Komische Oper

Hans Neuenfels kommt im "Lear" ohne Blut aus

Hans Neuenfels schockiert und begeistert die Opernwelt. Jetzt inszeniert der in Berlin lebende Theatermacher den "Lear" von Aribert Reimann in der Komischen Oper. Morgenpost Online sprach mit dem Regisseur über christliche Demut, den Torhüter Robert Enke und darüber, warum er eine Aufführung nach 15 Minuten verlässt.

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Morgenpost Online: Ist der "Lear" wirklich eine wichtige Oper?

Hans Neuenfels: Bisher habe ich immer in den "Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann die letzte große zeitgenössische Oper gesehen. Aber dann lernte ich Schoecks "Penthesilea" kennen, und jetzt "Lear" von Reimann: Diese Musik hat ein unglaubliches Potenzial.

Morgenpost Online: Zweieinhalb Stunden voller Düsternis und Dissonanzen, erschlägt das nicht die Zuhörer?

Neuenfels: Dieser "Lear" kann einen tatsächlich erschlagen. Aber genau das will ich vermeiden. Meine Inszenierung strebt nach Durchsichtigkeit, was Bühnenbild, Text und musikalische Strukturen betrifft. Ich brauche keine Aufführung mit Schlamm und Blut – allein deswegen nicht, weil ich dergleichen in der Musik überhaupt nicht finde.

Morgenpost Online: Was finden Sie in dieser Musik?

Neuenfels: Sie erfüllt die Grundbedingungen des Musiktheaters: Sie berührt, erschüttert und bietet eine emotionale Klärung des abgründigen Stoffs.

Morgenpost Online: Und geht über Shakespeare hinaus?

Neuenfels: Ja, das ist für mich das Geniale an Reimann. Ich wollte immer schon den "Lear" inszenieren, aber erst Reimanns musikalische Deutung ebnete mir den Weg dahin. Er hat den Mut aufgebracht, die Zerrissenheit, Isolation des Menschen in Töne zu setzen, das Blanke, Nackte und Entsetzliche unserer Existenz.

Morgenpost Online: Aber wirkt dann nicht die Schluss-Szene, die von der Dissonanz auf konsonante Klänge umstellt, geradezu peinlich unglaubwürdig?

Neuenfels: Es ist Aufgabe der Regie, den Weg zu diesen harmonischen Streicherklängen verständlich zu machen. Auch bei Shakespeare gibt es die große Versöhnung, die Einbettung seiner gescheiterten Existenz in die Liebe zu Cordelia. Musikalisch hat Reimann dazu eine ausgesprochen folgerichtige Coda komponiert.

Morgenpost Online: Also eine verkappte Wagner-Oper: Triumph der untergehenden Liebe?

Neuenfels: Nein, hier geht es weniger um Liebe, sondern um die Erfahrung des Kreatürlichen und Nackten. Die Liebe ist nur ein Mittel zu dieser Erkenntnis: Wir sind begrenzt, erst im Rückblick erfahren wir unsere Bestimmung. Das hat, so banal es klingt, viel mit Robert Enke zu tun.

Morgenpost Online: Der Torwart Enke als Hauptfigur einer Oper?

Neuenfels: Ich finde auch hier eine große melodramatische Wahrheit: Wir müssen lernen, das Versagen und das vermeintlich Lächerliche zuzulassen, müssen die Bedingtheit, Vorläufigkeit unserer Existenz anerkennen – uns vielleicht sogar in christlicher Demut üben.

Morgenpost Online: Bislang wurden Sie eher als Religionshasser wahrgenommen!

Neuenfels: Deshalb wird mein Shakespeare nicht gleich christlich. Der von Reimann sowieso nicht: beeindruckend, wie er dieser Lösung widersteht. Ich möchte beweisen, dass sein "Lear" ein Repertoirestück ist! Vielleicht sagen die Leute danach sogar: Ja, wo ist denn das Schreckliche dieses Werkes!?

Morgenpost Online: Ein Neuenfels ohne Provokationen?

Neuenfels: Es gibt hier in der Tat keine einzige Provokation. Mir geht es um dieses große Seelendrama, um die Frage: Was ist der Mensch, wenn er alles aufgegeben hat und völlig auf sich zurückgeworfen wurde?

Morgenpost Online: Warum lässt sich diese Frage in der Oper besser stellen als im Theater?

Neuenfels: Die Oper hat auf jeden Fall mehr Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Publikum und auch einen großen Vorzug aufgrund der vorgegebenen Form, nämlich der Partitur. Noch das größte Chaos ist hier exakt strukturiert. In einer willkürlichen Umwelt kann es wohltuend sein, gesetzte Anforderungen erfüllen zu müssen. Ich würde niemals eine Partitur verletzen – so wenig wie den Text in einem Kleist-Stück.

Morgenpost Online: Dann müsste Ihnen heutiges Regie-Gehabe schön auf die Nerven gehen.

Neuenfels: Wie unsere Theater heute mit Texten umgehen, finde ich grauenhaft. Gewöhnlich erkundige ich mich im Vorhinein, wie lange ein Abend dauert; "Der Prinz von Homburg" in einer Stunde und vierzig Minuten? Da bleibe ich gleich zu Hause!

Morgenpost Online: Hans Neuenfels als Theatermuffel?

Neuenfels: Nein, ich gehe leidenschaftlich gern in Theater und Oper – aber auch gern wieder raus. Manchmal schon nach 15 Minuten…

Morgenpost Online: Eignet sich die Oper noch für den theatralischen Klassenkampf?

Neuenfels: Das konservative Element kann nicht geleugnet werden: die Sucht nach puren Stimmen, nach illustriertem Bühnenbild und einer Ästhetik des Mühelosen. Aber genauso wenig lässt sich leugnen, dass das repräsentative Erlebnis der menschlichen Stimme zum Wesen der Oper gehört. Sie ist auch in der zeitgenössischen Oper wichtig.

Morgenpost Online: Sie hatten immer schon mehr zu bieten als bloß das Grelle, Bizarre. Wieso sieht man Sie dennoch immer als Provokateur und Bürgerschreck?

Neuenfels: Das kann ich nur bedauern, aber nicht ändern. Auch meine amüsanten, 'überkandidelten' Geschichten resultieren ja aus dem Versuch, nicht zu ersticken. Womit wir wieder bei Robert Enke wären. Das Leben ist keine Show, das Theater auch nicht. Es geht um viel mehr.

"Lear" an der Komischen Oper Berlin, Premiere ist am 22. November 2009 um 19 Uhr, Behrenstr. 55-57 in Mitte. Tel.:(030) 47997400.

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