Kultur

Des Autors Liebling

Sie war einer der ersten Literaturagenten Deutschlands: Ein Besuch bei Karin Graf

Der Weg zu einer der bekanntesten Literaturagenturen Deutschlands führt durch den Kiez rund um den Savignyplatz in Charlottenburg. Viele Cafés, Galerien und kleine originelle Läden flankieren die Straßen. George Grosz hat seine letzten Lebenstage im Haus Savignyplatz 5 verbracht, später wohnte Loriot im selben Haus, das Theater des Westens ist nicht weit. In der Mommsenstraße hat die Agentur Graf & Graf ihren Sitz. Drinnen herrscht wie immer geschäftiges Treiben. Handys klingeln, Mitarbeiter laufen mit Manuskriptstapeln herum, eine Übersetzerin ist in eine Diskussion verwickelt. Ein junger Mitarbeiter, ein "Herr Graf", mit einem Papierstapel unterm Arm, begrüßt mich herzlich. "Nein, wir sind nicht miteinander verwandt", erklärt Karin Graf.

Man merkt, diesen Satz hat sie schon öfter sagen müssen. Und überall stehen und liegen: Bücher, Bücher. Karin Graf möchte lieber spazieren gehen, um sich in Ruhe unterhalten zu können. Wir gehen zum nahe gelegenen Walter-Benjamin-Platz, vorbei an "Berlins kleinstem Blumenladen" und einer Boutique, aus der drei Russisch sprechende, elegante Damen in Parfümwolke schreiten. Einen Moment später umgibt uns Stille: So einen Platz, nein, eine Piazza, erwartet der Spaziergänger hier nicht. Der von Hans Kollhoff entworfene Walter-Benjamin-Platz imponiert mit majestätischer Strenge; zur Linken und zur Rechten stehen lange Kolonnadenreihen, in der Mitte: Leere. Autos dürfen den Platz nicht überqueren. Man kann sich gut vorstellen, wie die viel beschäftige Literaturagentin hier, im Schatten der Säulen ein wenig Ruhe im hektischen Alltag findet. Über dem Platz hängt eine selbstvergessene Melancholie, die an Gemälde von Giorgio de Chirico erinnert. Karin Graf erinnerte sich, wie der Architekt "wie das in Berlin so üblich ist, viel geschmäht wurde für das abweisende Graue des Platzes und so weiter. "Aber", fügt sie mit Nachdruck hinzu, "ich finde: dieser Platz ist hervorragend gelungen. Mich erinnert er an Mailand".

Für einen After-Work-Drink zum Walter-Benjamin-Platz

Als Karin Graf – aufgewachsen im Rheinland, in Kerpen bei Köln – im Jahr 1986 mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Joachim Sartorius, und den beiden kleinen Töchtern nach Berlin zog, war der heutige Walter-Benjamin-Platz ein Trümmergrundstück, eine Brache. Kreuz und quer parkten Autos dort, Müll lag herum. Jetzt fühlt sie sich wohl hier: "Im Sommer komme ich besonders häufig hierhin. Da gibt's einen hervorragenden Aperol Spritz im großen Glas", schwärmt sie und zeigt hinüber zu einem Café am Rande des Platzes. Dann fügt sie an: "Ist ja eher eine amerikanische Gewohnheit, diesen After-Work-Drink zu nehmen."

Von amerikanischen Gebräuchen hat sie sich bei einer ihrer wichtigsten Lebensentscheidung inspirieren lassen: Als sie 1995 ihre Agentur gründete. Das war ein mutiger Schritt, damit war Karin Graf hierzulande eine Pionierin. Man kannte das Literatur-Agentenwesen bislang nur aus dem angelsächsischen Raum. Der war ihr vertraut, weil sie zunächst als Übersetzerin vieler amerikanischer Schriftsteller wie William Carlos Williams, V.S. Naipaul, Rita Dove, Wallace Stevens, Rudyard Kipling, Willa Cather oder Virginia Woolf bekannt wurde.

Über ihre Gründe, eine Literatur-Agentur in Berlin zu gründen, sagt sie rückblickend: "Nach dem Fall der Mauer habe ich gemerkt, dass sich die Literaturlandschaft ändert: erstens, dass die Generation der Gründer von Verlagen starb und viele Verlage an Konzerne verkauft wurden, sodass der Bezug zum Verleger wegfiel. Da waren nicht mehr diese väterlichen Verleger-Gestalten, die sich der Autoren annahmen. Ich merkte, wie verunsichert viele Schriftsteller davon waren. Gleichzeitig gab es viele neue junge Stimmen, die erst nach dem Fall der Mauer erwachsen wurden und ein ganz anderes Deutschland kennenlernten, ein anderes Europa. Das waren die ersten, die nicht mehr den Pass zeigen mussten, wenn sie über die Grenzen reisten. Ich fand Berlin immer toll, aber jetzt wurde die Stadt doch erst wirklich zur Drehscheibe in Europa, zwischen Ost und West. Gerade der Blick nach Mittel-Osteuropa hat mich nach der Wende besonders interessiert. Und diese beiden Aspekte – veränderte Verlagslandschaft, neue Autoren in einem anderen Deutschland, einem anderen Europa – haben bei mir zu diesem Gedanken geführt."

Die Agentur Graf & Graf betreut um die 150 Autoren

Aber aller Anfang ist schwer: "Ich habe einfach in den ersten Jahren sehr, sehr hart gearbeitet", seufzt die ansonsten recht tough wirkende Agentin. Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum an die 70 Literatur-Agenturen. Die Agentur Graf & Graf ist nach wie vor sehr erfolgreich, betreut um die 150 Autoren, darunter Namen wie Hanns-Josef Ortheil, Terezía Mora oder Kathrin Schmidt. Aber sie entdeckt auch immer wieder unbekannte Autoren wie Stefanie de Velasco oder Karen Köhler.

Wortveranstaltungen? Dazu erklärt Karin Graf: "Wir suchen Auftraggeber, die sagen, sie hätten bei ihrem Betriebsfest gern eine Lesung – anstatt Tingeltangel! Wir machen jetzt sogar schon Literaturprogramme beim Tag der offenen Tür im Finanzminis­terium, im Wirtschaftsministerium, im Justizministerium, im Bundeskanzleramt ... Wir bitten dabei allerdings Schauspieler zu lesen, weil Autoren nicht unbedingt die Nerven haben, bei diesem Publikumsgewusel zu lesen, das sind ja oft zarte Seelen."

Karin Graf und die Autorin dieses Textes drehen noch eine Runde, bevor es gleich zurück in die trubelige Agentur geht. Es ist ein fantastischer, sehr sonniger, kalter Tag. Leise, fast komplizenhaft sprechen wir über Berlin, die besondere Stadt, zwischen Ost und West, von vielen Einflüssen geprägt, anziehend für immer mehr Menschen aus aller Welt, und dennoch unverwechselbar sie selbst. Das harte Licht, das heute auf die Säulen fällt, wirft lange Schatten wie auf de Chiricos surrealen Stadtlandschaf­ten. Hoffentlich wird Karin Graf noch viele unentdeckte literarische Schätze im Schatten der Kolonnaden auf dem Walter-Benjamin-Patz zu heben wissen.

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