11.05.2010, 10:49

David Sieveking Berlins Antwort auf Michael Moore

Kinostarts - "David Wants to Fly"

Foto: dpa

Kinostarts - "David Wants to Fly" Foto: dpa

Von Peter Zander

David Sieveking wollte eigentlich nur seinem Idol David Lynch nacheifern. Dabei deckte der Berliner Jungfilmer ein obskures Geschäft mit Spiritualität auf. Die Kamera war immer dabei. Dabei herausgekommen ist sein Filmdebüt "David Wants To Fly", mit dem er plötzlich Michael Moore näher steht. Und David Lynch ist sauer.

Man tut ja viel, um seinem Idol nahe zu kommen. Wenige aber haben wohl so viel getan wie David Sieveking. Wenige sind dabei so enttäuscht – und dafür so gefeiert worden. Doch der Reihe nach.

Alles begann damit, dass der junge Berliner Filmstudent seinem großen Vorbild David Lynch nacheifern wollte. Alle feiern den amerikanischen Kultregisseur für seine großen, abgründigen Werke. Sieveking wollte auch solche Filme drehen. Nur fehlten ihm dafür – die Abgründe. Er beschloss, Lynch zu kontaktieren. Das geht sogar relativ einfach – im Vergleich zu anderen Filmgrößen. Denn immer wieder präsentiert sich der Regisseur in der Öffentlichkeit: Seine Lynch Foundation propagiert die Lehren des Beatles-Gurus Maharishi Mahesh Yogi.

Also packt der Filmstudent seine wenigen Sachen, fliegt in die Staaten – und trifft wirklich seinen Meister. Der wünscht ihm viel Glück für seinen ersten Film und erzählt, worin er seinen Sinn gefunden hat: in der Transzendentalen Meditation (TM). Sieveking belegt sofort einen Kurs, in dem Menschen das yogische Fliegen üben. Er lässt sich in das deutsche TM-Zentrum in Hannover aufnehmen – dabei geht all seine Abschlussförderung drauf. Er sucht nach Erlösung. Aber er hat von Anfang an immer auch eine Kamera dabei.

Die Filmproduzenten dürften lange gezögert haben, das Projekt zu unterstützen. Es war ja ein Selbstversuch, dessen Ende äußerst ungewiss war. Dann aber stirbt Maharishi Mahesh – und plötzlich rumort es bei dem TM-Welttreffen unter seinen potenziellen Nachfolgern. Mitten in der so seelenfriedlichen Bewegung werden plötzlich missmutige Töne laut. Auch hier ist Sievekings Kamera dabei, und die TM-Oberen, die ihm anfangs so offen gegenüberstanden, werden plötzlich kiebig und verlangen von ihm, das Filmmaterial herauszugeben.

Dann besucht David Lynch Berlin. Es kommt zu jenem unseligen Abend in der Urania, in dem ein "unbesiegbares Deutschland" propagiert wird, nebst Grundsteinlegung einer Berliner TM-Zentrale mitten auf dem Teufelsberg. Jetzt dürften die letzten Zweifler unter den Produzenten hellhörig werden. Sieveking wird zunehmend unter Druck gesetzt. Jetzt will David Lynch nicht mehr mit ihm sprechen, ja es droht gar eine Klage, wenn Sieveking sein Material doch verwenden sollte.

Der holt zum Gegenangriff aus. Er besucht ehemalige Spender der TM-Bewegung, die sich längst frustriert abgewandt hatten. Ex-Groupies des toten Gurus, die erstmals beichten, wie Maharishi Enthaltsamkeit predigte und sie verführt hat. Sieveking besucht Meditationsstätten, in denen Tausende für den Weltfrieden meditieren sollen – und findet nur Geisterstädte. Ja, er pilgert sogar in ein Himalaya-Kloster, wo der Guru ausgebildet worden sein soll, aber nur als Buchhalter gearbeitet hat.

Sieveking ist so etwas wie Berlins Antwort auf Michael Moore. Der 33-Jährige trägt zwar keine Basecaps, aber alte Hüte. Und wie Moore stellt er sich selbst frech in den Mittelpunkt seines Dokumentarfilms und stellt sich dabei betont dumm, um seine Gegenüber zu entlarven. Mit "David Wants To Fly", für das er vier Jahre seines Lebens investiert hat, ist ihm ein geniales Filmdebüt gelungen, das weltweit auf Festivals gefeiert wird und jetzt auch in unseren Kinos läuft.

Auch auf der Berlinale war das Werk zu sehen – obwohl David Lynch das laut Sieveking zu verhindern suchte. Man wird Filme von Lynch fortan nie mehr unvoreingenommen sehen können. Der dürfte sich auch reichlich ärgern, dass er eine solch missliche Rolle in diesem Film spielt. Dafür hat bei Sieveking nun schon mal der echte Michael Moore angeklopft. Vielleicht wird der ja sein nächstes Idol.

In den Kinos Babylon, Central, Kant und Kulturbrauerei.

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