04.04.08

100. Geburtstag

Vergesst Herbert von Karajan!

Der Dirigent hat den Musikbetrieb geprägt wie sonst keiner. Herbert von Karajan war ein Berserker, ein Machtmensch, ein begnadeter Musiker und Organisator. An diesem Samstag wird sein 100. Geburtstag gefeiert. Aber die Zeit ist über ihn hinweg gegangen. Karajans Moden und Methoden sind passé.


Ein Mann. Ein Auftaktbefehl. Dem hundert andere Instrumentalisten bei ihrer Klangarbeit zu folgen haben. Nirgendwo manifestiert sich Macht so sichtbar wie in der eigentlich körperlosen Musik. Der symbolhafte und gleichzeitig praktische Beginn eines Konzertabends mehrt um ein weiteres Mal den Ruhm dessen, der da – um ein weiteres Podest erhöht - auf der Bühne seinen um einen Stab verlängerten Arm hebt, lässt ihn als Einzelner gegenüber der Masse namhafter werden, während die namenlose Kohorte vor ihm zum Reagieren gezwungen wird. Ein Akkord ist das Ergebnis. Unterwerfung wird Kunst – anders geht es in der Musik nicht.

Niemand hat diesen Moment so bewusst verinnerlicht, gelebt und zelebriert wie Herbert von Karajan. So elegant und dramatisch. So narzisstisch und gleichzeitig so im Dienst der Sache. So versunken und so hellwach. Mit blaugefärbter, geföhnter Locke und geschlossenen Augen. Doch nie hat ihn das anschließende Ergebnis befriedigt.

Suche nach dem perfekten Klang

Immer war er auf der Suche nach dem mehr, nach dem perfekten Klang, der reinen, absichtslosen, schwebenden Schönheit. Auf Erden konnte er sie nicht finden. Weder im Konzertsaal noch im zu allen Manipulationen fähigen Plattenstudio, das er nutzte und dessen Möglichkeiten er auskostete und erweiterte wie kein anderer Dirigent vor ihm. Erfüllung fand er wohl höchstens in den geliebten Bergen, in der Straßenkurve im neuesten Flitzer, über den Wolken im eigenen Flieger und auf den Wellen mit seiner pfeilschnellen Yacht.

Waren Toscanini und Furtwängler, die beiden großen Antipoden, Produkte ihrer Zeit, oder gar Arthur Nikisch und Hans von Bülow, die anderen beiden Leitlöwen an Berlins philharmonischem Dirigentenpult? Keiner jedenfalls wurde so durch die Zeitumstände geprägt und wurde gleichzeitig durch sie so symbolhaft überhöht wie der am 5. April 1908 in Salzburg geborene Österreicher Herbert von Karajan.


Ein Großbürgersohn, der Vater war Chefarzt. In seinen jungen Jahren erfuhr er trotzdem Armut. Seinen Dirigentenberuf lernte er mit brennendem Ehrgeiz und flammendem Wirkungsbewusstsein von der Pike auf, in Ulm und Aachen an den sprichwörtlich kleinen, durch die Inflation zusätzlich geschwächten deutschen Dreisparten-Stadttheatern. Unter den Nazis steig Karajan kometenhaft auf, trat gleich zweimal in die Partei ein, lief mit, weil er Karriere machen wollte, beschmutzte sich aber nicht wirklich (da waren Karl Böhm oder Herrmann Abendroth viel schlimmer).


Der symbolhafte Tod


Nach dem Krieg wurde Karajan ausgebremst und mit Berufsverbot belegt. Dann verwandelte er sich erst Recht flächendeckend und mit Atem raubender Geschwindigkeit zum musikalischen Taktgeber des Wirtschaftswunder, zum Meister der schönen, glamourösen Musikwelt, zum technischen Manipulator und Innovator, zum absolutistischen Herrscher über eine Orchesterrepublik in Berlin, zum Opernkönig in Wien und Mailand, zum Kaiser der Salzburger Festspiele. Erst als alter, kranker, verbitterter, von seinem Orchester auf Lebenszeit zurückgestoßener Mann erkannte er auch die Grenzen des Menschentums. Mitten in der Arbeit in seinem Hightech-Bauernhaus starb Karajan am 16. Juli 1989 einen wiederum symbolhaften Tod in den Armen des Sonybosses und seiner dritten Frau – und wurde dann schnell und grausam vergessen.

Der Musikbetrieb, den Herbert von Karajan groß gemacht und den er geprägt hat wie kein anderer, wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Die Zeit der absoluten Pultherrscher war vorbei. Nirgendwo so sehr wie bei Karajans eigenem Orchester, den Berliner Philharmonikern, die sich anstatt der Karajan-Vasallen Ozawa und Levine mit Claudio Abbado Karajans absoluten Antipoden an ihre Spitze wählten. Und das eine Dekade später mit Simon Rattle noch einmal manifestierten.

Wer Karajan weit gefasstes Repertoire überblickt, seinen wahnwitzigen Arbeitseifer, seine Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst, der wird auch den Abstand zum gerne als Nachfolger im Geiste beschworenen Christian Thielemann begreifen. Ganz abgesehen davon, dass dieser einen dunklen, dräuenden Mischklang bevorzugt und sich als teutonischer Dickschädel sich positioniert, während Karajans Ideal die weltläufige Eleganz, der strahlende, körperlos brillante, immer schöne Klang war.

Karajan und Beethovens Sinfonien

Das freilich ist es auch, was seinen Stern in den letzten Jahren so hat verblassen lassen. Eine zweifelnde, nicht mehr nur technikgläubige Welt, mochte sich nicht länger einlullen lassen, begriff Musik nicht mehr nur als Sedativum. Wobei es das Verdienst der gebündelt neu aufgelegten Einspielungen ist, einiges wieder gerade zu rücken, Ungerechtigkeiten in der Beurteilung wieder gut zu machen.

So sehr etwa seine diversen Beethoven-Sinfoniezyklen glatter und glanzpolierter, dabei auch lebloser und wie in digitales Kunstharz eingegossen wurden, so aufregend schnell und modern geriert ihm sein erster Versuch für die EMI; übertroffen noch von dem dann auch klanglich wunderbar ausbalancierten zweiten Versuch für die Grammophon in den frühen Sechzigern – der auch heute, trotz historisch informierter Aufführungspraxis - immer noch Maßstäbe setzt.

Was wird bleiben? Die stilistisch abwechslungsreichen Aufnahmen der frühen EMI-Jahre mit Elisabeth Schwarzkopf und Maria Callas, die wunderbaren Opern, die "Salome", Debussys "Pelléas et Mélisande", die Dresdner "Meistersinger"; dazu die herrlich klingenden Decca-Jahre mit den Wiener Philharmonikern, mit ihrer seltsamen Mischung aus Ballettmusiken, Wiener Klassik und orchestralen Schaustücken; und vieles aus der Grammophon-Zeit, nicht nur die Sibelius- und Mahler-Aufnahmen, die Strawinsky-Einspielungen, die berühmte Kassette mit Zweiter Wiener Schule bis hin zu den Preußischen Märschen – das ist ewiger Plattenrepertoirebestand.

Sein Modell taugt heute nicht mehr

Und doch wird Herbert von Karajan, sind die multimedialen, aber doch auch ein wenig gezwungen wirkenden Anstrengungen dieses Gedenkjahrs verklungen, wieder vergessen werden; unter Umständen bereits nach diesem 5. April. Weil er sich in vielem, leider auch seinem späten, kaum noch menschlich atmenden Klangideal einfach überholt hat, weil er sich im Dienste der technischen Perfektionierung nur wiederholt, nicht variiert. Und weil er heute als Modell eines Musikmoguls im uneingeschränkten Orchesterreich nicht mehr taugt.

Seltsamerweise setzen gerade im Zeitalter der Globalisierung und digitalen Totalvernetzung die Dirigenten auf regionale Konzentration. Die im Helikopter von Konzertsaal zu Konzertsaal hoppelnden Pultgötter sind längst passé. Und deswegen tun und taten sich alle so schwer, die Gegner wie die Hofsänger, das Einzigartige, das auch heute noch Vorbildhafte oder eben Abstoßende im längst schon zum bleichen Schatten gewordenen Herbert von Karajan hervorzuheben. Karajan ist tot und bleibt es.

Man muss gar nicht so weit gehen wie der britische "Guardian", der eben stoßseufzte: "Rettet uns vor der Auferstehung dieses alten Teufels." Von Herbert von Karajan geht keine Gefahr mehr aus. Egal, ob Klassikengel oder Dirigentendämon, er steht als harmlose Wachspuppe im Musikkabinett, Abteilung Hybris des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Tod fiel nicht nur die Berliner Mauer und wurde die politische Welt neu vermessen. Auch der Musikbetrieb wurde in Frage gestellt, musste lernen, auf viele seiner subventionierten Privilegien zu verzichten.

Ein Sinfonieorchester nudelt heute nicht mehr das immergleiche Repertoire herunter. Es dient auch nicht bloß zur erbaulichen Abendunterhaltung der Spitzen der Gesellschaft. Es hat gelernt, ein sicherer Kulturhafen und kommunikativer Ort zu sein, ein Ort der Versenkung, aber nicht der Anbetung, ein Ort der Stille, die immer der Ursprung der Musik ist, und der Konzentration. Ein Ort, wo kreative Zukunft geschaffen wird, wo der Gemeinschaft etwas zurückgegeben wird, wo man aufnimmt und nicht abgrenzt und wo vor allem nicht der Ruhm eines einzeln erhört wird.

Hans Scharouns Berliner Philharmonie, der ehemalige Zirkus Karajani, hat zwar die Postadresse Herbert von Karajan-Str. 1, doch die Büste ihres einstigen Herren ist weit ab, im kaum je frequentierten Südfoyer im dritten Stock platziert. Dort stehe sie auch weiter in Frieden.

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