23.05.08

Late Night

Brave Charlotte Roche bei "Schmidt & Pocher"

Sexuelle Gelüste haben das Buch "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche auf die Bestsellerlisten gehievt. Doch der Erfolg scheint der Autorin Angst einzuflössen. Plötzlich soll der Roman nicht mehr so autobiografisch sein wie zuvor behauptet. Bei "Schmidt & Pocher" gab sich Roche dann auch enttäuschend bieder.

Von Katja Kupfer

"Öko-Tussimäßig", nur "eine schlechte Kopie von mir" und "spießig" findet die Rapperin Lady Ray Bitch die Autorin des Erfolgsbuchs "Feuchtgebiete", Charlotte Roche. Und tatsächlich kam Roche gestern Abend als Gast zu Schmidt und Pocher in einem Kleid, das wie eine Mischung aus einer braven Sekretärinnenuniform der Fünfzigerjahre und einer Nonnentracht wirkte, wofür wahrscheinlich die als Kreuze stilisierten Blüten am Halsausschnitt verantwortlich waren.

Seriös sah die 30-Jährige jedenfalls aus, deren Buch in den deutschen Medien derzeit rauf- und runteranalysiert wird; keinesfalls so als pflege sie engen Kontakt zu ihren Körperausscheidungen (wie ihre Protagonistin Helen Memel).

Es scheint, als habe Roche ein wenig Angst vor dem bekommen, was sie und ihr Buch ausgelöst haben, als wolle sie ein wenig zurückrudern. Zurückrudern mussten wohl auch Schmidt & Pocher, die immer noch die Nachwehen der Sendung vom 24. April zu spüren bekommen, als die für ihre derbe Sprache und explizite Aussagen zur Sexualität bekannte Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray in der Sendung zu Gast war. Die Doktorandin (und auch Dozentin) zur Semiotik der Kleidung an der Uni Bremen trug nicht nur ein ganz und gar unbraves Outfit, das ihren Hintern in Herzform freiließ, sie brachte auch ein Döschen als Geschenk mit, das angeblich ihr Vaginalsekret enthielt.

Abgesehen davon wurde auch verbal nicht gekleckert. Der Wirbel nach der Sendung war groß. Erst regte sich MDR-Intendant Udo Reiter auf, dann forderte der WDR-Rundfunkrat von den Moderatoren eine Entschuldigung bei den Zuschauern. Und schließlich legte am Mittwoch Therese Wieland, Mitglied des NDR-Rundfunkrats nach und bezeichnete die Sendung als "ordinär", "ekelerregend" und "wie in der schlimmsten Gosse".

Da konnte man zunächst beruhigt aufatmen, dass Roche nicht nur adrett und nett daherkam, sondern auch ohne Geschenk. Das Tabu brechen, sei ja nicht das ihre, sagte Roche gerade im aktuellen "Zeit-Magazin" gelesen, dessen Titel Roche in mit Schlamm verschmierter Baumwollunterwäsche ziert, sondern die Sache ihrer Heldin Helen Memel. Auch stimme es dann doch nicht, dass 70 Prozent von "Feuchtgebiete" autobiografisch seien, wie sie anfänglich sagte.

Wie auch immer, das Buch, dessen literarische Qualität – da sind sich im Grunde alle einig – eher unterdurchschnittlich ist, ist der Verkaufshit: fast 600.000 Exemplare sind es bereits. "Ich bin dann mal feucht", fasste Pocher die aktuellen Erfolgsgaranten der Bestsellerlisten zusammen.


Auf einen Skandal in der Sendung wartete man allerdings vergeblich. Alles was Roche sagte, wirkte gut erzogen, mädchenhaft, beinahe ätherisch und war weit entfernt vom provokanten Gesprächsstil von Lady Bitch Ray. "Wir kennen uns doch von früher, von Viva", sagte sie zu Pocher. "Ich habe mit Gebärzangen moderiert, kannst Du Dich erinnern –, oder macht Dich das nervös?". Nein, nervös musste hier niemanden mehr etwas machen. Schon gar nicht, dass einmal das Wort "Muschi" und "Hämorrhoiden" fiel.

Sicher hätte die von Schmidt zum Besten gegebene Geschichte einer Abonnentin jenseits der 60 Jahre, die ihren erregten Gatten im Thalia Theater fellationiert haben soll, nicht wirklich erzählt werden müssen. Das gilt allerdings für viele Geschichten, "Feuchtgebiete" eingeschlossen.

Sich als Schriftstellerin zu sehen, das traue sie sich nicht, winkte Roche dann auch bescheiden ab. Überhaupt habe sie der Erfolg in einen Schockzustand versetzt: "Ich dachte immer, das was ich im Fernsehen mache, ist zu schlau für die Massen". Für ihr Buch gilt das wohl nicht. Gut sei immerhin, dass zu ihren Lesungen viel mehr junge Frauen als alte Männer kämen.


Aber hier offenbart sich auch die Krux: Während die jungen Frauen "Feuchtgebiete" als lustvollen Tabubruch und die Feuilletons als postfeministischen Gegenentwurf zur glatt polierten Topmodel-Welt einer Heidi Klum feiern, benutzen es die alten Männer im Zweifelsfall als Vorlage der gewissen Art. Einer Helen Memel wäre das vermutlich egal; Charlotte Roche, das zeigt der Paradigmenwechsel, den sie in der Öffentlichkeit zelebriert, offensichtlich nicht. Ob es schon Anfragen für eine Verfilmung gäbe, will Schmidt wissen. "Oh ja, viele, aber wer will das schon sehen?", fragt Roche und lächelt wieder dieses Lächeln. Gute Frage.

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