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16.01.08

Popkultur

Massiv und die Glaubwürdigkeit des HipHop

Inszenierung oder Realität? Im Gangster-Rap verwischen sich die Unterschiede. Der Schussangriff auf den Deutsch-Palästinenser Wasiem "Massiv" Taha in Berlin könnte auch Teil einer PR-Aktion gewesen sein. Am Freitag erscheint Massivs neues Lied. Und Wunden sind auf der Straße viel wert.

David Cuenca/Sonybmg

Der Deutsch-Palästinenser wurde 1982 unter dem Namen Wasiem Taha in Pirmasens geboren.

3 Bilder

Bei Bertelsmann wird am Freitag "Weißt du, wie es ist" veröffentlicht, das äußerst aktuelle Stück von Wasiem Taha. Unter seinem Kampfnamen Massiv fragt Taha: "Weißt du, wie es ist, fremd in einem Land zu sein? Ohne Perspektive, eingepfercht im Asylantenheim? Wie es ist, abgeschoben zu werden und nicht verstanden zu werden? Weil sie dich unterbewerten?"

Nein, die Mehrheit seiner Hörer weiß das nicht, nimmt aber Anteil. Wenn jemand vergleichsweise authentisch aus einer nie langweiligen Lebenswelt berichtet, dann Massiv. Im Video sitzt der Rapper hinter einer alten Schreibmaschine, ringt die mächtigen Hände oder schlägt sich zornig ans Tattoo. Ein Deutsch-Palästinenser aus der Pfalz in einer unfreundlichen Heimat.

"Er war dem Tod sehr nah"

In der Nacht zum Mittwoch wurde Massiv in Berlin angeschossen. Nach einem Besuch beim Plattenlabel "Aggro" stieg er aus dem BMW, telefonierte, sein Begleiter holte Zigaretten, während ein maskierter Mann sich Massiv näherte, drei Schüsse auf ihn abgab und mit einem schwarzen Auto floh. Ein Schuss traf Massiv in die Schulter, zwei zerlöcherten sein Fahrzeug.

Anschließend wurde der Rapper ambulant behandelt und auf eigenen Wunsch wieder entlassen. Ein Sprecher seines eigenen Labels "No Limits Music" teilte mit: "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Aber der Vorfall geht natürlich nicht spurlos an ihm vorbei. Er hat viel Blut verloren, und er war dem Tod sehr nah."
Weit weniger dramatisch sieht die Polizei den Vorfall. Ihren Angaben zufolge erlitt der Künstler einen Streifschuss am Oberarm. Skepsis äußern die Beamten auch, nachdem das Attentat im Handumdrehen in Massivs hauseigenem Internetforum vermeldet wurde. Man werde allerdings in alle Richtungen ermitteln. Vor allem im Umfeld sich befehdender arabischer Familien. Die Eskalation eines Berliner Rapperkriegs nach amerikanischem Vorbild gilt hingegen polizeilich als eher unwahrscheinlich.

Street Credibility ist enorm wichtig

In den Neunzigerjahren nahm die Konkurrenz zwischen den angestammten Rappern aus New York und Aufsteigern in Kalifornien kriminelle Formen an. Das Label Death Row in Los Angeles verhalf Musikern wie Tupac Shakur und Snoop Doggy Dogg zu einigem Wohlstand. 1994 wurde Shakur beschossen und wies öffentlich die Schuld dem missgünstigen Platzhirsch aus New York, Notorious B.I.G., zu. In den folgenden Monaten wurde gedroht, geschimpft, geballert und vor allem niederträchtig hin und her gereimt.

Tupac Shakur fiel 1996 in Las Vegas, Notorious B.I.G. ein halbes Jahr danach bei einem Aufenthalt in Kalifornien. Ausgerechnet Louis Farrakhan, Führer der Nation Of Islam, beruhigte bei einem Friedensgipfel die Gemüter. Was die Gangster-Rapper selbstverständlich nicht vom unerlaubten Waffentragen abhielt - und davon, sich werbewirksam dabei erwischen zu lassen. Auch die originellste Lyrik und die eleganteste Musik ersetzen keine so genannte Street Credibility als Verkaufsargument.

Mag Rap auch nicht der "CNN der Schwarzen" sein, wie sich Chuck D. von Public Enemy das früher dachte: HipHop bleibt ein Medium. Und zwar eines, das auch Rollenbilder liefert für sozial Benachteiligte (oder sich so fühlende), dafür die Wirklichkeit entsprechend inszeniert und erst im Mehrwert glaubwürdig erscheint. Es reicht nicht, ein paar Schüler zu erregen und den Staatsminister für Kultur, sondern die Aufmerksamkeit aller.

Ein neues Lied heißt "Prototyp Kanake"

Wer auch immer Wasiem Taha im Problemkiez angeschossen hat, er hat den Zeitpunkt mit Bedacht gewählt. Am 1. Februar kommt Massivs zweites Albumwerk "Ein Mann, ein Wort" heraus mit dem Eröffnungstitel "Prototyp Kanake". Und Dank einer Gruppe Münchner Schläger und eines um Wählerstimmen kämpfenden Ministerpräsidenten wird das Rollenbild durch den politischen Diskurs geschärft und lässt sogar den schimpfenden Rapper mit dem PLO-Tuch zunächst glaubwürdiger und realer wirken. Das wird dessen Zielgruppe genauso sehen. Ein Sprecher des Sängers erklärte inzwischen empört: "So eine Promo macht man nicht".

Die Tatoos, die Taha breit auf Brust und Armen trägt, verweisen auf die Herkunft und auf die geschäftsübliche Selbstdarstellung. "Blut gegen Blut", so hieß sein erstes Album. HTWA lauten die Initialen seiner Eltern. Auf der Brust steht Palästina. 1980 flohen seine Eltern aus dem Bürgerkrieg im Süden Libanons nach Pirmasens; zwei Jahre später wurde Wasiem Taha dort geboren.

In der Jugend brachte er die Tage damit zu, die Muskeln zu trainieren und Rivalitäten auszutragen, angeblich verdiente er sein Geld im Drogenhandel. Vor drei Jahren wechselte er das Gewerbe und nahm in Berlin die ersten HipHop-Stücke über eine solche Jugend auf. Es war die Zeit, in der es Deutsch-Araber wie Bushido mit recht ähnlichen Geschichten in die "Bravo" schafften. Mit der Rolle, die Bushido spielt, an den Geschichten eines zornigen Migrantensohns, verdient sogar noch eine Plattenfirma, Universal.

Massiv rappt: "Keiner ist so ehrlich, wie er ist"

Sony BMG, die um die Marktmacht konkurrierende Musikabteilung im Haus Bertelsmann, hat sich die Rechte an Massiv gesichert. "Ich bin ein Kanake, der vom Messerstechen Narben hat", teilt er in einem seiner Stücke mit. Das klingt beinahe nach 50 Cent, der in Amerika zuletzt vom mehrfach angeschossenen, vernarbten Drogenhändler zum Musikmarktführer aufgestiegen war. Ein deutscher 50 Cent gegen Bushido aus der "Bravo".

Bei der letzten "Echo"-Preisverleihung hielt das LKA ein Aufeinandertreffen der Rivalen als besonderen Vorkommnis in ihren Akten fest. In Duisburg endete ein Gastspiel von Massiv mit einer Massenschlägerei. Für seine Single, die am Freitag ausgeliefert wird, hat er den weitsichtigen Vers ersonnen: "Weißt du, wie es ist? Keiner ist so ehrlich, wie er ist. Ich weiß nur, dass nicht jeder weiß, wie es ist."

Man weiß nicht viel vom Leben hinter Kriminalstatistiken. Von Fehden und Familien in der Fremde. Oder von Verteilungskämpfen eines Popgeschäfts, das immer weniger zu verteilen hat. Man weiß nur, dass der HipHop in Amerika sich selbst erledigte, als die Geschichten von Gewalt und Großmannssucht im wahren Leben austragen wurden. So grotesk es klingt: Nichts wirkt im HipHop unglaubwürdiger als die Wirklichkeit.

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