Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
31.05.07

Beatles

Konzeptkunst - "Sgt. Pepper's" und die Folgen

Am 1. Juni 1967 erschien "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band", die am meisten verklärte Schallplatte der Beatles. Paul McCartney bringt in diesen Tagen ein neues Werk heraus, bei Starbucks. Anmerkungen zu Sinn und Unsinn des Konzeptalbums.

© EMI
Pepper_neu_5_DW_Kultur_Hannover.jpg

Paul McCartney gratuliert sich selbst. Am 1. Juni 1967 wurde "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" veröffentlicht. Das Album, über das McCartney später widerspruchslos sagen durfte: "Pepper war meine Idee. Es war meine Idee, den Jungs zu sagen: Hey, wenn wir die Beatles so satt haben, wie wäre es mit Kunstfiguren? Jeder Song, den John schreibt, singt John wie John. Jede Ballade, die ich schreibe, singe ich wie Paul. Wie wäre es, das alles anderen zu überlassen, Alter Egos?"

Auf den Tag genau, zum 40. der Heilsarmee-Kapelle und ihres Konzeptalbums zur Lebensfreude, möchte er auch als Solist daran erinnern. "Memory Almost Full" erscheint als Paul McCartneys erstes Werk für die Kaffeehauskette Starbucks, es birgt 13 zwar nicht überwältigende aber angenehme Lieder, seine letzten Platten waren besser. Dafür bringt er einige CDs heute mit einem Eselsohr im Cover als Erinnerungssymbol heraus.

Immer Ärger mit Teetassen

Im Video von Michel Gondry zum Titel "Dance Tonight" wird es komplett verrückt: Der Postbote bringt eine Mandoline, Paul McCartney spielt darauf und singt, und Natalie Portman schwebt als Geist durchs Landhaus. Der Effekt heißt "Pepper’s Ghost". Erfunden wurde er fürs viktorianische Theater von John Henry Pepper.

Als der Postbote im Film nach "Tee" verlangt, wird er mit einer Kanne Tee enttäuscht: Es gab vor 40 Jahren einigen Ärger, um verherrlichende Drogenhinweise auf "Sgt. Pepper". "When you are free to take a cup of tea with me?" wurde der Politesse "Lovely Rita" damals angetragen. Selbst das wurde 1967 eifrig debattiert.

Die Diskussionen wurden "Sgt. Pepper" zum Verhängnis. Wer es heute wieder hört, freut sich über die melodiösen Lieder, die nicht mehr so zauberhaft wie manche auf "Revolver" klingen und nicht ganz so hinreißend wie einige auf dem Weißen Album, aber es sind Klassiker der Beatles.

Hat das Album Pop in Kunst verwandelt?

Nicht die Stücke selbst haben das Album regelmäßig an die Spitze sämtlicher Die-größten-Alben-aller-Zeiten-Ranglisten im gleichaltrigen "Rolling Stone" befördert. Sondern "das Konzept". Dieses Konzept besteht darin, dass eine Band in bunten Uniformen in einer Begegnungsstätte musiziert, einsamen Herzen von der Liebe vorsingt und am Schluss die Hoffnung ausdrückt, nicht missfallen zu haben.

Deutlicher drückt das Konzept sich im Formellen aus: Die Stücke gehen ineinander über, Paul McCartney moderiert, Applaus und Lacher werden eingespielt. Neun Monate, nachdem die Beatles letztmals auf der Bühne standen, wird das Publikum noch einmal simuliert. Es gibt eine Reprise und als ersten Bonus-Track der Popgeschichte den Song "A Day In The Life", der einen umwirft, als alles vorüber ist. Die Beatles haben ihr Konzept nicht allzu streng verfolgt. John Lennon: "Es funktionierte, weil wir gesagt haben, dass es funktioniert."

Entsprechend abenteuerlich gestaltet sich die "Sgt. Pepper" seither zugeschriebene kulturhistorische Bedeutung, die Programme und die Botschaften: Das Album habe Pop in Kunst verwandelt und den Zeitgeist vor dem Sommer 1967 aufgespürt, um dessen Karma in die Welt zu tragen.

Die Vier und Adolf Hitler

Schon das Cover wurde nicht mehr als verpackender Kaufanreiz betrachtet: Paul McCartney hatte über einen Kunsthändler den Pop-Artisten Peter Blake damit betraut, den Beatles einen Platz in der Kulturgeschichte zuzuweisen. Blake versammelte die Lonely Hearts Club Band in einem Gruppenbild mit Oscar Wilde, Marlene Dietrich, Albert Einstein, C.G. Jung, Bob Dylan, Karlheinz Stockhausen, Karl Marx, den Beatles, einigen Yogis, einem Gartenzwerg und einer Wasserpfeife hinter einem Beatles-Grab mit Hyazinthen. Kurzfristig entsorgt wurde die Pappfigur von Adolf Hitler.

Kunsthistoriker wie Walter Grasskamp sehen darin den Beweis für eine ernste Popkultur: Der Fankult wurde legitimiert, "weil die Idole dieser Fans sich zu ihren Idolen bekennen", lobt Grasskamp. In der aufklappbaren Hülle waren erstmals Texte abgedruckt als Weltliteratur.

Man könnte es sich mit dem Album heute einfach machen, es als Meilenstein beglückwünschen oder als heilige Kuh zum eigenen Vorteil schlachten. Wie der amerikanische Kritiker Jim DeRogatis, der in "Hall Of Shame", dem Buch der Rock-Irrtümer, schreibt, es handle sich bloß um "ein aufgeblasenes, barockes, und verfehltes Konzeptalbum". Vor 40 Jahren formulierte Richard Goldstein in der "New York Times": "Dieses Album ist verzogen wie ein Kind, dem man zuviel Aufmerksamkeit geschenkt hat." Da ist etwas dran.

Lauter Konzeptalben

Denn die Bemerkung trifft den Kern jedes Konzeptalbums. Es gab vor "Sgt. Pepper" bereits solche Alben, seit den späten Vierzigerjahren und der Einführung der Langspielplatte. Gordon Jenkins produzierte suitenartige LPs für Frank Sinatra. 1966 lieferte Frank Zappa seine Themenplatte über das absurde Treiben junger Kalifornier; 1968 parodierte er für "We’re Only In It For The Money" postwendend das "Sgt. Pepper"-Cover durch ein Gruppenbild hinter verrottetem Gemüse.

Aber es war "Sgt. Pepper", das für einen populären Paradigmenwechsel sorgte: Statt ein Dutzend Songs auf einem Album zu versammeln, wurden nun Ideen veröffentlicht. Der Pop traute sich selbst nicht mehr. Bei manchen Bands wurden Konzepte zwanghaft, bei Pink Floyd oder The Who. Programme glichen schwächere Stücke aus. Vielleicht hat Marvin Gaye die Kunstform des Konzeptalbums als Einziger vollendet mit "What’s Going On", einer Politplatte fürs Schlafzimmer.

Die Songs von "Sgt. Pepper" leiden unter ihrem Grundgedanken: Hippietum, Verständnis, Liebe. "Getting Better" feiert Paul McCartneys Saulus-Paulus-Wandel und bekehrt die Welt zum Optimismus. In "She’s Leaving Home" wird Nachsicht mit den Eltern eingeklagt, in "Lovely Rita" mit dem Staat, in "When I’m 64" mit alten Menschen, in "Good Morning" mit der Nostalgie. Es klingt entsprechend oft nach Vaudeville. Die Beatles haben immerhin erkannt, dass Hippies doch eher Wertkonservative sind, nur umgänglicher, lustiger und schöner. Soviel zum Konzept.

4 Beatles und 4000 Schlaglöcher

Der Beatles-Produzent George Martin schrieb in seinem Buch "Summer of Love – Wie Sgt. Pepper entstand": "Was aber hatte dieses Album schließlich zu bedeuten? Niemand konnte es sagen. Und dies war eine seiner größten Stärken." Ein Konzeptalbum, das aus nur angedeuteten Mysterien seinen Reiz gewinnt. Aus Martins Auskünften über die angewandten Studiotricks, aus Drogendiskussionen und der Exegese von George Harrisons verblasenem "Within You Without You".

4 Beatles, 4 Monate Arbeit, 40 Minuten Album, 40-köpfiges Orchester, 4000 Schlaglöcher in Blackburn, Lancashire, 40 Sekunden E-Dur-Schlussakkord. Und was ist in der Auslaufrille der LP zu hören? Ultraschall, um auch den Hund zur Liebe zu bekehren? Eine Grabrede: "Will Paul return as Superman"? Und nennt sich Ringo Starr hier Billy Shears, um William Shears Campbell einzuführen, den angeblichen Ersatzschauspieler des verstorbenen Paul McCartney?

Der ist immer noch, wie 1967 auf dem Album, 64 Jahre alt. Ein neues Lied heißt "Gratitude". Darin singt Paul McCartney, er sei dankbar für die Liebe, was auch immer sie bedeute. Danken wir für Lieder, die sich aus sich selbst erklären.

Paul McCartney: Memory Almost Full (Hear Music/Universal).

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote