Lyriker

Steffen Popp und die neue Freiheit der Poesie

Steffen Popp ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch über lockere Lyrik, Natur und Armut,.

Hat eine besondere Vorliebe für Technik und Naturwissenschaft: der Berliner Lyriker Steffen Popp

Hat eine besondere Vorliebe für Technik und Naturwissenschaft: der Berliner Lyriker Steffen Popp

Foto: joerg Krauthoefer

Als Lyriker müsse man radikal sein und den eigenen Weg verfolgen, sagt Steffen Popp und trinkt Matcha-Tee. Der 38-Jährige ist einer der fünf Auserwählten, die für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Belletristik-Kategorie nominiert sind. An diesem Morgen sitzt er im Sessel einer Hamburger Café-Kette an der Schönhauser Allee und redet mit einem Vokabular, das sich aus Akademiker- und Umgangssprache zusammensetzt, über die zeitgenössische Lyrik-Szene, seinen Werdegang und seinen aktuellen Gedichtband "118".

Zunächst einmal würde er für sich selbst schreiben, sagt der Schriftsteller. Er habe kein bestimmtes Publikum vor Augen, wenn er Gedichte oder Prosatexte verfasse. Die Gefahr, den Kontakt zu den Lesern zu verlieren, nehme er dabei in Kauf, denn, einen Idealleser gäbe es nicht. Thematisch kreisen Steffen Popps Texte oft um Naturwissenschaft und Technik. Die Frage nach dem Verhältnis von Kultur und Natur würde ihn besonders interessieren. "Die Literatur beschäftigt sich immer noch zu wenig mit der Naturwissenschaft", findet Popp.

Begriffskombinationen, die neue Bedeutungen schaffen

In seinem Gedichtband "118", mit dem er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, ist dieser Bezug deutlich zu erkennen. Die titelgebende Zahl 118 bezieht sich auf die 118 Elemente des Periodensystems. Seine Idee sei gewesen, eine eigene Begriffskarte zu erstellen, so Popp. Schließlich seien alle Gegenstände unserer Welt aus den Elementen des Periodensystems zusammengesetzt. Also setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann zu überlegen, welche Begriffe für ihn besonders wichtig sind. Heraus kamen die unterschiedlichsten Wörter, von Jugend über Kresse zu Rendite.

Ein Schwerpunkt lässt sich in mythologischen und fantastischen Begriffen erkennen. Auffallend oft stehen unter den Gedichten Wörter wie Vampire, Hexenflug, Dämon und Einhorn. Auch das Feld der Natur nimmt einen großen Bereich ein. Dabei schafft Popp aus Begriffkombinationen wie "Monster/Rendite", "Pudding/Regime" oder "Erdöl/Bewusstsein" neue Bedeutungen und Interpretationen. Statt durch eine Definition, nähert er sich den Wortbedeutungen durch Assoziationen. Als Form für seine 118 Gedichte hat er Zehnzeiler gewählt, die sich, kurz und reimlos, mit den Begriffen auseinandersetzen. Natürlich gäbe es einen bestimmten Sprechrhythmus, mit dem er arbeite, an ein klassisches Versmaß habe er sich nicht herangetraut. Einen Rhythmus, den der Leser nur schwer findet. Atemlos muss er sich durch die Wortanreihungen sprechen, bis er Struktur und Sinn der Gedichte zu entdecken beginnt.

Ein Inhalt, der bei Steffen Popp wenig Schönes und Erhabenes erkennen lässt. Vielmehr geht es, ganz dem Rhythmus der zeitgenössischen Lyrik folgend, um Alltägliches und Banales. Die entscheidendsten Veränderungen in der Literatur hätte es in den letzten Jahrzehnten in der Lyrik gegeben, so Steffen Popp. Die jüngere Generation hätte den Begriff Lyrik ausgeweitet. "Heute gibt es keine unpoetischen Gegenstände mehr", so Popp. Die Welt werde komplett wahrgenommen, von der kaputten Bank am Straßenrand bis zum philosophischen Diskurs. Die Lyrik sei beweglicher geworden, offen für unterschiedliche Tonarten, umgangssprachliche Begriffe und Fremdwörter.

Dass auch die Juroren der Leipziger Buchmesse offener für Lyrik geworden sind, zeigt sich durch die Nominierung von Steffen Popp und die Auszeichnung von Jan Wagner. 2015 hatte Wagner mit seinem Band "Regentonnenvariationen" den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Dabei knüpfe Wagner mit seinem Stil noch sehr an klassische, poetische Modelle an, sagt Popp. Etwas, das über ihn nicht zu sagen ist. Dementsprechend wenig Chancen rechnet sich Popp auf den Gewinn des Buchpreises aus. Dabei sei die Nominierung für ihn bereits der Hauptgewinn gewesen. So viel Werbung hätte sein kleiner Verlag sonst nie durchsetzten können.

Lyriker sind Dozenten, Psychologen, Ingenieure

"Kookbooks" ist der Verlag, bei dem Popp seit seinem ersten Gedichtband "Wie Alpen" (2004) veröffentlicht. Nach seiner Schulausbildung an einem Naturwissenschaftlichen Gymnasium in Dresden und seinem Studium der "Germanistik", "Philosophie" und des "Literarischen Schreibens" in Leipzig, war Popp nach Berlin gezogen. Dort beendete er sein Studium. Sein Glück sei es gewesen, dass sich Anfang der 2000er-Jahre neue, experimentierfreudige Verlage in Berlin gründetet hätten, so Popp. Denn große Verlage hätten damals kaum Interesse an Lyrik gehabt.

Kann man mit Lyrik tatsächlich Geld verdienen? Steffen Popp lacht. "Wir Lyriker haben ein ganzes Potpourri an Tätigkeiten, die am Ende dazu führen, dass man gerade so über die Runden kommt", sagt Popp. Wenn das Gedicht nicht das Geld verdienen könne, müsse der Lyriker sich eben etwas anderes suchen, um seine Rechnungen zu bezahlen. Ihm hätten in den ersten Jahren Stipendien geholfen.

Heute gehe es ihm finanziell gut. Er sei Dozent und Übersetzer, werde zu Lesungen und Literaturfestivals eingeladen. Er kenne Lyriker mit den unterschiedlichsten Berufen. Psychologen, Ärzte und Ingenieure. Fast alle kämen aus einer bürgerlichen Familie. Den bitterarmen Poeten, der mit Regenschirm in seinem Zimmer sitzt und schreibt, weil er kein Geld hat, das Dach zu reparieren, gäbe es heute kaum noch. Ohne einen gewissen finanziellen Rückhalt könne sich keiner leisten, so viel Zeit mit Schreiben zu verbringen. In den letzten Jahren sei die Zahl der Lyriker explodiert, die Zahl der Lyrikleser, außerhalb einer geschlossenen Szene, jedoch nicht. Um dies zu ändern, müsste direkt in den Schulen angesetzt werden, so Popp. Grundschüler sollten selbst Gedichte schreiben, ältere Schüler Gedichte aus Sprachen wie dem Englischen ins Deutsche übersetzen. So entstehe ein interessanter Dialog und die Schüler müssten sich nicht länger mit Gedichtsinterpretationen quälen.

Steffen Popp: "118" – Gedichte, kookbooks, Berlin 2017. 144 Seiten, 19,90 Euro.

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