Kultur

Abgründige Spiele mit Trippeln und Trommeln

Ballett am Rhein zeigt, wie Tanz zeitgenössisch aussehen kann

Spitzenschuhe bohren sich in den Tanzteppich wie Statements, Arabesken ragen in die Luft wie Ausrufezeichen – hier hat jemand künstlerisch etwas zu sagen. Seine ganz eigene Bewegungssprache hat Martin Schläpfer in zwei Jahrzehnten entwickelt, und mit seinem dreitägigen Gastspiel am Schiller Theater demonstriert der Choreograf und Künstlerische Direktor des Balletts am Rhein, wie zeitgenössisches Ballett aussehen kann.

Die klassische Schule beherrschen seine Tänzer ebenso wie moderne Idiome. Schwere Stiefel lassen sie im Takt zu Gustav Mahlers 7. Symphonie auf die Bühnenbretter knallen, Spitzenschuhe trippeln und trommeln. Leichtfüßig hüpfen sie einen Volkstanzschritt oder reißen klaffend die Münder auf, die Glieder grotesk gebogen. Kein Handlungsballett ist "7", aber auch nicht rein abstrakter Tanz. Von Krieg und Gewalt, Paarbeziehungen und Geschlechterrollen erzählen Schläpfer und das Ballett-Ensemble in narrativen Miniaturen und den Konstellationen von Gruppe und Solisten: Fröhlich drehen sich zwei Männer und eine Frau im Kreis; kurz darauf führt einer der Männer die Frau ab, seinen Mantel über ihrem Kopf wie die Kapuze eines Folterers. Herzig tändeln lässt Schläpfer zwei Liebespaare im vierten kammermusikalischen Satz von Mahlers Siebter. Da ruht eine in elegantem Schwarz gekleidete Grazie (Marlúcia do Amaral) auf dem Bauch ihres Beau (Marcos Menha) wie auf einer Chaiselongue oder übt mit ihm in virtuosen Hebefiguren vielfältig beingespreizte Koitus-Varianten.

Abgründig sind diese Spiele, harmlos harmonisch geht es nicht zu bei Schläpfer und den Seinen. Man meint mittendrin Macbeths Hexen bei ihren hinterhältigen Machenschaften zu beobachten, doch dann halten die drei bestiefelten Frauen mit pantomimischem Hör- und Fernrohr lauschend Ausschau – soldatisch stramm marschiert eine Horde Männer auf. Kurz ist die Freiheit der Frauen: Streng schließt Marcos Menha das Fenster, das sich Marlúcia do Amaral geöffnet hatte.

Endlos sind die inszenatorischen und choreografischen Einfälle, die Martin Schläpfer in "7" ineinanderkettet. Dramaturgisch lässt er sich mit Mahler treiben, entsprechend mitreißend ist der Strom der Eindrücke.

"7" noch einmal an diesem Sonnabend,
15 Uhr, im Schiller Theater

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