Armin Mueller-Stahl
"Ich kann den Finger wieder in die Nase stecken"
Es ist wohl seine letzte Rolle: In der demnächst startenden Thomas-Mann-Verfilmung "Buddenbrooks" stand Armin Mueller-Stahl wahrscheinlich das letzte Mal vor der Kamera. Auf Morgenpost Online erklärt er, was er jetzt mit seiner Freizeit anfangen will, und warum Tom Cruise sauer auf ihn ist.
Von Peter Zander
Die "Buddenbrooks", inszeniert von Heinrich Breloer. Die Familie in Starbesetzung: Thomas (Mark Waschke), Konsulin Bethsy (Iris Berben), Konsul Jean (Armin Mueller-Stahl), Tony (Jessica Schwarz) und Christian (August Diehl).
Armin Mueller-Stahl, Jahrgang 1930, ist ein Ausnahmeschauspieler. Nach einer ersten Karriere im Osten und einer zweiten im Westen konnte er sich auch in Hollywood, seinem dritten Leben, einen Sonderstatus erspielen. In großen Starvehikeln (demnächst "Illuminati") wie in Kunstfilmen ("Night On Earth") bewies er, dass man ihn nicht festlegen kann. Jetzt aber will er nicht mehr. Im Kino verabschiedet er sich auf Raten von seinem Publikum. Er freut sich auf das "Leben danach". Auf das Malen und das Schreiben.
Morgenpost Online: Herr Mueller-Stahl, möchten Sie auf diesem Sessel sitzen? Der sieht bequemer aus.
Armin Mueller-Stahl: Nein, der ist zu plüschig. Da schlafe ich ein. Ich nehme lieber den.
Morgenpost Online: Sie haben angekündigt, Sie wollen nicht mehr drehen. Bleibt es dabei?
Mueller-Stahl: Also, so sehr ins Gefängnis habe ich mich nicht gesetzt. Ich lasse es allmählich auslaufen. So habe ich's formuliert. Aber aus dem Auslauf ist ein Endspurt geworden, das war so nicht geplant.
Morgenpost Online: Ein Film steht noch auf der Liste?
Mueller-Stahl: Nein. Ja, doch... Ich will nicht apodiktisch sagen, das ist wirklich mein letzter. Sonst meinen hinterher wieder alle, man sei wortbrüchig. Aber: Diese Freiheit gönn' ich mir. Auch wenn ich mal was gesagt habe und es dann widerrufe. Es könnte also sein, wenn ich mal ganz alt bin, nicht mehr gehen und mich auch nicht an mein Geschwätz von gestern erinnern kann, dass ich mich dann doch noch geschmeichelt fühle, wenn wieder jemand auf mich zukommt.
Morgenpost Online: Wenn so viel Lust da ist: Was spricht dann für das langsame Ausbremsen?
Mueller-Stahl: Ich habe die Nase voll davon, im Wohnwagen zu sitzen, bis ich an die Reihe komme. Dieses ewige Warten, der Fluch aller Filmerei. Dafür ist mir die Zeit zu schade. Und ich bin in meinen letzten Filmen immer wieder gestorben. Ich habe das Gefühl, das ist schon so etwas wie eine Generalprobe. Und ich habe doch genauso viel Freude damit, allein zu sein. Um zu schreiben, zu malen, Musik zu machen. Das ist auch viel vernünftiger. Diese Zeit, die man für sich hat, auch für sich zu entdecken. Ich genieße es etwa, dass mich, weil ich derzeit nicht so präsent bin im Fernsehen, kaum jemand auf der Straße erkennt. Früher war ich ein bisschen wie der Affe im Zoo, das war furchtbar: Oh, da isser! Ich habe ernsthaft gedacht, ich könnte das mal vermissen. Aber nein! Jetzt kann ich den Finger in die Nase stecken, wann immer ich will.
Morgenpost Online: Haben Sie sich denn früher nicht mit sich selbst auseinandergesetzt?
Mueller-Stahl: Doch, natürlich. Aber das ist ein anderer Vorgang. Beim Malen ist man kreativ. Man lebt aus sich heraus, man geht mit der Arbeit von sich weg. Schafft etwas, was nur einem selbst gehört. So hat das bei mir ja auch mit dem Malen angefangen: Ich saß da und wartete, bis ich vor die Kamera sollte. Und malte, aus Spaß, auch aus purem Zeitvertreib. Daraus wurde dann etwas ganz Eigenes.
Morgenpost Online: Hatten Sie in Ihren Filmrollen zu wenige Freiräume?
Mueller-Stahl: Ich hatte die Freiräume, die man als Schauspieler haben kann. Ich habe aber andere Freiräume, wenn ich meine eigenen Arbeiten mache, wie beim Malen. Da bekomme ich manchmal auch Antworten, die ich in anderen Berufen nicht bekomme. Schon gar nicht in der Schauspielerei.
Morgenpost Online: Was hat Sie dann dazu bewogen, bei "Buddenbrooks" mitzumachen?
Mueller-Stahl: Heinrich Breloer. Wir haben sehr gut gearbeitet. Und er macht Dinge, die nicht a priori Quotenbringer sind. Wir dürfen uns aber nicht immer nur an denen orientieren, denn das ist einfach nicht so gut. Das muss man mal ganz ehrlich sagen. Wir dürfen uns ruhig mal auf die guten alten Dinge besinnen. Seit dem Tod von Shakespeare wird "Hamlet" gespielt. Bis heute gibt es kein besseres Stück! Und auch in der Musik ist Mozart nicht überrundet worden.
Morgenpost Online: Sie sollten in "Operation Walküre" mitspielen. Den Film haben Sie für "Buddenbrooks" sausen lassen.
Mueller-Stahl: Mein Agent hatte mich gebeten, unbedingt drei Filme zu machen. Tykwers "International", Breloers "Buddenbrooks" und "Walküre" mit Tom Cruise. Es hätte sogar eine Möglichkeit gegeben, das zeitlich zu koordinieren. Und dann habe ich beschlossen, ich bin doch keine 20 mehr! Tom Cruise nimmt mir das persönlich übel. Als er letztes Jahr den Bambi bekam, wollte ich ihm Guten Tag sagen, er gab mir nicht mal die Hand.
Morgenpost Online: Jetzt spielen Sie dagegen in gehobenen Kaufmannskreisen.
Mueller-Stahl: Mich interessieren Geldleute null. Wir neigen dazu, unser Selbstbewusstsein immer an unsere Erfolge zu knüpfen. Was ist mit denen, die jetzt ihr Geld verlieren bei der Finanzkrise? Da sind sie genau wie Jean Buddenbrook: Das Selbstbewusstsein zerrinnt wie der Sand in einer Sanduhr.
Morgenpost Online: Woher nehmen Sie Ihr Erfolgsbewusstsein? Hat sich das nicht auch durch große Rollen bestimmt?
Mueller-Stahl: Ja, natürlich. Darum kann ich's ja beurteilen: Was war ich stolz als junger Mann, wenn ich auf der Straße erkannt wurde. Brust raus! Aber an irgendeinem Punkt habe ich das hinterfragt. Und das Fundament des Lebens, stellte ich fest, ist die Familie. Ich gehöre zu den wenigen in meiner Branche, die eine glückliche Ehe führen. Ich bin für Hollywood-Verhältnisse ein Außerirdischer. Ich bin 40 Jahre mit meiner Frau zusammen. Da gilt eine Ehe als stabil, wenn sie länger als zwei Monate dauert.
Morgenpost Online: Bei "Buddenbrooks" schließen sich Kunst und Erfolg eigentlich aus. Wie sehen Sie das als Künstler?
Mueller-Stahl: Generell ist es so: Wenn ein Kind sagt, es möchte Rocksänger werden, dann sagen die Eltern: Werde was Anständiges! Die Kunst ist immer noch irgendwo hintangestellt. Erst wenn sie durchgesetzt ist, wenn Gerhard Richter zehn Millionen für ein Bild kriegt, dann findet man's schön. Wir sind stolz auf die arrivierten Künstler, auf unsere Dichter und Denker, da haben Politiker überhaupt keine Chance. Aber auf die Künstler der Zukunft? Nein, bitte nicht.
Morgenpost Online: Ihr Vater war Bankbeamter. Riet er Ihnen auch von der Kunst ab? Und: Können Sie mit Geld umgehen?
Mueller-Stahl: Fangen wir hinten an: Ich bin zumindest jemand, der nicht unglaublich leichtsinnig mit Geld umgeht. Und mein Vater? Er wollte selbst Schauspieler werden. Das war sein großes Ziel. Ich habe eigentlich ihm zuliebe das Schauspielen zum Beruf ergriffen. Ich wäre ja am liebsten Dirigent geworden. Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Aber ich hätte es rückblickend gern etwas anders aufgeteilt: Vielleicht hätte ich statt 25 Jahre nur fünf Jahre Theater spielen und mich dann mehr mit Musik beschäftigen sollen.
Morgenpost Online: Wieso hat Ihr Vater seinen Traum nicht selbst verwirklicht?
Mueller-Stahl: Er hatte fünf Kinder! Der musste Brötchen auf den Tisch bringen! Ich habe eine große Dankbarkeit ihm gegenüber. Dabei habe ich ihn viel zu wenig kennen dürfen. Und obendrein habe ich ihn bestohlen. Ich habe einen Schlüssel nachgemacht, um Alkohol aus dem Schrank zu holen. Den habe ich verscheuert, gegen Pistolen.
Morgenpost Online: Pistolen?
Mueller-Stahl: Das war schon Ende des Krieges, Soldaten wollten die loswerden. Und ich habe dann Karl May damit gespielt, mit echten Pistolen! Leichtsinnig!
Morgenpost Online: War das schon ein früher Drang zur Schauspielerei?
Mueller-Stahl: I wo! Kindlicher Übermut war's! Ich habe den ganzen Krieg über Karl May gespielt, bis zu den allerletzten Tagen. Ich wäre gern Winnetou gewesen. Es tat mir immer leid, dass ich nie Winnetou war.
"Buddenbrooks" startet am 25. Dezmber 2008 in den deutschen Kinos.
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