Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
13.05.08

Pop

Dietmar Dath und Platten, die es nicht gibt

Die Bands heißen The Shramps und Madonna sing a-capella. Frank Zander komponiert eine Sinfonie. Zu schön, um wahr zu sein. Der Schriftsteller und frühere Musikkritiker Dietmar Dath rezensiert erfundene CDs. Er erinnert so an die verloren gegangene Würde der Musik - und des Plattencovers.

Verbrecher Verlag

6 Bilder


Jan Hammer, der Komponist Miami-Vice-Soundtracks, hat nach 21 Jahren endlich wieder etwas gemacht: Hintergrundmusik für Lesebühnen. Und, wie deutsch, Grönemeyers neues Album heißt "Schöffengerichtsbarkeit". Nina Hagen dagegen hat eine Platte eingespielt, auf der sie ausschließlich schreit und heult. Frank Zander geht den Weg der Paul McCartneys dieser Welt: Seine erste Sinfonie ist fertig.

Dazwischen gibt es noch vieles von verrückten Punkbands, langweiligen DJs und erfreulichen Neuentdeckungen – kurz gesagt, die neue Rezensionensammlung "The Shramps" zeigt die ganze Welt einer provozierenden, erhebenden und vor allem lebendigen Popmusik. Zu schön um wahr zu sein.

Früher war er Chefredakteur der Zeitschrift "Spex"

Tatsächlich hat der Autor Dietmar Dath alles erfunden. Der frühere Chefredakteur der Zeitschrift Spex, damals Organ eines durchgedrehten, aber in seine Sache wirklich verliebten Musikjournalismus', meint die Sammlung als seinen Abgesang auf den sterbenden Pop. 60 Besprechungen hat er versammelt, vom burlesken Blödsinn über den gelangweilten Verriss bis zur Verbeugung vor kühnen musikalischen Vision.

Dath selbst ist zurzeit der wohl einzige jüngere Intellektuelle mit dem Willen zur Vision. Zuletzt veröffentlichte er den Roman "Waffenwetter" (Hier die Kritik) , Porträt einer jungen Frau und Verschwörungsgeschichte, sowie in der Edition Unseld "Maschinenwinter" , eine Polemik darüber, wie die Technik vielleicht doch noch das Leben verbessern könnte. Deren Ausgangspunkt ist der seines Denkens überhaupt: Die moderne Welt ist trotz allen Getöses nach wie vor kein Erfolg.


Das bedarf heute, da grundsätzliche Kritik kaum stattfindet, der Erläuterung, und so schlängelt sich zwischen den kleinen Besprechungen ein anspruchsvoller bis waghalsiger Essay Daths durch das Büchlein. "Contrapunto dialettico alla mente" ist er überschrieben, also dialektischer Kontrapunkt für den Verstand, was ein Titelzitat des italienischen Avantgardekomponisten Luigi Nono von 1968 ist.

Die Leser werden’s wohl nicht merken – die Trennung der Musik in E und U ist heute so strikt und unhintergehbar, dass selbst intellektuelle Popfans eben doch keinen Nono kennen, haben sie doch Blumfeld und ähnliche als Surrogat von musikalischer Radikalität. Die Leser werden’s wohl nicht merken – die Trennung der Musik in E und U ist heute so strikt und unhintergehbar, dass selbst intellektuelle Popfans eben keinen Nono kennen, haben sie doch Blumfeld und ähnliche als Surrogat von musikalischer Radikalität. Man kann sich also vorstellen, wie die Avantgarde der Popfans eher nur die Rezensionen liest, und sie tut halb recht daran, denn in denen steckt die ganze Wut und Kraft dieses Buches.

Vorbilder Stanislaw Lem und Jorge Luis Borges

Ganz neu die Idee nicht. Stanislaw Lem hatte unter anderem in seinen Büchern "Die vollkommene Leere" und "Imaginäre Größe" zuerst Besprechungen und dann Vorworte versammelt, die über etwas reden, dass es keineswegs gibt – das man aber sofort und gern lesen würde. Jorge Luis Borges rezensierte im "Weg nach Almotasim" den fiktiven Roman eines indischen Advokaten Mir Bahadur Ali. Umberto Eco brachte diese Art von Witz ein bisschen auf den Hund, als er einmal stolz zugab, in seinen philosophischen Werken ab und zu Denker zitiert zu haben, die nur seiner Fantasie entsprangen.

Reden über das, was nicht ist: Bei Dath strahlt diese selten benutzte literarische Figur wieder in voller Größe. Durch die Besprechung dessen, das es gar nicht gibt, sagt er alles darüber, wie er sich eine Musik der besseren Welt vorstellt. Es gibt zwar kein richtiges Leben im falschen, aber, und auch das ist ja ein Evergreen der Kulturkritik, der von Ernst Mach über Robert Musik zu Niklas Luhmann ging: Es könnte auch anders sein. Wie, das darf man sich jetzt zumindest vorstellen.


Man darf dann einen Moment Abstand nehmen von der traurigen Pop-Realität: Der Gegenstand der ambitionierten Musikkritik löst sich gerade auf. Musik wird online oder auf Handy-Lautsprechern gehört. Der einzelne Song dominiert, das Album als Gesamtkonzept verschwindet. Über individualisierte Playlisten lassen sich kaum Kritiken schreiben.


Große Bands verschenken ihre Lieder im Internet, und Jugendliche lernen Pop und Rock als Hintergrundmusik ihrer Videospiele kennen. Als erstes ist das Cover gestorben, jene eigene kleine Kunstform, die im Schallplattenzeitalter noch groß wie ein Wandbild war, auf CDs schon arg gestutzt wurde. Heute, wenn iTunes zu jedem Song ein Bildchen zeigt, ist das Titelbild nur noch ein Alibi.

Auch die Cover sind altmodisch schön

Also belebt das Buch auch wieder, was Sammlern einmal fast so wichtig wie der Klang war, das Plattencover. Die Grafikerin Daniela Burger hat zu jedem besprochenen Werk eines erstellt, sie lässt einen jüdisch-orthodoxen Gangsterapper finster schwarzweiß blicken, rückt mit einem klug gewählten Foto Blur optisch an die "Abbey Road" heran, Madonna bekommt für ihr A-Capella-Album (!) einen Look wie einst Bette Davis.

Weil Dath sich in der kleinen Form der zugehörigen Texte offenbar prächtig auslebt, springt das alles den Leser so lebendig an, da merkt man erst, wie tot Popmagazine zurzeit wirken. Hier aber ist was los. Da hat etwa die französische rechte Feministinnenband "Sturmfotze" das deutsche Album "Gretchen" aufgenommen, es klingt nach britischem Fußball-Pop. Die angebliche neue Platte des Free-Jazz-Pianisten Cecil Taylor löst eine Rezension des Stammelns aus, so ragt wohl die Auflösung der Musikstrukturen in den Text hinein. Aber nicht alles endet für den Leser lustig. Es gibt eine Art verkünstelten Alleinunterhalter namens Diddi Draht, der alles Widerwärtige schmieriger Piano-Men in sich hat, aber leider auch ein klein wenig von Funny van Dannen.

Wie vielschichtig und weit könnte Pop heute sein, wenn er noch jung wäre. Dieses Büchlein ist ein würdiges Kompendium für alle, die jetzt einen neuen Weg gehen wollen. Vademecum nannte man solche Bücher früher, die der Reisende bei sich tragen sollte. Bei einer Reise in den Orkus – welche sonst steht Popfans alter Schule bevor – ist ein tröstliches Buch ja umso wichtiger.

Dietmar Dath und Daniela Burger: The Shramps. Verbrecherverlag, 9 Euro.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Besucher testen neue Achterbahn im Belantis Park
Achterbahn im freien Fall

Immer rasanter: Neue Bahnen versprechen Schwerelosigkeit.

Video Nachrichten mehr
Assad-Regime Opferzahl nach Angriffen in Syrien steigt
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
Ausflugswetter Viel Sonne versüßt Deutschen das Pfingstfest
Käufersuche Eine Woche Galgenfrist für Schlecker
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Blücherplatz

Karneval der Kulturen mit Straßenfest eröffnet

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

DFB-Bundesgericht

Hertha kämpft gegen Sturz in die Zweite Liga

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote