Musik
Motorrad-Rock - Das muss nicht kesseln
Obwohl die Harley heute eher als Steckenpferd des alten Mannes gilt, erlebt der Motorrad-Rock eine zartes Revival. Ohne Motorräder. Das beweisen die neuen Platten vom Black Rebel Motorcycle Club und den Kings Of Leon. Herrlich laut und verdammt schmutzig.
Von Michael Pilz
Selbstverständlich klären junge Bands, bevor sie überhaupt zu ihren Instrumenten greifen, zunächst dringendere Fragen. Denn am Anfang steht das Wort; dem Namen folgen Garderobe und Frisuren. Ist die grundsätzliche Haltung klar, spielt die Musik sich geradezu von selbst.
Black Rebel Motorcycle Club heißt eine solche Band. Sie hatte als The Elements begonnen, um den Hang zum Ursprünglichen auszudrücken. Dann fiel ihr der Film "Der Wilde" ein. Marlon Brando dröhnt darin 1953 auf einem Motorrad umher, und seine Gang ist der "Black Rebel Motorcycle Club", während Lee Marvin als sein Feind die Gang "The Beetles" unterhält. Für junge Kalifornier kommt der Bandname The Beetles kaum in Frage.
Keine Motorradbilder
Der Black Rebel Motorcycle Club entschied sich also für die Lederjacke, für den schwarzen Wuschelschopf und für den desillusionierten Auftritt. Dann veröffentlichte er 2001 ein erstes, gleichnamiges Album. Auf der vierten Platte "Baby 81" ist nun endlich das versprochene Motorrad zu sehen, und auch die Musik löst davon mehr ein als bisher. Sie knüpft beim ersten großen Stück von damals an, "Whatever Happened To My Rock ’n’ Roll".
Auf deutsche Hörer wirkte es wie eine ernste Antwort auf das Veteranenlied "What Happened To Rock ’n’ Roll" von Thomas Gottschalk, der den Niedergang einer authentischen Kultur beweinte. Gottschalk achtet seither streng darauf, dass Pressefotos ihn auf seiner Harley Davidson in Kalifornien zeigen. Der Black Rebel Motorcycle Club vermeidet Bikes und Biker-Bilder.
Die Harley für den alten Mann
Erstens, weil die Harley heute eher als Steckenpferd des alten Mannes gilt. Ihre Musik klang, zweitens, anfänglich nach blassen, Roller fahrenden Briten und zuletzt, auf "Howl", nach trampenden Beatniks. Alles großartige Alben. Aber "Baby 81" setzt den grundlosen Rebellen, sein umfassendes Dagegensein, das Freiheitspathos erst in Riffs und Melodien wie man es von ideellen jungen Wilden immer noch erwarten darf. "American X" zum Beispiel, ein symbolisch neun Minuten, elf Sekunden langes Stück, bei dem das Grollen der Gitarren anschwillt wie Motorenlärm beim Massenstart.
Es ist wie bei den Surfern, wo die bessere Musik von wasserscheuen Künstlern stammt. Den Glamour eines Surfbretts allerdings hat das Motorrad längst verloren. Witze gehen heute gern auf Kosten des betagten Bikers. John Travolta knattert als bedauernswertes Alltagsopfer durch die Filmkomödie "Born To Be Wild". Am Schluss tritt Peter Fonda auf, der greise "Easy Rider", um die letzte Gang, die sich noch ernst nimmt, in ein Clubhaus einzuweisen.
Die Kultur geborgter Posen
Eine Bausparkasse wirbt mit Altrockern, die Zwillingskinderwagen durch verkehrsberuhigte Straßen schieben, Rosen züchten und Marquisen reparieren: "Entdecken Sie den Spießer in sich. Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause." Vielmehr der Vergangenheit: Die Zielgruppe von Herstellern wie Harley Davidson bereist bereits den Highway alles Irdischen. Allein der Babyboomer brummt am Wochenende noch ins Grüne. Mit beheizter Sitzbank und Musik im Helm von gleichaltrigen, glaubwürdigen Biker-Bands ist er zufrieden unterwegs und hält Gitarrenrock von jungen Fußgängern für unauthentisch. Damit hat er sogar recht.
Nichts hat den Ruf der Rockmusik so ruiniert wie "das Authentische". Bereits als Teenager soll Peter Hayes den Song geschrieben haben, "Am I Only", mit dem "Baby 81" heute ausklingt. Darin hadert er: "You turn into a song and everything fells wrong." Dass nichts mehr wahr sei, wenn der Mensch sich in ein Lied verwandle. Rock ist die Kultur geborgter Posen. Das Motorrad war auch früher da als die elektrische Gitarre. Marlon Brando störte zeitiger die öffentliche Ruhe als Chuck Berry oder Elvis. Und wer sich in der Provinz kein Auto leisten konnte, weil er jung war, haltlos oder beides, fuhr Motorrad.
Erscheinungsbild wichtiger als Schallplatten
Kings Of Leon, jene jungen, bärtigen Musiker aus Nashville, hätten in der Zeit, nach der ihre Musik klingt, auf Motorrädern gesessen. "Because Of The Times", ihr drittes Album, wirkt noch einmal rastloser, gemeiner, überdrüssiger. Caleb Followill besingt den wahren Weg der Liebe, Arizona oder seinen schwarzen Daumennagel. Seine beiden Brüder und ein Vetter rumpeln dazu finster vor sich hin. Geborene Outlaws, deren Vater (oder Onkel) sich bekehren ließ vom Harley fahrenden Hippie zum mobilen Prediger der Pfingstler und wieder zurück zum saufenden Vagabunden.
Leon Followill und seine Söhne (und sein Neffe) sind der schlagende Beweis dafür, dass die Verhältnisse und Umstände, dass Name und Erscheinungsbild für die Musik noch immer wichtigerer sind als alle Schallplatten der Siebzigerjahre. Als die Kings Of Leon kürzlich mit Bob Dylan die Konzerthallen Amerikas bereisten, war der alte Mann angeblich voll des Lobes. Ausgerechnet Dylan, der in die Mythologie des Motorrads einging, indem er 1966 mit seiner Triumph hinfiel. So kam er auch noch um das Woodstock-Festival herum, auf dem der Rock zur Allerweltskultur erhoben wurde. Peter Hayes vom Black Rebel Motorcycle Club: "Es geht um Rebellion. Um einen Aufstand jedes Einzelnen." Auch hier besteht die Kunst darin, effektvoll so zu tun. In Wort und Bild, selbst in Musik.
Black Rebel Motorcycle Club: Baby 81 (Island/Universal)
Kings Of Leon: Because Of The Times (RCA/Sony BMG)
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