13.10.07

Late Night

Mit Eva Herman wär das nicht passiert

Die Erwartungen an Yared Dibaba waren hoch: Gestern trat er die Nachfolge von Eva Herman bei "Talk mit Tietjen" im NDR an. Das Publikum erlebte einen herzerfrischend sympathischen Moderator. Die Premiere hatte nur einen Schönheitsfehler: Sein Handwerkszeug beherrscht Dibaba nicht.

Von Antje Hildebrandt
Foto: DPA
Talk mit Tietjen
Yared Dibaba und Bettina Tietjen bei ihrer gemeinsamen Talkshowpremiere

Der Mann hat Humor. Er bedanke sich beim NDR dafür, dass er ihm zum Start seiner neuen Tätigkeit als Komoderator im "Talk mit Tietjen" eine Fortbildung spendiert habe, sagte Yared Dibaba gestern abend bei seiner Premiere auf N3 – einen Hochdeutsch-Intensivkurs. Es war eine ironische Anspielung auf die letzte Sendung vor vier Wochen, als Reinhold Beckmann kurzfristig vom NDR verdonnert worden war, die soeben wegen ihres NS-Zitates geschasste Eva Herman zu vertreten. Nur widerwillig war Beckmann als Lückenbüßer eingesprungen. Nicht ohne sich mit der Replik zu revanchieren, er

danke dem NDR für das Praktikum bei Bettina Tietjen.


Gestern nun schlug die Stunde des Yared Dibaba. Und der erste Eindruck war ein rundherum sympathischer. "Herman & Tietjen", man muss das mal so sagen, war zuletzt ein Kaffeeklatsch am späten Freitagabend, der in seinen besten Momenten das Niveau der "Frau im Spiegel" erreichte. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen, die auf Hermans Nachfolger lasteten.


Würde er es ihm gelingen, der Sendung jene Weltläufigkeit zu verpassen, die man sowohl Eva Herman als auch Bettina Tietjen getrost absprechen darf? Die Tatsache, dass der NDR den Posten a) mit einem schwarzen Kandidaten besetzte, der b) perfekt Plattdeutsch spricht und c) in dieser Mission bereits für den Sender um den Globus jettet, um für die Sendung "Welt op Platt" norddeutsche Auswanderer in New York oder im brasilianischen Regenwald aufzuspüren, hatte die Hoffnung genährt, dass die Globalisierung nun endlich auch den NDR in Gestalt von Yared Dibaba erreicht hat.

Ward dat wat? Dat ward nix

Leider sollte der erste Eindruck täuschen. Schon nach der ersten Folge beschlich den Zuschauer der Verdacht, die Entscheidung für Dibaba sei ein PR-Gag, mehr der Quote als der Vernunft geschuldet. Ein Schwarzer als politisch-korrekter Gegenentwurf für eine in Ungnade gefallene Berufsblondine. Auf die Idee muss man erst mal kommen.

Nun sollte die Hautfarbe bei der Bewertung einer Arbeit wirklich keine Rolle spielen, es käme ja auch niemand auf die Idee zu fragen, ob Johannes B. Kerner moderieren darf, obwohl er große Ohren hat oder das Herz am falschen Fleck. Und natürlich steht es dem Sender im Umkehrschluss frei, die Exotenkarte auszuspielen und eine Stelle aus Imagegründen mit Wem-auch-immer zu besetzen. Doch mit dieser Entscheidung hat er weder dem Moderator noch dem Publikum einen Gefallen getan.

Yared Dibaba ist Schauspieler, kein Journalist. Er mag genau der Richtige sein, um mit ausgewanderten Föhrern in New York "een beeten platt to snacken". Um einen TV-Boulevardtalk aufzumischen, fehlt ihm das Handwerkszeug. Neugier, Witz, Charme und ein gewinnendes Lächeln reichen da nicht aus. Ein guter Moderator hakt nach und bringt seine Kandidaten wieder zurück auf den Boden, wenn sie Gefahr laufen, auf ihrem Egotrip abzuheben. Yared Dibaba ist dafür zu höflich. Oder es fehlt ihm das Format.

Ein zweiter Jörg Pilawa, aber ein sympathischer

Schon nach wenigen Minuten vergaß man, dass da ein Mann saß, der auf dem Exoten-Ticket in die Sendung gefahren war. Da saß ein zweiter Jörg Pilawa, wenn auch ein sympathischer. Aber genauso langweilig. Einen ostfriesischen "Pferdeknochenbrecher", der klapprige Gäule mit alternativen Heilmethoden wieder auf die Beine hilft und der ein eben solches Pferd mit ins Studio gebracht hatte, fragte er: "Wo hett denn det Pfeeerd eeen Problem?" Das wäre ein schöner Einstieg gewesen in ein Gespräch über die Macken der Vierbeiner und ihrer Halter, leider ging es auf diesem Small-Talk-Niveau weiter.

Und man bewunderte den Comedian Rick Kavanian danach für seine Geduld, mit der noch die einfältigste Frage des Moderators nach seinem Verhältnis zu seinem Entdecker Michael "Bully" Herbig beantwortete: "Sie haben Bully beim Radio kennengelernt. Wie war das denn?" Regelrecht scheitern sollte Dibaba jedoch an Reinhold Messner. Ausgerechnet an Messner. Wären die Gäste des "Talks mit Tietjen" Berge, könnte man sagen, Reinhold Messner sei der Mount Everest. Ein Gebirgsmassiv der Selbstgefälligkeit.

Dibaba machte gar nicht erst den Versuch, es zu besteigen. Weder erfuhr der Zuschauer, was der bärtige Überlebenskünstler im "Talk mit Tietjen" zwischen der unsäglichen Nervensäge Susanne Fröhlich und der ehemaligen "Hilfe-ich-bin-ein-Star-holt-mich-hier-raus-Kandidatin" Caroline Beil verloren hatte. Noch, was er da eigentlich in seinem eigenen Bergsteigermuseum zeigt, für das er in der Sendung warb wie für einen mängelbehafteten Gebrauchtwagen. Er hatte es erst vor einem Jahr eröffnet, gegen massive Proteste der Einheimischen. Sie haben ihm nie verziehen, dass er einst für die Grünen im Europa-Parlament saß und auf dem Mount Everest einst statt der Südtiroler Fahne ein Taschentuch gehisst hatte.

Dibaba scheiterte am Mount Messner

Doch entweder hatte sich Dibaba auf die Besteigung des Mount Messner nicht vorbereitet, was unverzeihlich wäre. Oder es interessierte ihn schlicht und einfach nicht, was die Sache auch nicht besser machte. Jedenfalls erlebte man einen Moderator, der den Ausführungen seines Gastes über Angst und Mut als Triebfeder seiner Expeditionen andächtig bis ehrfürchtig lauschte.


Wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal einem Yeti gegenübersitzt. Die Talkshow steuerte auf ihren Höhepunkt zu, als Dibaba Messner fragte, ob er ihn mal am Bart zupfen könne, er dürfe ihm dafür auch gerne über die Glatze streicheln. Man mag es nicht laut sagen, aber in diesem Moment ertappte man sich dabei, dass man an seine Vorgängerin dachte. Beim Bart des Messner: Eva Herman wäre das nicht passiert.

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