29.09.12

Berliner Bühnen Ostermeiers "Volksfeind" erhält Konkurrenz am Gorki-Theater

Foto: dpa Picture-Alliance / Eventpress Hoensch / picture alliance / Eventpress Ho

Von Georg Kasch

Ibsens „Ein Volksfeind“ von 1882 ist eine Politsatire. Wen wundert es da, dass es in Berlin nun gleich zwei Versionen des Stückes gibt?

Die Kloake ist groß und mitten unter uns: ein fast mannshohes Abflussrohr, das direkt in ein Redaktionsbüro führt. Hier feilen die Journalisten einer Lokalzeitung an der öffentlichen Meinung. Die soll eigentlich von Doktor Stockmanns Entdeckung bestimmt werden, dass das Wasser des Kurbads verseucht ist. Aber dann erfahren die Meinungsmacher, was das kosten soll – und unterstützen lieber den Bürgermeister.

Eine Politsatire ist Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" von 1882, die Aufarbeitung eines Umweltskandals und die Geschichte einer Radikalisierung. Wen wundert's daher, dass es in Berlin nun gleich zwei Versionen des Stückes gibt? Nach Thomas Ostermeier an der Schaubühne erkundet nun auch Jorinde Dröse am Maxim-Gorki-Theater, was passiert, wenn man sich politisch aus dem Fenster lehnt. Der Vergleich lohnt unbedingt!

Denn Frau Dröse schickt statt eines Mannes eine Badeärztin ins Rennen, der man sofort vertraut. Ein bisschen hysterisch vielleicht, aber enorm sympathisch, wenn sie mit ihrem machohaften Bruder in ihrer unkonventionellen Wohn-Kommune rumalbert, wo ihr Mann im Wok rührt und ein Rasta-Kapitän auf dem Harmonium für den nötigen Drive sorgt. Tempo- und slapstickreich zeigt Dröse flippige, fröhliche Menschen, die mit sich im Reinen sind. Bis der Bürgermeister die Daumenschrauben anlegt – und die Aufklärungsunterstützer schön facettenreich umkippen.

Großartig, wie Sabine Waibels Ärztin das nicht sehen will, dann staunt und begreift, wie sich die Wut in ihr ballt und sie sich im Pausenfoyer mit Gudrun-Ensslin-Sätzen zur Volksfeindin radikalisiert. Ein gelungener Kommentar auch zur entsprechenden Ostermeier-Szene, wo die Alternativtheorie "Der kommende Aufstand" schon das Ende des Denkbaren war. Wo bei Ostermeier Farbbeutel fliegen, könnten es bei Dröse Steine sein: Nach der Pause bietet Ronald Kukulies' Bürgermeister, der vorher die Klaviatur zwischen jovialem Profi und aasigem Machtmacho ausreizte, den Hereinkommenden an, mit Steinen auf ihn zu werfen. Niemand greift zu. Klar, ist ja auch nur Theater!

Das ist klug. Auch, dass die Figuren allesamt ambivalent bleiben. Dass nichts einfach ist. Was wäre denn die Alternative? Zurück in die Natur? Eine neue RAF? Einfach weiterwurschteln? Dröse spielt den Ball geschickt zurück ins Publikum – das vor dem Theater noch energisch weiterdiskutiert.

Maxim-Gorki-Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte, Karten: (030) 20 22 11 15.

Nächste Termine: 3., 19.10., 3., 11., 28.11.2012

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