20.09.12

Theater

Warum Schaubühnen-Chef Schitthelm sich zurückzieht

Jürgen Schitthelm hat Peter Stein geholt, scheiterte mit Jürgen Gosch, schrieb eine Erfolgsgeschichte mit Thomas Ostermeier. Ein Interview.

Foto: dapd

Zieht sich nach 50 Jahren zurück: Schaubühnen-Direktor Jürgen Schitthelm, der am 21. September 1962 gemeinsam mit vier Mitstreitern das Theater gegründet hat.
Zieht sich nach 50 Jahren zurück: Schaubühnen-Direktor Jürgen Schitthelm, der am 21. September 1962 gemeinsam mit vier Mitstreitern das Theater gegründet hat.

Er dürfte der dienstälteste Theaterdirektor Deutschlands: Jürgen Schitthelm (73) feiert am Freitag sein 50. Jubiläum und den Geburtstag der Schaubühne. Am 21. September 1962 hatte er die Bühne gemeinsam mit Leni Langenscheidt, Waltraut Mau, Dieter Sturm, Klaus Weiffenbach und einem Darlehen in Höhe von 10.000 Mark als Privattheater gegründet. Jetzt zieht er sich als Direktor zurück. Bis zum Umzug an den Lehniner Platz 1981 spielte das Ensemble in Kreuzberg am Halleschen Ufer . 1970 stieß Peter Stein als künstlerischer Leiter dazu – die ruhmreichen Jahre begannen. Das Haus wurde geprägt von Schauspielern wie Bruno Ganz, Angela Winkler, Jutta Lampe, Otto Sander, Peter Simonischek, Udo Samel, Corinna Kirchhoff, Edith Clever und von Regisseuren wie Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Robert Wilson. Legendär auch das Scheitern von Jürgen Gosch als künstlerischer Leiter. 1999 wagte Schitthelm den radikalen Umbruch und holte den jungen Thomas Ostermeier ans Haus. Der Beginn einer neuen Erfolgsgeschichte. Herr Schitthelm, am Freitag endet für Sie eine Ära. Mit welchen Gefühlen?

Jürgen Schitthelm: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe vor vier Jahren beschlossen, dass zum 50. Geburtstag der Schaubühne Schluss ist. Ich hätte nicht gedacht, dass vier Jahre so schnell vergehen. Ich hätte mehr Probleme mit dem Rückzug, wenn es keine Verbindung zum Haus mehr gäbe. Aber ich bleibe ja Gesellschafter.

Morgenpost Online: Was ist denn da Ihre Aufgabe?

Schitthelm: Das sind die vertraglichen Bindungen mit der Geschäftsführung und der künstlerischen Leitung. Aber ich werde hier kein Büro behalten, damit würde ich ja die Autorität derjenigen untergraben, die in der Verantwortung stehen. Ich bin nicht derjenige, der hier ums Haus schleicht. Wobei ich gelegentlich schon vorbeikommen werde: Ich wohne nur sechs Minuten Fußweg von hier in der Giesebrechtstraße, mein Auto stelle ich hier ab, schließlich ist der Parkplatz bewacht.

Morgenpost Online: Sie saßen bislang bei Schaubühnen-Premieren nicht im Zuschauerraum, weil Sie zu nervös waren. Ändert sich das?

Schitthelm: Ich gehe davon aus, dass ich die nächste am 6. Oktober schaffe. Ich habe ja dann keine Verantwortung mehr, muss mich nicht mehr fragen, was zu tun ist, wenn etwas schiefgeht. Ich habe in den 50 Jahren nur eine einzige Premiere besucht, unfreiwillig. Das war bei Handkes "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten". Ein paar Tage vor der Premiere traf ich den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bei einer Veranstaltung und er kam auf mich zu und sagte, dass er gemeinsam mit seiner Frau die Premiere besuchen würde und dass es doch nett wäre, "wenn Sie uns in die Vorstellung begleiten würden". Da habe ich natürlich sofort zugesagt.

Morgenpost Online:Was ist denn Ihre Lieblingsinszenierung?

Schitthelm: Wir hatten uns 1974 mit einigen Projekten finanziell absolut übernommen und mussten die "Sommergäste" kurzfristig machen. Das war eigentlich als Filmprojekt für den SFB geplant, Peter Stein und Botho Strauß hatten das Drehbuch geschrieben, wir wollten Natur ins Studio holen. Die Fernsehleute wollten aber nicht, dass wir Sand ins Studio bringen, dann kommen auch Würmer, hieß es. Diese Studios waren damals relativ neu, da konnte man ohne Teller vom Fußboden essen. Das Projekt wurde schließlich zwei Monate vor Drehbeginn abgesagt. Dann haben wir uns an die Aufführung gemacht. Der wurde nachgesagt, dass sie unendlich viel Filmisches hatte: man musste sich als Zuschauer entscheiden, höre ich da oder dort zu. Das lag daran, dass es ein Drehbuch war und es während der Proben wieder zu einem Stück zurück entwickelt wurde, das Filmische bleib drin, weil es einen ungeheuren Reiz hatte. Drei Wochen vor der Premiere gab es einen Durchlauf. Ich war begeistert – aber das Schlimmste war, dass ich das für mich behalten musste, weil sich sonst alle Beteiligten in einer trügerischen Sicherheit wiegen. Also habe ich nicht einmal mit meiner Familie darüber geredet. Stein hat viele hervorragende Aufführungen gemacht, aber das war seine beste. Friedrich Luft schrieb nach der Premiere, dass es sich um eine Jahrhundert-Inszenierung handelt. Ich fand's ein bisschen schade, dass die nicht aufgezeichnet wurde. Es gibt nur die Fernsehfassung, die später dann doch noch realisiert wurde. Aber die ist natürlich anders.

Morgenpost Online: Und die unangenehmste Situation?

Schitthelm: Wir hatten Jürgen Gosch für die künstlerische Leitung engagiert, die Gespräche darüber zogen sich ein Jahr hin. Als erstes Stück hat er "Macbeth" gemacht, nach 14 Tagen Proben kamen Schauspieler mit der Bitte zu uns: Ihr müsst da mal reingucken, wir wissen nicht so recht. Aber das ging nicht einfach so. Gosch arbeitete völlig hermetisch. Er war ein introvertierter Mensch, es war ganz schwer, mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen. Auf der nächsten routinemäßigen Sitzung stellten wir die Frage an ihn nach dem Probenstand. "Die Premiere verschieben, um mehr Zeit zu haben?" - "Dafür sehe ich keinerlei Notwendigkeit", sagte Gosch. Nach der Generalprobe haben sich unsere Befürchtungen bestätigt: es stimmte überhaupt nichts, keiner der Schauspieler war auch nur in der Nähe einer Möglichkeiten, die Ausstattung , die Kostüme – es war ein Debakel. Und das Schlimme war, dass wir die Premiere nicht absagen konnten. Es war Goschs Antrittsinszenierung und eine Absage aus künstlerischen Gründen hätten wir nicht kommunizieren können. Wir beschlossen, dass wir ihm unsere Einschätzung vor der Premiere mitteilen müssen, denn nach derselben sind alle schlauer und kritische Anmerkungen dann nur noch verlogen. Das war meine Aufgabe, ich hätte das Gespräch gern vermieden. Gosch fiel aus allen Wolken, er hatte als Regisseur nach langen Probenwochen verständlicherweise keine Distanz mehr zur eigenen Arbeit und war davon überzeugt, das es eine gelungene Arbeit war. Er hat diesen Schock, die Kritik hatte unsere Einschätzung bestätigt, in seinen nächsten Inszenierungen an der Schaubühne nicht überwunden; nichts von der Qualität, die er in der DDR und später in Köln und anderswo abgeliefert hat war zu erkennen.

Morgenpost Online: Der Vertrag wurde dann relativ schnell aufgelöst. Wäre eine Premierenverschiebung dann möglich gewesen?

Schitthelm: Die gab es häufiger. Klaus Michael Grüber kam mal nach drei, vier Wochen Probenzeit bei mir vorbei: "Wir müssen die Premiere verschieben. Aber nicht nach hinten, nach vorne. Ich brauche keine sechs Wochen." Das war bei Peter Stein anders. Er und andere Regisseure probten zwei, zweieinhalb Monate, bereiten alles akribisch vor. Steins Verdienst war es, dass er – und das unterschied ihn von den meisten Regisseuren, die eine Leitungsfunktion am Theater haben, überhaupt kein Problem damit hatte, neben sich Leute arbeiten zu lassen, die ihm das Wasser reichten konnten: Luc Bondy, Grüber, später Robert Wilson.

Morgenpost Online: Peter Steins Rückzug 1985 kam sehr überraschend.

Schitthelm: Er verkündete das während einer Diskussion mit Abiturienten, die im Rias stattfand. Wir waren alle davon überrascht, keine Schauspieler, kein Mitarbeiter wusste etwas davon. Ich hab mir die Sendung später angehört. Stein fühlte sich wohl von den teils sehr kritischen Fragen provoziert, dann sagte Stein ganz ruhig: Ich bin jetzt am Boden angekommen und habe mich entschlossen, zum Ende der Spielzeit die künstlerische Leitung niederzulegen.

Morgenpost Online: Er hat Ihnen dann später vorgeworfen, die Schaubühne hätte sein großes "Faust"-Projekt behindert.

Schitthelm: Peter Stein war davon überzeugt: Manche wissen nichts, manche eine ganze Menge, ich weiß alles. Das "Faust"-Projekt, also beide Teile an zwei Tagen ungekürzt, hat Stein lange mit sich rumgeschleppt, Bruno Ganz sollte unbedingt den Faust spielen, aber der wollte das eigentlich nicht, weil er keinen Zugang zu der Rolle fand. Es ging jahrelang hin und her, Sponsoren sind abgesprungen, schließlich stieg die Expo 2000 in Hannover ein. Da wir damals vor einem künstlerischen Neubeginn mit Thomas Ostermeier standen, konnte das Projekt nicht mehr in der Schaubühne realisiert, werden. Stein meinte zwar, den Neustart könnte ich doch zwei Jahre verschieben, davon konnte aber keine Rede sein. Stein hat das zum Anlass genommen, jeden Kontakt zur Schaubühne abzubrechen. Ich habe den Eindruck, das Stein später, nach dem Fall der Mauer bedauert hat, dass er sich damals vor den Abiturienten so hinreißen ließ und seinen Arbeitsplatz aufgegeben hat. Denn mit einem Mal war Berlin wieder Großstadt, man stand in Konkurrenz mit mehreren Theatern, wir waren endlich raus aus der Situation, dass die Heilserwartungen des West-Berliner Theaterlebens allein auf der Schaubühne lagen. Da war auch ein Mühlstein.

Morgenpost Online: Haben Sie jemals daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Schitthelm: Nein, niemals. Ich bin ein optimistischer Mensch. Was auch immer passiert, ob es künstlerische, personelle, technische oder finanzielle Probleme gibt, ich denke immer: Was ist das positive an dieser eigentlich beschissenen Situation? Und ich habe immer etwas gesehen.

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