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14.01.08

Theater

So traurig, wie "Onkel Wanja" nur sein kann

Verbotene Liebe auf dem Land: Im Deutschen Theater Berlin inszeniert Jürgen Gosch das großartige Stück von Anton Tschechow. Stars wie Ulrich Matthes als Onkel Wanja und Constanze Becker rühren zu Tränen. Dabei ist die Bühne oft ganz leer. Und dann knallt auch noch eine Kugel an die Wand.

© DPA
"Onkel Wanja" vor Premiere in Berlin

Dieses Landgut ist ein Gefängnis. Nichts ist zu spüren von den 26 Zimmern, in deren Weite sich der aus der Metropole heimgekehrte Professor (Christian Grashof) verloren fühlt. Bühnenbildner Johannes Schütz hat für Anton Tschechows "Onkel Wanja" im Deutschen Theater Berlin einen engen Kasten entworfen, der mit Lehm ausgespachtelt ist. So dass der Dreck im Laufe der Aufführung dezent an den Kleidern der Darsteller haften bleibt wie die Idiotie des Landlebens an ihren Figuren.

Niemand verlässt dieses Lehmloch je wirklich. Wer gerade nicht spielt, lehnt sich an die Wand. Manchmal wird dort beim Professor leichte Unruhe sichtbar, wenn andere Männer die viel zu junge Professorengattin Elena anbeten. Er selbst hat Sex nur noch mit ihr, indem er sie bejammert (mit Klagen über sein Rheuma), statt sie zu beschlafen.

Der Schwager entdeckt animalische Instinkte

Diesen mit Fußnoten, Dünkel und Hypochondrie angefüllten Schwell- und Schwallkörper gibt Grashof mit dröhnender Hohlheit und einem Spritzer echter Verzweiflung. Elena nimmt ihren Gatten wie eine Buße auf sich. Doch Constanze Becker traut man auch zu, ihn einmal zu erwürgen - aber vielleicht nur, weil sie hier schon die Klytemnästra gespielt hat.

Die beiden sind auf das Gut von des Professors erster, verstorbener Frau heimgekehrt, weil sie sich das Stadtleben nicht mehr leisten können. Nun bringen sie dort alle durcheinander: Der Schwager Wanja (Ulrich Matthes), der die Latifundie verwaltet, entdeckt beim Anblick Elenas vergrabene animalische Instinkte in sich. Gierig ihren Duft einschnüffelnd, wird er allerdings nicht zum Wolf, sondern nur zum Fiffi. Irgendwann explodieren sein Liebesleid, Selbsthass und seine Verachtung für den einst bewunderten Schwager in zwei Pistolenschüssen auf den Professor. Die gehen daneben, und einer explodiert mit einem Kinoeffekt in der Lehmwand. Ein überraschender Kontrast zum gewollt armen Theater, wo selbst das Getrappel abfahrender Kutschen sichtbar von den Darstellern mit Klappern und Glocken nachgeahmt wird.

Auch Astrow (Jens Harzer) hat sich in Elena verliebt - und sie sich in ihn. Ihre kurze, schöne Romanze beginnt mit einem langen Händedruck, dann schwingt sich der Arzt und Umweltschützer über den Landkarten verschwundener Wälder zum Hymnus auf des Lebens Vielfalt auf: Ökologie ist - wie jede andere Religion - nur schön, wenn sie Poesie ist.

Mit dem Schnurrbart zum Russenklischee

Doch Astrow ist auch längst erblindet für alles andere. Während er von den sinnlos abgeholzten Bäumen spricht, rasselt er mit einer Streichholzschachtel. Er vernachlässigt die Medizin - das stumpfe Landvolk (Rahul Chakraborty) redet sowieso eine ganz andere Sprache als die melancholischen Privilegierten. Und er sieht nicht das Lebenslicht, das direkt neben ihm leuchtet: die hoffnungslos verliebte Sonja, Professorentochter aus erster Ehe (Meike Droste). Mit Jens Harzer ist jener Astrow jünger besetzt als oft üblich. Man versteht so besser, was die Frauen an ihm finden. Sonja schwärmt zu Recht, er habe "so eine zarte Stimme".

Regisseur Jürgen Gosch zitiert ein paar Russenklischees: Astrows Schnurrbart ist fast zu breit für die enge Bühne, und die Kinderfrau Marina (Christine Schorn) geht so krumm wie die Sichel in der Sowjetfahne. Aber sie hat eine der effektvollsten Szenen: Wenn sie den lamentierenden Professor in eine Decke wickelt und fortschleppt wie ein Baby.

Doch sonst ist die Inszenierung frei von aufdringlichen Regie-Methoden, wie sie Gosch zuletzt bei seinen Shakespeare-Arbeiten überstrapaziert hatte. Er lenkt ein großartiges Schauspielerensemble nur sanft und lässt es die Zuschauer ergreifen, ohne sich in den Weg zu stellen. Auch die arg umgangssprachliche und von Schwabismen getränkte Übersetzung von Angela Schanelec stört dabei kaum.

Neben Harzer, Matthes und Becker rührt vor allem Meike Droste zu Tränen. Die Tristesse des Schlusses, als Sonja und Wanja allein auf dem Gut zurückbleiben, wird gnadenlos langsam ausgespielt und so der religiöse Zweckoptimismus von Sonjas Monolog über die heilsame Kraft des Ausruhens konterkariert. Das ist so traurig, dass sich der Herzmuskel zusammenzieht und man darüber zum Hypochonder werden könnte wie der Professor.

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