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04.10.08

Galerie Wagner + Partner

Kurt Cobain soll jetzt weggekifft werden

Wer möchte Kurt Cobain rauchen? Eine australische Künstlerin will in den Besitz der Asche des verstorbenen Nirvana-Frontmanns gekommen sein und hat daraus einen großen Joint gedreht. Der liegt nun in einer Berliner Galerie hinter Plexiglas. Noch. Denn die Tüte soll weggekifft werden. Dafür sucht die Künstlerin noch Mitraucher.

© pa/dpa
Kurt Cobain
Kurt Cobain war der Leadsänger und Songwriter der Gruppe Nirvana, er beendete sein Leben mit Selbstmord

Ist er ein Toter wie jeder andere? Ist das eine Tüte wie jede andere? Da liegt er jedenfalls: Kurt Cobain. Oder das, was von ihm übrig geblieben ist: seine Asche. Als Joint. Sehnse, det ist Kunst. Der konsumierbare Kurt C. ist Mittelpunkt einer Ausstellung der Galerie Wagner + Partner in Berlin. Dass die Reliquie in einem Plexiglas-Kasten ruht, wie die Heiligen des Kommunismus, erscheint hier, in einem Bau der ehemaligen Stalin-Allee, nur konsequent.

Vom Tod handelt die Ausstellung – und vom Nichtsterbenkönnen. Vor dem Abfüllen in gerollte Zigarettenpapiere hat die australische Künstlerin Natascha Stellmacher die Asche des früheren "Nirvana"-Frontmanns auf die Glasplatte eines Kopierers gekippt, "Set Me Free" darin geschrieben, und die Starttaste gedrückt. Das resultierende Bild sieht aus wie Sternenstaub. Es gehe darum, so die Galeristin Margret Uhrmeister, Cobain "aus dem Medienrummel zu befreien". Sie schafft es, das mit ernstem Gesicht zu sagen, während sich vor ihr die Zeitungsberichte über das Happening in der Galerie stapeln.

Befreit wird der Tote erst endgültig, wenn die Tüte geraucht wird. Wer mitrauchen will, darf sich melden und bekommt einen Fragebogen, damit die Künstlerin seine spirituelle Eignung prüfen kann.

Popstar-Asche oder einfach stinknormale Asche?

Der Journalist stellt dann eine in Deutschland naheliegende Frage: "Warum Cobain? Wenn schon prominenter Selbstmörder, warum nicht gleich Siewissenschonwer? Also, wenn ich zu Ihnen käme mit seiner Asche, und…?" "Sie? Nun ja, sind Sie Künstler?" "Gute Frage. Also, wenn ich Damien Hirst wäre und hätte die Asche sagen wir in einer vergoldeten Pfeife…" "Nun, wenn Sie Damien Hirst wären, und das Konzept wäre überzeugend…" "Dann könnten wir Hitler in der Pfeife rauchen. Endlich."

Man könnte sich auch vorstellen, von geliebten Angehörigen statt in einem kalten Krematorium bei einer gemütlichen Raucherparty mit Kerzen und Keksen Abschied zu nehmen. Aber was würde das Gesundheitsministerium dazu sagen? Fragen über Fragen. Auf die es, wie bei jeder guten Kunst, keine guten Antworten gibt. Zum Beispiel: Ist das da wirklich Popstar-Asche oder einfach stinknormale Asche? Was ja die Frage nach dem Auratischen nahe legt, Sie wissen schon, Walter Benjamins Frage nach dem Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Und nach der Wiederkehr des Verdrängten: Reliquienverehrung und Wunderglaube. Die gleichen Leute, die es lächerlich finden, wenn beim Glockenton in der Messe Brot und Wein in Leib und Blut Jesu verwandelt werden, wollen aus aller Welt anreisen, um etwas zu inhalieren, was – vielleicht – einmal ein Star gewesen ist. Smells Like Teen Spirit.

Draußen vor der Galerie wird der Journalist von einer älteren Dame angesprochen: "Darf ich Ihnen etwas Nettes sagen?" "Wenn's sein muss." "Jeder Tag hat seine Last, / Jeder Tag hat seine Plagen. / Doch der Blick zum Herrn herauf / Gibt dir Kraft für alle Tage." Gehört sie zur Ausstellung? Oder ist es einfach so, dass die Kunst das Leben herausfordert, sie zu toppen?

Galerie Wagner + Partner, Karl-Marx-Allee 87 in Berlin. Öffnungszeiten: Di - Sa 12 - 18 Uhr und nach Vereinbarung.

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