Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
22.10.08

Drama

"Nordwand", wenn Berg und Führer rufen

Philipp Stölzl hat einen packenden Kinofilm über die Tragödie am Eiger-Gipfel im Jahr 1936 gedreht. Damit knüpft er in "Nordwand" an die urdeutsche Tradition der Bergfilme an. Obendrein kann man Benno Führmann erleben, wie er eine der schönsten Liebeserklärungen der Filmgeschichte macht.

AP

11 Bilder

Bevor es hinauf geht, auf den Berg, klopft einer der Bergsteiger noch bei dem Mädchen an die Tür. Endlich, mag man denken, turteln sie doch schon seit ihrer Jugend. Aber er bleibt nicht über Nacht. Er übergibt ihr nur etwas: seinen Schatz, sein Routenbuch, in das er all seine Besteigungen notiert hat.

Auf ihren Einwand: "Aber das hast du doch immer mit" entgegnet er: "Zu viel Gewicht." Ein Versprechen oder Todesahnung? Jedenfalls ist dies die schönste Liebeserklärung seit dem Austausch der Röntgenbilder in Thomas Manns "Zauberberg".

Ein Routenbuch brauchen freilich nicht nur diese beiden Bergsteiger, die da 1936 die Eiger-Nordwand bezwingen wollen. Ein Routenbuch braucht auch Regisseur Philipp Stölzl, der das Drama, das sich damals abspielte, nun verfilmt hat. Sein Bergfilm atmet eine ungewollte Aktualität, nach all den Bergunglücken, die in diesem Sommer geschehen sind: auf der Zugspitze, am Nanga Parbat, auf dem K.2 und zuletzt die Lawine am Montblanc.

Bergfilme sind ideologisch vermint

Der Bergfilm ist aber auch ideologisch vermintes Terrain. Zugegeben, es ist das einzig urdeutsche Filmgenre, vergleichbar nur dem Western. Aber der geht immer in die Weite und die Breite der Prärie; der Bergfilm dagegen will unentwegt nach oben, in die Höh’. Atemberaubende Bilder haben Arnold Fanck, Luis Trenker und Leni Riefenstahl, die Großmeister jenes Genres, in den zwanziger, dreißiger Jahren geschaffen. Doch nie konnten ihre Filme die Nähe zur Blut- und Bodenmystik der Nationalsozialisten ganz verhehlen: der Herrenmensch gegen die Ur-Natur, ein Kampf um wahre Größe.

Das war der Eiger auch 1936: Die Nordwand des Viertausenders galt als "letztes Problem der Alpen"; die Bezwingung wurde zu einer quasi-völkischen Herausforderung; das Deutsche Reich lockte mit einer Spezial-Medaille zu den Olympischen Spielen. Um sich diesem völkischen Bodensatz zu stellen, hat ihn Stölzl gleich thematisiert.

Die deutschen Bergsteiger, Toni Kurz (Benno Fürmann) und Andi Hinterstoisser (Florian Lukas), sind keine Helden. Beim Kommiss schrubben sie die Latrinen, und wer mit "Heil Hitler" grüßt, dem antworten sie zünftig mit "Servus". Dann quittieren sie den Dienst, weil sie lieber nach oben als buckeln wollen.

Aber da ist noch eine andere Geschichte, von arrivierten Journalisten in Berlin, die eine Story wittern zur Erhebung der Volksseele. Mit einem aalglatten Reporter (Ulrich Tukur), der vor Ort die Besteigung rapportiert und dabei unentwegt nationalistische Sprüche herunterrattert – Kontroversen mit einem jüdischen Geschäftsmann, der im selben Hotel logiert, inbegriffen.

Die Geschichte wird von zwei Seiten erzählt

Eine ganze Weile wird die Besteigung, sehr klug, von diesen zwei Seiten erzählt: Hier der Journalist mit seiner Praktikantin (Johanna Wokalek), der Jugendfreundin der "Helden", die bequem die Fahrt per Bahn antreten, mondän im Luxushotel logieren und die Nordwand per Fernglas von der Hotelterrasse beäugen. Da die beiden Jungs, die mit dem Fahrrad in die Berner Alpen radeln, dort ein Zelt aufschlagen und sich dann in die Nordwand wagen, die wegen der vielen Toten auch als "Mordwand" gilt.

Bis dahin bleibt der Zuschauer bei dem Publikum auf der Terrasse, guckt wie jenes fasziniert, aber auch mit großer Distanz zu. Was sollen uns diese Verrückten? Sollen sie doch ihr Leben riskieren, wenn sie nichts Besseres zu tun haben. Aber dann kommt eben der Wendepunkt, wenn die österreichischen Gegner nach einer Verletzung aufgeben müssen.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz unter Bergsteigern – nachzulesen etwa in Jon Krakauers Buch "In eisigen Höhen" –, demzufolge eine Seilschaft weiterklettert, wenn sie auf eine zweite in Not trifft. Überall sonst würde das als unterlassene Hilfeleistung geahndet werden. Aber auf dem Berg gelten eben andere Regeln.

Andi und Toni kehren um

Der Andi und der Toni könnten nun also einfach weiterkraxeln, mit dem guten Gefühl, die schärfsten Konkurrenten abgehängt zu haben. Aber sie tun’s nicht. Das Wohl der anderen ist ihnen wichtiger als der eigene Triumph. Sie kehren um. Die Story ist für den Journalisten gestorben. Aber die Filmstory, die emotionale Geschichte, sie beginnt erst jetzt. Denn der Abstieg gestaltet sich als gefährlicher denn der Aufstieg. Erst in ihrem Scheitern gehen uns diese Figuren nah.

Die Praktikantin verlässt gar den sicheren Ausblick und klettert, ohne Seil, aber mit Pumps, ihnen entgegen. Das ist natürlich, im Gegensatz zur sonstigen Geschichte, rein fiktiv. Und Riefenstahl’scher Kitsch. Aber wie diese Frau bangen wir um das Leben dieser Männer, wie sie würden wir gern unsere Passivität aufgeben und helfen, auch wenn wir ja wissen, wie grausig diese Tragödie endet.

"Nordwand" ist ein großer Film über Menschlichkeit und Nächstenliebe. Das war nicht unbedingt zu erwarten in diesem Genre. Philipp Stölzl hat es kühn erweitert. Nun mögen die nächsten diesem Pfade folgen. Joseph Vilsmaier dreht bereits "Nanga Parbat" und Stephen Daldry plant "Everest".

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote