30.01.08

Religion

Wie antisemitisch kann ein Kinderbuch sein?

Das Bundesfamilienministerium geht gegen das Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" vor. Es soll auf den Index. Grund: Die Weltreligionen werden darin verunglimpft, besonders das Judentum. Aber eigentlich ist das atheistische Werk für die Zensur viel zu schlecht.

Foto: Alibri Verlag
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Anders als in der muslimischen Welt ist in Europa die Religionskritik erlaubt. Es sei denn, sie wird verboten. Während der muslimische Mob aus Protest gegen Mohammed-Karikaturen Botschaften abfackelte, zieht nun das Bundesfamilienministerium gegen eine Kinderfibel zu Felde. "In dem Buch werden die drei großen Weltreligionen Christentum, Islam und das Judentum verächtlich gemacht", heißt es in einem Schreiben des Ministeriums an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Diese Zensurbehörde soll entscheiden, ob das Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" auf den Index kommt.

Um es vorwegzunehmen: Es stimmt, dass die drei monotheistischen Religionen (vom Judentum als einer "großen Weltreligion" zu sprechen, scheint eher den Fieberfantasien eines deutschen Ministerialbeamten als der Wirklichkeit zu entsprechen) verächtlich gemacht werden. Das Buch aus dem religionskritischen Verlag Alibri (Aschaffenburg) sei "für konfessionslose Eltern gedacht, die ihren Kindern eine religionskritische Sicht vermitteln wollen", meint Verlagsleiter Gunnar Schedel.

Allen Religionen geht es an den Kragen

Und das geht so: Ferkel und Igel entdecken ein Plakat, auf dem steht: "Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!" Deshalb machen sie sich auf den Weg zum Tempelberg, wo eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee stehen, und lassen sich von einem Rabbiner, einem Bischof und einem Mufti erzählen, was es mit Gott auf sich hat. Am Ende kommen Ferkel und Igel zum Ergebnis: Wer Gott nicht kennt, dem fehlt eigentlich nur die Angst. Und um die Lehre einzubläuen, heißt es in einem lustigen Verschen zum Schluss: "Der Gottesglaube auf den Globus / Ist fauler Zauber, Hokuspokus, / Rabbis, Muftis und auch Pfaffen / Sind, wie wir, nur nackte Affen. / Bloß dass sie Gespenster sehen / Und in lustigen Gewändern gehen."

So weit, so blöd. Denn genauso wenig, wie es jüdische, christliche oder muslimische Kinder geben dürfte, sollte es atheistische Kinder geben. Kinder sind Kinder. Die Frage, ob es einen Gott (oder hundert Götter) gibt, sollten Menschen möglichst ohne frühkindliche Indoktrination in einem Alter entscheiden, in dem sie nicht an den Weihnachtsmann und den Klapperstorch glauben – oder daran, dass ihre Eltern immer die Wahrheit sprechen.
Dass aber solche Reimdichoderichfressdicherei wirklich "jugendgefährdend" sei, glaubt man vermutlich auch in Ursula von der Leyens Ministerium nicht. Denn jugendgefährdend nach dem Gesetz sind "unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien".

Christen werden lächerlich gemacht

Deshalb wird die ultimative Keule herausgeholt: Das Judentum, so das Ministerium, "werde als besonders Angst einflößend und grausam dargestellt". Das stimmt, leider. Nicht nur werden bei der Darstellung des Judentums elementare Fehler gemacht, etwa indem die Synagoge vom Rabbi als "Tempel" bezeichnet und behauptet wird, nur Juden dürften sie betreten. Einzig der Rabbi darf die schlichte Wahrheit aussprechen: "Gott, der Allmächtige, ist nicht nett!" Eine Wahrheit, die er mit der Sintflut belegt.

Die Christen werden lächerlich gemacht, weil sie Plätzchen essen, die aus Menschenfleisch gemacht sind; die Muslime, weil sie sich so oft waschen; aber die Massenvernichtung der Ungläubigen ist in der Tat dem Juden vorbehalten. Hier wird wieder einmal deutlich: Wer sich von der Religion frei wähnt, ist oft Opfer ihrer dümmsten Vorurteile. Sicher hätten jüdische Atheisten die Sache ganz anders – weit weniger harmlos – dargestellt.

Ein Fall für den Index? Kinderbücher, die zu unterhalten vorgeben, in Wirklichkeit aber erziehen wollen, sind ohnehin eine Pest. Eigentlich gehörten sie alle verboten. Aber Kinder sind weniger doof, als die meisten Eltern und Zensoren glauben. Wenn sie die Gelegenheit haben, greifen sie instinktsicher zu moralfreien Geschichten wie "Pu der Bär". Der wird ein Klassiker bleiben, wenn dieses traurige Dokument der Borniertheit längst vergessen ist. Es zu verbieten wäre zu viel der Ehre.

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