst vom Reporter-Job beim "Hamburger Abendblatt" emanzipiert. Nicht untypisch für West-Berlin, etablierte man ein weiteres Standbein in Braderup auf Sylt, der bis heute traditionellen Freizeitkolonie West-Berlins. Hier war es, wo Wolfgang Menge am liebsten schrieb. Das Hin und Her zwischen Sylt und Berlin behielt man bei, selbst als das Ehepaar sich trennte. Inzwischen hatte man drei Söhne großgezogen.

Getrennt leben im selben Haus

Die Villa in der Klopstockstraße wurde aufgeteilt. Sie wohnte oben. Er unten, beim Billardtisch und in der Nähe der Sauna. Und bei der Küche. Wolfgang Menges Koch-Leidenschaft war 1954 angefacht worden, als er Ostasien-Reporter für die Tageszeitung "Die Welt" in Tokio war. Sein chinesisches Rezeptbuch in der Taschenbuch-Reihe "Koche froh mit rororo" weist ihn als Pionier-Fernsehmann des Kochens aus. Wäre er so schmusig gewesen wie später Alfred Biolek, er hätte das Zeug zu einem "Wolfgangissimo" gehabt. Doch man verlangte von ihm, seine Koch-Talkshow zu proben. Das war ihm zu blöd.

So ruppig und wadenbeißerisch Menge sein konnte, so fein abgeschmeckt und zugleich improvisiert waren seine Urteile. Der Mann, der niemals in einem Büro außerhalb der eigenen vier Wände gearbeitet hat, porträtierte den Bürger als spontanen Nörgler. Und den politischen Menschen als Couch-Kartoffel. Titel wie "Reichshauptstadt privat", "So lebten sie alle Tage" oder "Meine Ahnen – deine Ahnen" zeigen an, dass dieser Mann als Privatmann dachte.

Die Hassliebe zu Berlin definierte die Fülle seines Wohlbefindens bis zuletzt. Man sah ihn regelmäßig nur an zwei Orten, die den Rang öffentlicher Wohnzimmer für ihn angenommen hatten: im Tipi am Kanzleramt und in der Bar jeder Vernunft. Als Stammgast saß er in Loge 1.

Der Halbjude wäre so gern in die Hitlerjugend gegangen

In Berlin konnte er sich immer noch ungestört darüber aufregen, dass mal wieder Busspuren als das brisanteste Wahlkampfthema auserkoren wurden und die Provinzialität triumphiere. "Es beginnt mit er Dorfschulzenmentalität in viel zu vielen Bezirksrathäusern", ätzte er, "und endet bei den Containern mit Stiefmütternchen auf dem Kurfürstendamm."

In seiner Mischung aus Muff-Aversion und Muffelei war er echt. Im Grunde konnte es ihm niemand recht machen. Gegen das Holocaust-Mahnmal polemisierte er, es handele sich um "suggestive Architektur..., die mir sagt, was ich fühlen soll". (So wie jedes Denkmal.) Hinter derlei stand gewiss auch die Auffassung, als einziger zu wissen, was richtig sei. Eine Familiengeschichte voller Abgründe klafft auch dahinter.

Kokett machte er darauf aufmerksam, er wäre gern in die Hitlerjugend eingetreten. Seine Mutter verhinderte es. Als rumänische Jüdin überlebte sie den Holocaust nur knapp. Zahlreiche Angehörige wurden ermordet. Ihr Sohn galt als "Mischling", wurde als solcher aber zur Wehrmacht eingezogen. Als Soldat betrachtete er sich als unerfolgreich; "ich bin ja nicht mal Gefreiter geworden", so Menge. Er klagte über Erinnerungslücken in Bezug auf den Krieg und begann zu stottern, wenn man ihn darauf ansprach.

Geizig, schwierig und doch ein Familienmensch

Er war ein Mensch, der bekennend ungern in den Spiegel sah. Die Veränderung des Aussehens, "die Falten und die Flecken..., das ist ziemlich unerträglich, finde ich". Menge galt für geizig, schwierig, familiär doktrinär. Und war doch ein Familienmensch. Mit seinem behinderten ältesten Sohn Moritz telefonierte er wöchentlich. Eine Mischung aus Bindung und Vermeidung scheint ihn auszuzeichnen.

Man hatte den Eindruck, er sei stolz auf ein gewisses Maß an Raunzigkeit. Mit genau dieser Unnahbarkeit und Unduldsamkeit hat er seine Zuschauer aber berührt. Von Wolfgang Menge war zu jedem Thema ein aggressiv witziges Urteil zu erlangen. Dass er eigentlich Kabarettist hatte werden wollen, zeigte sich in der Stacheligheit dieses Charakter-Glatzkopfs.

Sein Markenzeichen: die Pfeife

Menge privat stellt man sich zweifellos vor dem Fernseher vor. Doch das täuscht. Menge saß vielmehr am Computer und schaltete beim Fernsehen rasch auf Pay TV-Sender wie "Premiere" oder "Sky" um. Er behauptete, sehenswertes Fernsehen beginne bei den Öffentlich-Rechtlichen erst nach Mitternacht. Dann aber war Wolfgang Menge schon zwei Stunden lang im Bett.

Im Februar 2007 erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich recht gut wieder erholte. Am meisten ärgerte ihn, nicht mehr Autofahren zu dürfen. So sehr Menge dem Image von Unabhängigkeit einen entschiedenen Dreh zur Schwierigkeit gab, so sehr muss man sich sein Leben als ein glückliches Leben denken. So kreativ und selbstbestimmt war es.

Bis zuletzt betrachtete er sich als Journalisten. Und stimmte einem schönen Satz von Günter Gaus emphatisch zu: "Journalismus ist eine Angelegenheit für Jungs". Nichts für Männer! Hätte er nicht ständig die Pfeife zwischen den Zähnen gehabt, man hätte sehen können, dass beim Reden ein knabenhaftes Grinsen seinen Mund umspielte. Natürlich nicht zu sehr. Denn Menge, der zugleich ein ausgekocht guter Komiker war, wusste: Dann hätten die Zuschauer nicht gelacht.

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