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23.10.08

"Die Stadt der Blinden"

Problematischer Film eines problematischen Buchs

Wieder ein moralischer Film: Fernando Meirelles nach "City of God" nun José Saramagos mindestens so moralischen wie problematischen Roman "Stadt der Blinden" verfilmt. Leider folgt er dabei fast sklavisch den allzu plakativen Erzählspuren und macht sie noch sogar holzschnittartiger.

© AP
Stadt der Blinden
Alle erblinden: Julianne Moore in der apokalyptische Verfilmung des Romans von Nobel-Preistraeger José Saramago

Moralische Bücher sind prima. Sie beruhen auf einfachen Sätzen wie "Der Mensch ist des Menschen Wolf." Oder: "Der Mensch ist Gier." Oder: "Zivilisation ist nur eine dünne Emailleschicht über der Barbarei im Herzen der Menschen. Schriftsteller, vor allem europäische, bekommen für moralische Geschichten, die sie aus solchen Sätzen entwickeln, gern den Nobelpreis. Dann kommen berühmte Filmemacher und wollen aus dem moralischen Buch einen moralischen Film machen. Und wenn dann der Nobelpreisträger nicht aufpasst, macht der Filmemacher aus dem moralischen Buch mit den simplen Sätzen einen moralischen, einen simplen, einen langweiligen Film.

José Saramago ist ein moralischer Schriftsteller. Er hat (vor allem) deswegen den Nobelpreis bekommen. Und weil er sich nicht konsequent genug verweigert hat, durfte Fernando Meirelles nach seinem (auch sehr moralischen) Film "City of God" nun Saramagos mindestens so moralischen wie problematischen Roman "Stadt der Blinden" verfilmen.

Saramagos Geschichte basiert auf einer geradezu erschütternd simplen, misanthropischen Erkenntnis: Die Menschen sind prinzipiell gesellschaftsunfähig, blind füreinander. Das geht solange halbwegs gut, wie der psychische nicht in einen physischen Zustand umkippt.

In einer glitzernden globalen Großstadt geschieht allerdings genau das: Erst erblindet ein junger Mann, dann irren immer mehr Blinde durch die Straßen, sie füllen die Arztpraxen. Eine Pandemie breitet sich aus. Weil Saramago aber der marxistische Großmenetekler ist, der er ist, kann er es mit der Auserzählung zwischenmenschlicher Folgen dieser Blindheit nicht einfach bewenden lassen.

Der Blinden werden immer mehr, sie kommen in Lager. In diesen bricht dann die Anarchie aus, das Ende der Zivilisation, es gibt Massenvergewaltigungen, die militärisch bewachten Lager verwandeln sich so schnell in Kloaken wie die Welt draußen in eine verwehte Zivilisationswüste. Am Ende siegt die Liebe. Am Ende löst sich die Blindheit in Licht auf. Und was ist die Moral von der Geschicht': Man sieht nur mit dem Herzen gut. Oder so.

Fernando Meirelles mag zwar stark genug gewesen sein, die Vorbehalte Saramagos gegenüber einer Verfilmung zu entkräften. Stark genug, sich auch noch das Recht an der Veränderung der arg holzschnittartigen Geschichte herauszuschlagen, war er nicht. Mehr noch: Meirelles folgt nicht nur fast sklavisch den allzu plakativen Erzählspuren Saramagos. Er malt die Plakatwände Saramagos sogar in dem Maße aus, in dem die Blindheit wächst. Allzu wohlfeil sind die Hauptrollen mit Stars (von der tatsächlich großen Julianne Moore über Danny Glover bis Yusuke Iseya) beinahe aller Rassen besetzt. Und statt die Blinden einfach zu umkreisen, den Verlust ihres Gesichtssinns einfach von außen zu spiegeln, veranstaltet Meirelles geradezu ein optisches Feuerwerk.

Hämmert einem im Übermaß ein, dass es sich bei der Geschichte um eine über das Sehen, übers Wahrnehmen der Anderen handelt. Wenn's an die Verfilmung des Menschenelends im Lager kommt, hat ausgerechnet "Stadt der Blinden" sogar etwas ziemlich Voyeuristisches. Die Charaktere bleiben einem fern, erkaltet, verwischen wie die Bilder. Was auch daran liegt, dass Meirelles ein immer höheres Erzähltempo vorlegt, um das Ende des nicht eben schmalen Bandes rechtzeitig zu erreichen.

Am Ende sehen sie schließlich alle wieder. So ein Glück. Weil sie sich lieb haben. Das Gegenteil von gut ist halt leider immer wieder gut gemeint.

Die Stadt der Blinden

Japan, Brasilien, Kanada 2008

121 min., ab 12 Jahren

Regie: Fernando Meirelles

Darsteller: Julianne Moore, Mark Ruffalo, Gael Garcia Bernal

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