Kultur

Ran Jias großer Traum vom Schubert-Zyklus

Die Pianistin ist eine Interpretin von hoher Klangkultur

"Schöner Anschlag, ruhige Hand, klares, nettes Spiel voll Geist und Empfindung. Er gehörte noch zur alten Schule der guten Klavierspieler, wo die Finger noch nicht wie Stoßvögel den armen Tasten zu Leibe gingen." So charakterisierte Albert Stadler, ein Freund Schuberts, dessen Klavierspiel, und diese Beschreibung lässt sich auf das Spiel der jungen chinesischen Pianistin Ran Jia übertragen. Schuberts Klaviermusik entdeckt sie mit 14 Jahren, seit jener Zeit ist er ihr Lieblingskomponist. Ein Jahr später schickt sie heimlich eine CD mit ein paar Aufnahmen von sich an den Horowitz-Schüler Gary Graffman, der lädt sie prompt zur Aufnahmeprüfung ans Curtis Institute ein. So beginnt sie mit 15 Jahren ihr Klavierstudium in Philadelphia, mittlerweile lebt sie in Köln.

Bereits seit einigen Jahren träumt sie von einem Schubert-Zyklus, nun hat sie ihren Traum wahr gemacht. In vier Konzerten widmet sich die 28-jährige Künstlerin seinen Klaviersonaten im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, am letzten Sonntag standen die D-Dur-Sonate D 850, auch als "Gasteiner Sonate" bekannt, sowie die große B-Dur-Sonate D 960 auf dem Programm.

Ran Jias Schubert rückt nicht die Abgründe, die Todesnähe in den Fokus, vielmehr steht bei allem Schmerz, bei aller Wehmut doch das Optimistische und die Harmonie im Vordergrund. Sie nähert sich den Werken mit wunderbar gesanglichem Ton, ohne aufgesetzte Sentimentalität. Ihre klangliche Bandbreite ist beachtlich. Ein zart flehendes Pianopianissimo gelingt ihr ebenso wie ein leuchtendes Piano, und anders als manche ihrer Kollegen verwandelt sie den Flügel im Fortissimo nicht in ein Schlagzeug, sondern formt Akkorde von sinfonischer Größe, die gelegentlich an Grigory Sokolov erinnern.

Wie aus einem Guss nimmt sie den Kopfsatz der D-Dur-Sonate, drängend, voller Energie und mit Sinn fürs Tänzerische, während sie den zweiten Satz, der von Schubert in der Handschrift als "Andante con moto", also "bewegt gehend", überschrieben ist, im Kontrast dazu eher sinnierend und nostalgisch versteht. Das Scherzo überzeugt durch plastisch profilierte Gegensätze von risoluto und Ländler-Seligkeit, und der Finalsatz gerät zum kecken Marsch von Spielzeugfiguren. Angst vor Schuberts "himmlischen Längen" hat Ran Jia nicht, und so wiederholt sie anders als etwa Alfred Brendel die Exposition des Kopfsatzes. Allerdings neigt sie in diesem zu etwas manieriert wirkenden Verzögerungen. Der langsame Satz wird unter ihren Händen zu einer tieftraurigen Wehklage, die erst durch den von ihr deutlich flotter gespielten Mittelteil wieder im hoffnungsvollerem Licht erscheint.

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