Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
01.04.08

Musik

Mireille Mathieu, das süße Trällern der Ikone

21 Jahre lang ist sie nicht mehr in Deutschland auf Tournee gewesen. Jetzt tritt Mireille Mathieu bis Ende April gleich 24 Mal auf. Als wäre nichts geschehen: In Berlin liegt das Publikum zwischen 15 und 75 ihr zu Füßen. Die Sängerin muss gar nichts zum Publikum sagen, alles ist immer "C’est si bon".

DPA

Die französische Schlagersängerin Mireille Mathieu ist wieder auf Tournee. Bis Ende April tritt sie 24 Mal in Deutschland auf.

22 Bilder


Bata Illic sitzt schwitzend im Dschungel-Camp, Cindy und Bert sind längst geschieden. Robert Blanco steigt blonden Frauen nach, und Rex Gildo sprang aus seinem Badezimmerfenster. Christian Anders kettete sich nackt an Zäune, Jürgen Drews ist der König von Mallorca, und selbst Dieter Thomas Heck brach neulich mit einer Lungenentzündung zusammen.

Nur Mireille Mathieu hat die alten "ZDF-Hitparade"-Zeiten überlebt. Sie steht 61-jährig und doch völlig alterslos auf der Bühne im ICC Berlin und beginnt ihr Konzert vor vollem Saal mit "Meine Welt ist die Musik". Als wäre nichts geschehen. Die Schlagerzeit scheint still zu stehen. Und in den Herzen des mit unzähligen Blumensträußen bewehrten Publikums macht sich sichtlich Freude breit.

Das Alterspektrum reicht von 15 bis 75, viele Schwule sind da, aber dezent, Komödiant Thomas Hermanns und Schauspieler Georg Uecker tragen stolz ihre Fanhaltung vor sich her. Klein- und Großbürgertum mischen sich zwanglos, Prekariat und Zehlendorf stehen einträchtig beim Rotkäppchen-Piccolo samt Plastikflöte an der Pausenbar.

Sie war in der Erinnerung immer anwesend

21 Jahre ist die kleine Frau mit der großen Stimme nicht mehr in Deutschland auf Tournee gewesen. Warum, ist nicht wirklich klar. Angeblich viel Arbeit in Frankreich. Doch keiner hat sie vermisst. Weil sie in der Erinnerung immer anwesend war, sich sowieso nie verändert hat. Die aktuelle Liederreise hat 28 Stationen, reicht von Kiel bis München, von Baden-Baden bis Zwickau, sie füllt nicht die Arenen, aber doch die großen Säle. Und sie ist wieder ganz da, als wäre sie nie weggewesen, als hätte man das 153 Zentimeter große Singpüppchen zwischendurch einfach nur in eine Sauerstoffkiste gelegt.

Heute Abend trägt Mireille Mathieu drei schwarze Kleider mit Spitzenärmeln von Christian Lacroix, zwei kurze, ein langes, teilweise mit Strass besetzt. Sie ist ein wenig fülliger geworden. Der Mund leuchtet kirschenrot, auch dafür nimmt sie seit Jahrzehnten den gleichen Guerlain-Lippenstift.


Und natürlich umspielen den Mathieu-Kopf mit den strahlend aufgerissenen Augen wieder die seidig nach innen gefönten, nie Haarspray-betonierten, auf ewig schwarzen Haare – jener Pagenkopf mit Innenrolle, der neben der Außenrolle (samt Kassenbrille) von Nana Mouskouri zur berühmtesten, weil unveränderten Frisur im Schlagergeschäft wurde. Prinzessin Eisenherz ist wieder da, die in Deutschland, aber nur in Deutschland, "der Spatz von Avignon" war und ist. Denn in Frankreich, da kann es nur einen Spatz geben – la môme, Edith Piaf.

Die Liebe der Deutschen zu Sängerinnen

Die Deutschen lieben die fremdländischen Sängerinnen. Erst gurrte die Schwedin Zarah Leander von den Wundern, die geschehen werden, dann verbreitete die Halbitalienerin Catarina Valente Adria-Frohsinn (obwohl sie viel mehr konnte). Und dann kam eben der Spatz von Avignon, der uns mit seinem "Pariser Tango" wieder mit dem Erbfeind versöhnte. Im Westen wie im Osten, denn auch im Friedrichstadtpalast war Mireille Mathieu Dauergast der schlagerfreundlichen DDR. Der Deutsche Fernsehfunk sendete am 31. Dezember 1970 – als seine erste Farb-Stereo-Sendung – den "Galaabend mit Mireille Mathieu" aus der Kongresshalle Leipzig.

Die französische Frau, in unseren Klischeevorstellungen gibt es sie nur als Heilige oder Hure. Als Femme fatale oder Garçonne – Knabenmädchen. Die proletarische Edith Piaf und die existenzialistische Juliette Gréco, die waren links und unmoralisch, in ihren Stimmen hörte man den Alkohol und die Drogen. Mireille Mathieu, das knäbischste aller Knabenmädchen, aber war züchtig, konservativ und katholisch, ältestes von 14 Kindern aus einer Arbeiterfamilie.

Mit 14 hatte sie die Schule verlassen und in einer Fabrik Briefumschläge geklebt. 1964 gewann sie einen Talentwettbewerb, ein Jahr später war sie berühmt. Auch weil ihr legendärer Manager Jonny Stark sie durch eine harte Entertainment-Schule schickte. Bis heute ist sie unverheiratet, eine ihre Schwestern organisiert ihr Leben, auch die 83-jährige Mutter Marcelle ist mit dabei.

"Es wird weitergehen, immer weitergehen"

Die fabelhafte Welt der Mireille kennt kein Gestern und kein Morgen. Nur das Heute. Der Vorhang fällt dort nie, und die Uhr muss immer schlagen. Denn: "Es wird weitergehen, immer weitergehen, irgendwie und irgendwann".

Als Person ist sie kaum vorhanden, auch auf der Bühne nicht. Sie hat wenige Gesten, meist einstudierte Diven-Handwürfe. Sie stakst auf ihren hohen Pumps zum Mikro und zurück, nimmt Blumen und Geschenke entgegen, gibt sie an einen extra dafür abgestellten Herren weiter. Sie sagt "Dankeschön" und "Merci, je vous aime", mit diesem herrlichen Akzent, der fast schon wieder einstudiert wirkt und der sich seit vier Jahrzehnten konsequent nicht verbessert hat. Mireille Mathieu sagt "Danke" und singt ungerührt weiter. Immerzu.

100 Platten hat sie aufgenommen, über 1000 Lieder im Repertoire. Die, die mit ihr untrennbar verbunden bleiben werden, sind – vor allem in deutscher Sprache – keine Chansons, sondern Schlager; eigentlich seicht, aber unglaublich geschickt in wenigen Worten zielgenau mit Sehnsucht und Sentiment spielend.

Alles ist immer C’est si bon

Da säuselt oft im Hintergrund das Akkordeon, es herrscht zartbittere Melancholie und da ist die Liebe gut, auch wenn sie weh tut. Da spielt die Musique in Avignon, und alles ist immer C’est si bon. Der Akropolis wird immergrün Adieu gesagt, und ganz Paris ist ein Theater (ihre erste deutsche Single, aufgenommen 1968 in den Berliner Hansa Studios), hinter dessen Kulissen das wahre Paradies ist. Es geht ihr gut, Merci Cherie, Straßburg lag im Sonnenschein und der Wein war aus Bordeaux. Und – Tarata-ting, Tarata-tong – das Wunder aller Wunder ist die Liebe.

Kleine Träller-Weisheiten, charmant verpackt. Dargeboten von einer gänzlich unerotischen, klaren Stimme, die einen Stahlkern hat, aber mit zarter Verletzlichkeit sanft tremolieren kann. Die alterslos und völlig intakt ein wenig nach Heintje klingt, diesem anderen deutschen Liebling aus Dänemark, und die mit dem Boursin-Käsemann, der Baskenmütze, dem Baguette, dem Crêpe Suzette und dem Musette-Walzer unsere Frankreichbild zementiert hat.

Wie limitiert diese Stimme, ja die ganze Person ist, das merkt man, wenn Mireille Mathieu Lieder von Edith Piaf oder Barbra Streisand in ihrem Konzert einflicht. Wenn sie in einem seltsamen Medley ihre polyglotte Sprachbegabung mit Händels "Lascia ch’io pianga", den russischen "Schwarzen Augen", japanischen und chinesischen Melodien unter Beweis stellen will. Da ist sie auf einmal brav, ohne Vision und Variation. Solche Vergleiche fallen gar nicht zu ihren Gunsten aus.

Nur Celine Dion ist erfolgreicher

Auch die neueren Titel huschen so vorbei, genau wie die meisten französischen Lieder. Doch bei "Der Zar und das Mädchen", bei "Santa Maria" einem ihrer letzten echten Hits aus dem Jahr 1978, da schunkelt der Saal, da bebt der Klatschmarsch, da werden rote Pappherzen und Trikolore-Wimpel geschwenkt. Von Ehepaaren, Oma und Enkel.

Nur Udo Jürgens vereint hierzulande wohl eine ähnlich diversifizierte Fangemeinde quer durch die Generationen. Mireille Mathieu, die man inzwischen auch auf YouTube mit Dean Martin im Duett findet – das ist eben kollektives Erinnern in Schlagergestalt. Vielleicht jahrzehntelang verdrängt, aber beim ersten Takt wieder präsent.

Nach der Piaf und der in Deutschland nie wirklich angekommenen Dalida wird sie zu Hause am meisten geliebt, neben Céline Dion ist sie mit über 150 Millionen verkauften Platten – davon 40 in Deutschland – die erfolgreichste französischsprachige Sängerin. Bescheiden, sauber, skandalfrei. Ihren Maskenbildner hat sie nie geheiratet, von zeitweiligen Depressionen hat sie sich längst erholt. Sie ist ein Arbeitermädel, das seine Arbeitsmoral auch auf der Bühne auslebt.

Und so kommt Mireille Mathieu, wenn die ordentliche Elf-Mann-Band und die drei Backgroundsänger zwischen schwarzen Stores und Schleichern längst hinter dem grauen ICC-Vorhang verschwunden und verklungen sind, immer wieder nach vorne, zeigt sich auch im harten Saallicht, zwei glänzenden Augen und ein lachend roter Mund unter der Haarhaube. Eine Ikone, das schon, mit limitierter Ausdruckskraft, aber in ihrem Terrain eine Königin. Kein Idol, nach dem man sich verzehrt, aber ein Schlagerfräulein, das seit 40 Jahren geliebt wird. Sehr sogar.

Das soll der geschmacksresistenten Mademoiselle d’Avignon erst mal wer nachmachen.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote