Kultur

Ein Skandal wird ausgebremst

In der Serie „Charité“ ächzen die Charaktere unter dem Anspruch, möglichst viel Wissen zu vermitteln

Was für eine unfassbare Geschichte! Da lässt sich ein berühmter Berliner Forscher, der Bakteriologe Robert Koch, bei einem Vortrag vor Tausenden Ärzten aus aller Welt dazu hinreißen, eine vorsichtige Bemerkung zu einem – möglicherweise – Heilmittel der Tuberkulose fallen zu lassen. Möglicherweise, weil er sich unter Druck fühlt, seine bakteriologischen Forschungen rechtfertigen zu müssen. Hat er doch einige Gegner, die seine Ergebnisse zwar interessant, aber für die Medizin als irrelevant empfinden. Gut, der Mann hat die Erreger von Cholera und Tuberkulose unter dem Mikroskop zeigen können. Aber wird davon irgendjemand gesund?, fragt sich der normale Arzt. Nein.

Robert Kochs Entdeckung verbreitet sich schnell

Koch also berichtet auf dem Berliner Kongress im August 1890 vor vollem Haus von seinen Meerschweinchen, den Versuchstieren, denen er eine Substanz eingespritzt habe, die "der Krankheit Einhalt zu thun vermochte". War die Stimmung im Raum vorher eher schläfrig, was auch an der tropischen Temperatur im Saal lag, sind plötzlich alle Zuhörer hellwach. Koch hat das Heilmittel gegen Tuberkulose gefunden, heißt es. Hurra!

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde in Berlin, im ganzen Deutschen Reich. So viele sind an Schwindsucht erkrankt, jährlich sterben über 100.000 Menschen im Deutschen Reich an der Krankheit. Dazu Hunderttausende Kranke, die in Lungensanatorien oder in überfüllten Berliner Wohnungen auf Genesung hoffen. Ein Medikament – das wäre die Rettung.

Die ARD-Serie "Charité" hat genau diese Ereignisse zur Grundlage genommen, um eine sechsteilige Serie zu drehen, die heute Abend beginnt. Der Regisseur ist eine Art Garant für Erfolg – Sönke Wörtmann hat nicht zuletzt mit "Wunder von Bern" gezeigt, wie er historische Stoffe aus Deutschland umzusetzen vermag. Schauspielerisch ist auch alles gut, besetzt mit Darstellern wie Justus von Dohnányi oder Emilia Schüle. Kann doch eigentlich nichts schiefgehen, würde man denken. Alle Würzstoffe, die man für intelligente Unterhaltung braucht, waren ja schon im wirklichen historischen Ereignis gegeben: Liebe, Tod, Sex, Geld. Und ein handfester Skandal.

Denn Koch, getrieben von der Öffentlichkeit, lässt alle wissenschaftliche Vorsicht fahren. Er will sein Medikament "Tuberkulin" auf den Markt bringen, noch bevor er es sorgsam getestet hat. Er ist sogar so irrsinnig, die Verträglichkeit der Substanz an sich selbst und später an seiner Geliebten auszuprobieren – denn ja, eine Geliebte gab es auch. Mit 47 Jahren verliebt sich Koch in die 17-jährige Varieté-Sängerin Hedwig Freiberg. Für sie lässt er sich von seiner Frau nach Jahrzehnten der Ehe scheiden. Scheidungen sind damals noch höchst ungewöhnlich, aber eines ist geblieben: sie waren schon damals teuer. Den Erlös des "Tuberkulins" kann er privat dringend brauchen. Sex, Geldgier, Heilmittel. Moderne Methoden gegen rückwärtsgewandte Ansichten. Die Tuberkulose-Kranken aus aller Welt strömen nach Berlin in Hoffnung auf Heilung. Und dann kommt raus: Das Mittel wirkt nicht wie versprochen.

Ach, es hätte ein wunderbarer, spannender Sechsteiler werden können. Wurde es aber leider nicht. Weil die Hauptfiguren hölzern bleiben, beladen mit zu viel Text, den sie aufsagen müssen, damit man die Geschichte und auch die wissenschaftliche Seite versteht. "Aber der Mann ist ein Held!", ruft die junge Sängerin Hedwig Freiberg in der Serie begeistert über Robert Koch. "Ich habe gelesen, wie er damals im Triumphzug aus Indien zurückgekehrt ist und den Cholera-Erreger entdeckt hat. Aus den sumpfig feuchten, aus den Cholera verseuchten Ländern." Ja, das klingt irgendwie als hätte man das Taschenlehrbuch der Infektiologie mit Fifty Shades of Grey gekreuzt.

Die Zeit ist knapp und jeder Charakter muss wichtige Informationen in seinen Dialogen einbauen, Wissens­informationen, damit man das komplexe Geschehen versteht. Vielleicht, denkt man beim ersten Sehen, wäre ein Erzähler besser gewesen. Dann müssten die Figuren nicht reden wie ein Wikipedia-Eintrag. Und etwas Zweites lässt die Hauptdarsteller wenig lebendig erscheinen: Jeder soll einen typischen Charakter des späten 19. Jahrhunderts repräsentieren: der Nationale, der bürgerliche Jude, die sich emanzipierende Frau, der Alt-48er, die Frömmige. In Ansätzen war das auch historisch so – Rudolf Virchow war tatsächlich ein liberaler Geist, geprägt von 1848. Und der Forscher Paul Ehrlich ein deutscher Jude, der wie alle Juden in der Zeit auch auf Ressentiments stieß. Aber Persönlichkeiten der Vergangenheit sind mehr als Schablonen. Die Menschen sind komplex.

Eine gute historische Serie lässt das zu. "Charité" leider nicht. Man fängt an, den Figuren zu misstrauen – ist die Geliebte nun echt oder ein Regieeinfall? Ja, sie war echt. Die historische Realität, sie war tausend Mal irrer als die brave Verfilmung. Aber die gute Nachricht: Jetzt sprechen wir alle wieder über den "Tuberkulin-Skandal".

Heute, 20.15 Uhr in der ARD (Teil 1+2), danach immer dienstags um 20.15 Uhr bis 18. April

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