Architektur
Zwischen Bauhaus und sozialistischem Klassizismus
Der Architekt Richard Paulick hat nicht nur den Saal der Staatsoper gestaltet, sondern auch die "Arbeiterpaläste" an der Karl-Marx-Allee. Eine Blick auf die Menschen, die in seinen Häusern leben und auf Paulicks Leben.
Im Café Sibylle an der Karl-Marx-Allee 72 in Friedrichshain herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Neben Eis, Getränken und frisch gebackenem Kuchen bietet das Café auch eine ständige Ausstellung über die Geschichte der Arbeiterpaläste an der einstigen Stalinallee. Dem Architekten Richard Paulick fühlt man sich, hier im "Block C Süd", den er 1951 für den Wettbewerb zum Aufbau der sozialistischen Prachtstraße entworfen hat, natürlich nah. Aber soll der derzeit so heftig geführte Architekturstreit um die Staatsoper, deren historisierenden Wiederaufbau Paulick 1951-1954 leitete, auch in die Ausstellung einfließen? Artur Schneider zögert noch. "Man muss sich erst mal ausführlich mit dem Thema befassen, bevor man ein Urteil abgibt", findet der 60-Jährige, der regelmäßig interessierte Besucher aus aller Welt durch den Block C führt und die Ausstellung maßgeblich erstellt hat.
Mit dieser Zurückhaltung steht Schneider in der aktuellen Diskussion ziemlich alleine da. Schrille Töne dominieren sowohl bei den Befürwortern als auch den Gegnern einer modernen Umgestaltung des Staatsopern-Saales, dessen Akustik und Sichtbedingungen - und nur darüber herrscht Konsens - nicht mehr zeitgemäß sind. Doch wer war eigentlich Richard Paulick, um dessen bauliches Erbe in der Staatsoper nun so erbittert und quer durch alle Parteien und Bevölkerungsschichten gestritten wird? Beidseits der Karl-Marx-Allee befindet sich mit dem Block C zwischen der Koppenstraße im Westen und der Straße der Pariser Kommune im Osten eines seiner prägendsten Bauwerke in Berlin. Das pompöse 260 Meter lange Wohn- und Geschäftshaus mit den drei Monumentalportalen trägt seinen Ruf als "Arbeiterpalast" zu Recht. Mit seinem symmetrischen Aufbau, dem siebengeschossigen zurückgesetzten, reliefgeschmückten Mittelteil und den neungeschossigen Kopfbauten hat das Gebäude deutliche Schlossanleihen. Wie aus dem Bauhausschüler Paulick einer der wichtigsten Vertreter der DDR-Architektur der 1950er-Jahre und des "sozialistischen Klassizismus" wurde, ist eine ebenso spannende wie typische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.
Richard Paulick wurde 1903 als Sohn eines SPD-Funktionärs in Roßlau bei Dessau geboren. Als junger Mann studierte er Architektur in Dresden und Berlin, konzipierte 1926 das "Stahlhaus" in der Bauhausstadt Dessau und wurde 1927 Mitarbeiter im Büro von Martin Gropius. Für Gropius übernahm er bald die Leitung des Dessauer Büros. Wirkliches Aufsehen erregte Paulick erstmals mit seiner Hochgarage an der Berliner Kantstraße, der ersten Großgarage Berlins, die als Symbol für die autogerechte Zukunft der Stadt gefeiert wurde. 1930 eröffnete er sein eigenes Büro in Berlin. Im gleichen Jahr trat Paulick auch der Sozialistischen Arbeiterpartei bei - die Emigration 1933 war damit unausweichlich. Freunde halfen bei der Übersiedelung nach Shanghai, wo der begabte junge Mann schnell Karriere machte. Paulick gründete ein eigenes Büro, wurde Professor an der Universität in Shanghai und schließlich Chef des Stadtplanungsamtes.
1949 kehrte er nach Europa, 1950 in das zerstörte Berlin zurück. Aus politischer Überzeugung stellte sich der Architekt in den Dienst der SED und bekam schon bald den ersten Auftrag an der Stalinallee, dem ersten sozialistischen Straßenzug im neuen Berlin, dessen Aufbau zum nationalen Symbol wurde. Die 1951 fertig gestellte "Deutsche Sporthalle" wurde in rekordverdächtigen 148 Tagen errichtet. Der Monumentalbau musste 1968 wegen Baumängeln gesperrt und 1971 abgerissen werden. Die DDR-Staatsführung übertrug ihm auch den Wiederaufbau des Opernhauses Unter den Linden. Weil Knobelsdorffs Pläne nicht überliefert waren, bemühte sich Paulick um eine kongeniale "Nachschöpfung" - genau wie 1969 beim Kronprinzenpalais Unter den Linden. Paulick starb am 4. März 1979 in Berlin.
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