Bühne
Désirée Nick kichert sich durch "Souvenir"
Montag, 30. Juni 2008 11:08 - Von Peter Hans GöpfertFlorence Foster Jenkins war ein Phänomen ihrer Zeit. Die selbst ernannte Operndiva glänzte durch schrilen Gesang und schuf sich so eine treue Fangemeinde. Jetzt brilliert Désirée Nick im Renaissance-Theater als die schrill-schräge Sängerin.

Derzeit erlebt Florence Foster Jenkins wiederum eine erstaunliche Renaissance. Ihre schrillen Auftritte werden zu CDs recycelt. Und gleich mehrere Theaterstücke saugen gelächterträchtigen Nektar aus der Karriere dieser erstaunlichen Person. Eines hat sich jetzt das Renaissance-Theater an Land gezogen.
Die Jenkins war schon immer ein Fall besonders fürs schwule Publikum. Daher gab es kein passenderes Datum für die Deutschsprachige Erstaufführung als den Christopher Street Day. Und Torsten Fischers Inszenierung landet ein grandioses Sommervergnügen.
Der britisch-amerikanische Dramatiker Stephen Temperley lässt Jenkins' Sopran-Laufbahn aus der Erinnerung ihres Begleiters Cosme McMoon Revue passieren. Diese Figur kann seiner Chefin zwar nicht das Wasser reichen, was die reine Authentizität angeht. Lars Reichow spielt einen Musiker und Komponisten, der 1964 seine Brötchen als Barpianist verdient und sich erinnert, wie er sich in den Jahren 1932 bis 1944 der fatalen Diva auslieferte.
Während er Sinatra-bluesige Songs à la "One for my baby", "I can be good" und "Violets for your furs" vorträgt, erzählt er, sophisticated und beinahe nebenbei, wie es schließlich zum triumphalen Desaster am 25.Oktober 1944 kam. Damals, auf dem Gipfel ihrer Selbstüberschätzung, sang-quietschte-schnaufte Florence Foster Jenkins, die bis dahin ihre Auftritte noch im Ballsaal des New Yorker "Carlton Ritz" vor sortiertem Publikum dosiert hatte, in der Wochen zuvor bereits ausverkauften Carnegie Hall.
"Souvenir" ist sozusagen das Stück zur Stimme. Und Désirée Nick, ohnehin bekanntermaßen ein Naturereignis besonderer Güte, leiht dem Original die ihre. Todesmutig klettert Jenkins in Gildas teuflische Koloraturen des "caro nome" und stürzt sich in Margaretes Juwelenarie. Sie meißelt, ihrem Vorbild immer einen halben Schritt oder Ton voraus, phänomenal die Kicherer der Adele aus der "Fledermaus" daneben. Und weil ihr kein geringerer als Mozart als Zuhörer im Traum erschienen ist, meistert sie auch die extremste Herausforderung des Jenkins-Repertoires, die Königin der Nacht, makellos-falsch und fabulös.
Die parodistische Imitation ist die eine Sache. Nick kann aber mehr. Die originale Jenkins, beim Carnegie-Konzert immerhin stolze 76 Jahre stramm, war nicht schön, sie bauchte. Nick ist mondän und exquisit manieriert. Sie lispelt manchmal zuckersüß, nicht nur das "C". Sie spielt diese stinkreiche "Freistil"-Sopranistin, die meinte, man könne die Genauigkeit der Töne auch "übertreiben", mit unerbittlichem Witz. Sie ist perfekt.
Die Bühne des Ikonenmalers Vasilis Triantafilloupoulos könnte schicker nicht sein. Sie gibt der Protagonistin Gelegenheit, sich vielfach prismatisch zu spiegeln. Ihre Kostüme (Andreas Janczyk) sind, wie soll man sagen?, splendid. Und verrückt. Höhepunkt ist der legendäre Auftritt mit Engelsflügeln zu Gounods "Ave Maria". Ganz am Ende ist das Publikum aus dem Häuschen, wie bei der richtigen Jenkins, aber ganz ohne Häme.
Renaissance-Theater , Knesebeckstr. 100, Charlottenburg. Tel. 312 42 02. Bis Mitte September.
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