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Architektur

Frankfurt im Rausch der Beschleunigung

Am Frankfurter Flughafen entsteht einer der spektakulärsten Neubauten des Landes. An diesem Donnerstag ist Grundsteinlegung für das 700 Meter lange "Airrail-Center". Die Architekten streiten sich, wer die Idee zum Entwurf hatte.

Ins Airrail-Center sollen Büros, ein Ärztezentrum und ein Hotel einziehen
Foto: JSK
Ins Airrail-Center sollen Büros, ein Ärztezentrum und ein Hotel einziehen

Unter den zahllosen Erzählungen der Moderne ist dies eine der ambitioniertesten: Geschwindigkeit. Das Thema scheint jeder Darstellung durch die immobilste aller Künste, die Architektur, zu spotten. Und doch taucht die Geschwindigkeit schon in den frühesten Entwürfen auf, die das Haus als Maschine interpretieren.

Le Corbusiers Bewunderung für den Autokönig Ford, seine zu Autobahnkreuzen aufgeweiteten Stadtzentren, sein und seiner Jünger Kokettieren mit Motiven der Dynamik können heute als Experimente gelesen werden, dem frühen Rausch der Geschwindigkeit sinnbildliche Formen in der Welt der Unbeweglichkeit zu geben. So wie ja auch das Emporheben der Wohn- und Arbeitsgehäuse auf dünnbeinige „Pilotis“ (Stelzen) dem Verlangen zu huldigen scheint, die Gesellschaft aus Erstarrung und Bodenhaftung zu lösen und sie wie auf eine Abschussrampe zu stellen.

Das „Airrail Center Frankfurt“

Verflüssigung der Räume, Entfestigung des Bauens, Dynamisierung der Lebenswelten – das sind am Anfang des 21. Jahrhunderts noch immer verführerische Gestaltungskonzepte in der Architektur, in denen sich eine auf Tempo gebrachte, den Globus umgreifende, Ballast abwerfende Weltgesellschaft wiedererkennt. Welche Faszination sie entfalten, zeigt das Bauwerk, das an diesem Donnerstag im wörtlichen Sinn „auf die Schienen gesetzt“ wird: das „Airrail Center Frankfurt“.

Am größten deutschen Flughafen legen die Investoren mit Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth und dem Architekten Helmut W. Joos den Grundstein zum – wie sie stolz verkünden – „derzeit größten Hochbauprojekt in Deutschland“. Schon der englische Name scheint ausdrücken zu wollen, dass dieses über den Fernbahnhof Frankfurt-Flughafen geschobene Bauwerk nicht eigentlich „ortsansässig“ ist, dass es einer fremden Sphäre angehört und sich auf rasanter Durchreise befindet.

Es ist noch nicht zehn Jahre her, dass eingewandt wurde, dort draußen hinter dem Stadtwald könne mit dem Koloss so etwas wie ein „zweites Frankfurt“ entstehen, ein zweiter Stadtkern, der parasitenartig Kräfte aus dem Ballungsraum abzieht, die „Global City“ aussaugt. Da hatte man nur die gewaltigen Dimensionen im Auge: 680 Meter Länge (fast ein dreiviertel Kilometer), 47 Meter Höhe, elf Stockwerke, 40.000 Quadratmeter Fassade, 35.000 Quadratmeter Dach. Dass ein solcher Gigant städtische Funktionen entfaltet, dass Büros, ein Ärztezentrum, ein Hotel mit 580 Zimmern als „Großmieter“ einziehen, dass 90 Aufzüge in ihm auf- und abschweben – das alles überfordert das normale Vorstellungsvermögen.

Architektenstreit um den Entwurf

Die Formen des Tausendfüßlers aus Beton, Metall und Glas freilich vermitteln eher ein nomadenhaftes Bild. Die Uridee dazu hatte der Hamburger Architekt Hadi Teherani. Von ihm stammt der gesamte, schon 2001 fertiggestellte futuristische Unterbau, der Fernbahnhof Frankfurt-Flughafen, der von Anfang an darauf berechnet war, das Fundament für einen stromlinienförmigen Überbau zu bilden. Deshalb die schräg ins Erdreich gerammten Pfeiler, deshalb die wuchtige Dachkonstruktion aus Beton, die auch nach Teheranis Vorstellung ein haifischartiges Endloshaus tragen sollte.

Sein Entwurf von 1996, ähnlich expressiv und vorbildlos wie sein „Ufo“ für den Dortmunder Hauptbahnhof (nicht realisiert), sein „Berliner Bogen“ und sein „Bürohaus Dockland“ für Hamburg (beide realisiert), ist zu einer „Architekturlegende“ geworden, die seit Jahren wie ein Phantom durch die Fachzeitschriften geistert. „Es sollte Geschwindigkeit abbilden, das war unsere Philosophie“, sagt der gebürtige Perser, dessen Hamburger Büro Bothe Richter Teherani (BRT) aber beim Investorenwettbewerb vor acht Jahren „von keinem aufgefordert wurde mitzumachen“.

Stattdessen kam Helmut W. Joos, seit 35 Jahren „Hausarchitekt“ des Frankfurter Flughafens und Schöpfer des imposanten Terminal 2, zum Zuge. „Das ist das Architektenleben“, kommentiert Teherani, der sich nach eigenen Worten aber heute freut, „dass unsere Ideen Realität werden“.

600 Millionen Euro Investition

Auf eine Investitionssumme von 600 Millionen Euro wird der Neubau taxiert – doppelt so viel, wie die öffentliche Hand in das „Humboldt-Forum“ am Berliner Schlossplatz investieren möchte. Ein Schloss, eine städtische „Mitte“, ein Kristallisationspunkt wird der Frankfurter Neubau dennoch niemals werden können. Und das hat etwas mit den Eigenschaften der Fahrmaschine zu tun.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vorgeschlagen, in der Interpretation des Hauses als Maschine den „Angriff des 20. Jahrhunderts auf die überlieferten Formen der sedentären Dumpfheit“ zu sehen. Das Haus müsse gleichsam „selber zum Fahrzeug werden, das, um mit Bloch zu sprechen, ,abfahrtwillig’ dasteht“. In dieser Sicht wird die Wohnmaschine ganz unverbindlich zum „Zugeständnis des Beharrungssymbols Haus an den ,absoluten Bewegungscharakter der Welt’ in der Zeit des Geldes“. Indem sie den Bewohner „hier beherbergt, erinnert sie ihn an den bevorstehenden Aufbruch zu einem anderen Standort, einem anderen Parkplatz, einer anderen Klima-Option“.

Was dabei im Vagen bleibt, ist das Ziel. Die Fantastik, die den Konstrukten einer dynamischen Architektur innewohnt und die ihre utopische Ausformung in immer neuen Entwürfen für „wandernde“, schwebende und außerirdische Städte findet, vermochte bisher Sehnsüchte zu wecken, aber noch nie zu stillen. „Wir haben auf Erden keine heimische Statt“, sagt die Bibel, „aber die himmlische suchen wir“. Etwas von dieser auf ewig offenen Suche webt und flirrt auch im Faszinosum der Beschleunigung, um das sich so viele Architektenträume ranken.



Erschienen am 28.02.2007

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