Interview
Wie Barenboim die Staatsoper umbauen will
In Berlin ist ein Streit um die Sanierung des Innenraums der Staatsoper entbrannt. Sollte der Entwurf des Architekten Klaus Roth umgesetzt werden, will der Freundskreis der Staatsoper um den Unternehmer Peter Dussmann seine zugesagten 30 Millionen Euro zurückziehen. Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor des Hauses, spricht sich im Interview mit Kai Luehrs-Kaiser für den prämierten Roth-Entwurf aus.
Morgenpost Online: Herr Barenboim, rechnen Sie mit einer positiven Entscheidung des Kultursenators für den Entwurf einer modernen Umgestaltung des Staatsopern-Saales?
Daniel Barenboim: Nach meinem Verständnis hat sich die Politik in dieser Frage noch nicht eindeutig geäußert. Die Politiker studieren die Entwürfe noch. Meine erste Frage, als ich die Vorbehalte gegenüber dem Siegerentwurf hörte, lautete: Warum veranstaltet man überhaupt einen Wettbewerb, wenn man sich nachher nicht an die Entscheidung der Jury hält?!
Morgenpost Online: Können Sie Vorbehalte der Gegner eines neuen Staatsopern-Saales nachvollziehen?
Daniel Barenboim: Absolut. Die ganze Thematik ist nicht ganz so einfach. Man spricht über Preservierung und Konservation. Die Frage ist allerdings: Von was?! Paulick, der Architekt des jetzigen Staatsopern-Saales, lebte auch nicht gerade zu Zeiten von Friedrich dem Großen. Wie weit soll man also zurückgehen?! Eines muss klar sein: Der Hauptgrund, weshalb man diese Sanierung macht, besteht darin, dass es Dinge gibt, die man verbessern will. Das sind vor allem technische Dinge. Aber auch die Akustik! Eindeutig festgestellt wurde, dass man die Akustik nicht wesentlich verbessern kann, außer man baut den Innenraum wieder höher als es zuletzt war. Eindeutig ist auch, dass die Zahl der Plätze, von denen aus man schlecht sieht, viel zu groß ist für ein Theater dieser Größenordnung. Das heißt, wir müssen vor allem die Akustik und die Sicht verbessern.
Morgenpost Online: Und ästhetische Fragen?
Daniel Barenboim: Wenn es für diese Verbesserungen einen neuen architektonischen Bau braucht, dann muss man selbstverständlich darauf achten, dass es geschmackvoll gemacht wird. Dass es gut aussieht, dass es auch ästhetisch passt für das Auge. Ich glaube, das kann gelingen. Die Lösung dieses Problems halte ich für viel wichtiger als die Frage, ob man es wieder so macht, wie es war.
Morgenpost Online: Was ist dann für Sie der entscheidende Punkt?
Daniel Barenboim: Der wichtigste Punkt, den man nicht vergessen darf, ist: Das Unikum der Staatsoper, als sie 1742 gebaut wurde, bestand in einer Idee Friedrichs des Großen. Es sollte hier keine Logen geben so wie in all den Theatern der damaligen Zeit. Es sollte nur eine königliche Loge geben, sonst aber sollte das Theater für alle da sein. Es war also ein sehr progressiver, demokratischer Vorstoß. Vergleichen sie es nur mit der Mailänder Scala oder anderen Theatern, die noch viel später gebaut wurden. Da sehen Sie, wie die unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten gestaffelt wurden. Das ist es, was wir im Auge behalten müssen. Den Geist, der in die Zukunft schaut.
Morgenpost Online: Wie kann man diesen Geist wieder herstellen?
Daniel Barenboim: Tatsächlich ist es in gewisser Weise immer gefährlich, wenn eine große Persönlichkeit im Spiel ist. Wir als Musiker kennen das sehr gut. Das Problem ist: Man will den großen Mann nachmachen. Genau das geht aber oft daneben. Man kann nur das Äußerliche nachmachen. Genau das aber geht immer gegen den Geist eben jener Persönlichkeit, die man so schätzt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Fast jeder Dirigent denkt, Furtwängler war der größte Dirigent aller Zeiten - und man muss ihn nachmachen. Wenn ich seine Platten höre, wie er einen Übergang gestaltet, und dies versuche nachzumachen, so kann ich Furtwängler vielleicht imitieren. Aber ich habe nur das Äußere nachgemacht. Es ist also viel besser zu verstehen, warum Furtwängler etwas so oder so gemacht hat. Um es dann anders zu machen. Aber: in seinem Geist. Ich glaube, genau das muss unser Beispiel für die Staatsoper sein. Die Richtschnur für mich ist nicht Paulick oder Langhans oder eine andere Phase der historischen Veränderung dieses Gebäudes. Sondern die Idee dahinter. Und die Idee dahinter war ein demokratisches Theater. Nun müssen wir nur noch sehen, dass unsere Lösung ästhetisch passt.
Morgenpost Online: Sind die ablehnenden Reaktionen in Berlin auf den Neubau innerhalb der Staatsoper sentimental?
Daniel Barenboim: Ich habe großen Respekt vor Empfindungen und Emotionen. Aber sehr wenig Verständnis für eine Art depressiver oder irreeller Nostalgie. Sehnsucht nach etwas, das mal war, zählt für mich nicht.
Morgenpost Online: Sie sagen das hier in Buenos Aires, wo das Teatro Colon wegen seiner Renovierung auf unbestimmte Zeit geschlossen ist. Sehen Sie Parallelen zwischen dem Dilemma des Teatro Colon und der Staatsoper?
Daniel Barenboim: Ich will es nicht hoffen. Wir in Berlin haben andere Probleme. Ich bin eigentlich sehr zuversichtlich, was die Staatsoper anbetrifft. Und zwar, weil ich finde, dass man im Schiller-Theater als Übergangsort die Probleme sehr ernst genommen hat, die mit unserem Umzug verbunden sind. Man hat die akustischen Probleme und die unbedingt notwendige Vergrößerung des Orchestergrabens erkannt. Was dann die ganz große Arbeit im Haus Unter den Linden anbetrifft, so kommt es darauf, dass man hier bald eine richtige Entscheidung trifft.
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