Kultur

Lieder für die Dünnhäutigen, die Liebeskranken und Liegengebliebenen

Neues Soloalbum: Judith Holofernes verschafft jenen Gehör, die nicht so leicht zu Wort kommen

Da ist sie wieder: etwas älter, ein bisschen weiser, humortrunken und sprachvergnügt. Hirn offen, Herz weit. Zweifelsohne mit Zweifeln. Definitiv mit Rock 'n' Roll in der Hüfte und Chansons in der Seele. "Ich bin das Chaos" heißt das neue, zweite Soloalbum von Judith Holofernes, ihres Zeichens Musikerin, Muttertier, Berliner Göre, Gedichteschreiberin, Einmischerin und – trotz momentaner Pause – Frontfrau der Band Wir sind Helden, also eben genau das: Heldin.

Wenn Holofernes, deren Name sich ja bereits auf das Alte Testament bezieht, nun also verkündet, das Chaos zu sein, klingt das zunächst wie eine apokalyptische Drohung. Als wolle sie Unheil über das Land bringen. Aber was sie dem Hörer ihrer elf neuen Songs vielmehr beschert, ist Ehrlichkeit. Tiefe, Trauer, Tolldreistigkeit und Tanz liegen bei der 40-Jährigen sehr dicht beieinander, sind unweigerlich verzahnt. "Vielleicht sind Songwriter am Ende am ehesten so was wie singende Anthropologen", schreibt sie auf ihrem Blog auf die Frage eines Fans, woher sie denn ihre Inspiration nehme. "Schon als Kind war ich fasziniert von der Vorstellung, was für Tierfilme wohl Außerirdische über uns und unser seltsames Gebaren drehen würden."

Letztlich stellt Holofernes in ihren Liedern immer wieder die Frage danach, wie wir leben wollen. "Ich empfinde das Album beinahe wie ein kleines Musical, in dem alle Protagonisten die gleiche Welt bewohnen und auf unterschiedliche Weise mit ihr hadern", erklärt sie. Da wäre zum Beispiel das Stück "Oder an die Freude": Zunächst kapert die Sängerin samt Chor schön schräg Beethovens "Götterfunken" und entlarvt dann mir nichts, dir nichts die Sicherheit, nach der so viele von uns streben, als Utopie.

"Häng dein Herz an eine wackelnde Welt / und dann wunderst du dich, dass es runter fällt", heißt es da zu feinem Folk-Gitarrenspiel. Ein Lied, das unseren unsteten Zeiten mit Leichtigkeit den Spiegel vorhält. Ohnehin ist der erhobene Zeigefinger Holofernes' Sache nicht. "Analogpunk" etwa ist eine Nummer, die in flotten Versen zwei Existenzen gegenüberstellt: "Ich Hotspot, du Foxtrott / Ich Memo, du Demo" und "Ich Excel, du Texel / Ich Forum, du Amrum", rappt Holofernes da zwischen virtueller und realer Welt. "Das Ende" wiederum transportiert viel von des Menschen heimlicher Lust am Untergang, an schwarz-weißen Gut-Böse-Schemata. Ein Song, der mit seiner Orgel zum Schluss einen kleinen (schein-)heiligen Ausklang findet.

Eine Idee habe sie unbedingt in ihr Album einweben wollen, schreibt Holofernes auf ihrem Blog: "Der Gedanke, dass die Welt nichts ist als ein Narrativ, eine Erzählung, auf die wir uns geeinigt haben. Und das wir ablegen, verneinen, verändern können." Holofernes spinnt diese große ganze Geschichte mit und neu. Sie verschafft ohne falsches Pathos jenen Gehör, deren Dasein nicht unbedingt prädestiniert scheint für den Glanz des Pop. Ihre Lieder pulsieren voller Empathie für die Dünnhäutigen und Depressiven, die Liebeskranken und Liegengebliebenen ("Der letzte Optimist", "Oh Henry") und gegen das Bild von der alles mit Links wuppenden Überfrau ("Charlotte Atlas"). In dem ironisch-tänzelnden Piano-Chanson "Unverschämtes Glück" nimmt sie zudem die perfide menschliche Angewohnheit aufs Korn, in guten Zeiten Angst vor dem nächsten tiefen Tal zu haben.

Deutschsprachiger Popmit Reim

"Da liegt sicher noch was schief! / Da kommt ganz sicher noch ein Brief! / Weil der Mensch an der Vergabestelle schlief", singt Holofernes. Sie reimt gerne, gut und viel. Was im deutschsprachigen Pop häufig verpönt ist, zelebriert sie mit Wonne. Diese Technik verleiht ihren Stücken mitunter den Charme eines kindlichen Abzählreims. Aber der Inhalt, der hat es in sich. Der konterkariert und wirkt noch heftiger, je näher und offener Holofernes' dunkle, sanfte Stimme auf dieser Platte singt und dichtet. "Und es gab noch immer was zu feiern / mit einem Picknick unter Geiern / Es gibt nichts, was die Liebe erhält ..., reimt sie im letzten Song "So weit gekommen".

Klanglich bewegt sich "Ich bin das Chaos" vom rumpelnden Rockabilly-Sound bis zur sentimentalen Piano-Ballade. Der von den Färöer Inseln stammende Multiinstrumentalist Teitur schrieb an den Songs mit, arrangierte Streicher und Bläser, spielte mitunter Akustikgitarre. Holofernes' Mann und Helden-Schlagzeuger Pola Roy produzierte die Aufnahmen. "Es war toll für uns, in neuen Rollen zusammenzuarbeiten. Ich kommuniziere oft über Bilder, da ist es viel wert, dass Pola nicht nur meinen Plattenschrank teilt, sondern auch seit 14 Jahren mit mir zusammen exzessiv Filme und Serien guckt", erzählt Holofernes. Und da die Tour sehr schnell ansteht, bietet Holofernes auf ihrem Blog ein Mitsing-Tutorial mit den neuen Nummern an. Damit das Chaos gepflegt übers Land kommen kann.

Judith Holofernes "Ich bin das Chaos" (Därängdängdäng Records).
Konzerte in Berlin: heute, 20 Uhr, Lido.
23. April,20 Uhr, Astra Kulturhaus

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