Kultur

Eine Frage des Protokolls

Zum Abschied lädt Joachim Gauck am heutigen Sonntag zum Benefizkonzert des Bundespräsidenten. Bei den Philharmonikern sind häufig Politiker zu Gast

In der Philharmonie sind regelmäßig Politiker zu entdecken. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist häufiger Gast in den Konzerten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist anzutreffen, ebenso Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Wenn die Kanzlerin mit ihrem Ehemann kommt, will sie so weit wie möglich als Privatperson dabei sein", sagt Intendant Martin Hoffmann. Es seien gewohnte Abläufe, sagt Hoffmann. Es gibt einen Anruf, dann werden die Fragen der Sicherheit geklärt. "Wenn Mitglieder der Regierung als Privatpersonen kommen, sitzen sie meist in Block A", sagt Hoffmann: "Die Philharmoniker sind eine kulturelle Institution, die von vielen Politikern geschätzt werden." Regelmäßiger Gast ist auch Bundestagspräsident Norbert Lammert. Manche Politiker kommen völlig privat.

Bei offiziellen Ereignissen sitzen die Ehrengäste für alle sichtbar in Block B vorne Mitte. Beim heutigen Benefizkonzert will der Bundespräsident mit seinen Gästen aber in Block A bleiben. Es ist gewissermaßen das Abschiedskonzert von Joachim Gauck, bevor in der kommenden Woche sein Nachfolger Frank-Walter Steinmeier das höchste Amt im Staate übernimmt. Dass das Konzert etwas Besonderes ist, wird im Gespräch ganz beiläufig deutlich. Denn im Büro des Intendanten kann man auf einem Monitor das Probengeschehen auf der Bühne mitverfolgen. Dort lässt sich der indische Stardirigent Zubin Mehta gerade die Noten der deutschen Nationalhymne aufs Pult legen. Er will die Hymne selber dirigieren. Und auch sein Solist, der israelische Geiger Pinchas Zukerman will mitspielen. Ansonsten steht Elgars Violinkonzert op. 61 und Tschaikowskys fünfte Sinfonie auf dem Programm.

"Für die Philharmoniker ist es eine große Freude, den letzten großen Staatsakt von Joachim Gauck mitbegleiten zu können", sagt Hoffmann: "Damit schließt sich ein Kreis, denn wir waren die ersten, die die Benefizkonzerte des Bundespräsidenten gespielt haben, seit Richard von Weizsäcker sie 1989 eingeführt hat." Dann schiebt er eine Zeitungsanzeige über den Schreibtisch. Zunächst gab es 1988 ein kleines Vorspiel. Das Streichtrio Anne-Sophie Mutter, Bruno Giuranna und Mstislav Rostropovich spielte zur Förderung junger Musiker.

Über Carlos Kleiber reden die Philharmoniker heute noch

Im Jahr darauf konnte Richard von Weizsäcker (Amtszeit: 1984–94) den scheuen Dirigenten Carlos Kleiber überreden, erstmals ans Pult der Philharmoniker zu treten. "Das ist ein legendäres Konzert, über das die Philharmoniker heute noch sprechen", sagt Hoffmann. Dann dirigierte Daniel Barenboim Beethovens Missa solemnis zur Erhaltung jüdischer Friedhöfe. 1992 trat der Rumäne Sergiu Celibidache ans Pult. Wieder war Richard von Weizsäcker ein Vermittler. Denn das Konzert war eine lang erwartete Rückkehr nach 38 Jahren. Celibidache war zeitlebens enttäuscht darüber, dass die Philharmoniker Herbert von Karajan und nicht ihn zum Chef gewählt hatten. Es wurde ein Benefizkonzert für Kinderheime in Rumänien. Im Folgejahr dirigierte Claudio Abbado Mahlers Neunte zur Rehabilitierung ehemals Drogenabhängiger und 1994 Carlos Kleiber ein Konzert für Bosnien.

Zubin Mehta hat bereits 1997 das erste Benefizkonzert der Ära Roman Herzogs (1994–99) dirigiert. Damals ging der Spendenerlös an die Orchester-Akademie der Philharmoniker. Beim heutigen Mehta-Konzert fließt der Erlös an Unicef Deutschland. Johannes Rau übernahm mit dem Amt (1999-2004) auch die Tradition der Benefizkonzerte. Bei den Philharmonikern dirigierte im Jahr 2000 Günter Wand für die Deutsche Künstlerhilfe, im Jahr darauf Bernard Haitink zugunsten der Berliner Straßenkinder. In Horst Köhlers Amtszeit (2004–10) stand Sir Simon Rattle am Pult. Köhler veränderte den Modus, die Benefizkonzerte fanden nun mit wechselndem Orchester in den Bundesländern statt. In der kurzen Amtszeit von Christian Wulff (2010–12) fand kein Benefizkonzert der Philharmoniker statt.

Heute spielen die Philharmoniker bereits ihr 13. Benefizkonzert des Bundespräsidenten. In der Philharmonie, in der regelmäßig Staatsbesuche stattfinden, Delegationen, Diplomaten und hochkarätige Jurys der Berlinale, wie Hoffmann hinzufügt, auflaufen, gibt es eine gewisse Routine, dass weitgehend unbemerkt in den Konzertalltag einfließen zu lassen. Man sei schließlich kein Hoforchester. "Der Bundespräsident ist insofern etwas Besonderes für uns, weil der Ablauf einem klaren Protokoll folgt. Es ist auch Arbeit." Es sei protokollarisch üblich, dass alle Staatsoberhäupter vorgefahren werden und durch den Haupteingang kommen. Dort wird der Ehrengast in Empfang genommen und zum Platz geleitet.

Alle Konzertbesucher sind heute anschließend zum Empfang eingeladen. Joachim Gauck suche das Gespräch. "Sicherlich kommen nicht alle 2200 Besucher mit ihm ins Gespräch, aber einige schon", sagt Hoffmann. Die Frage, ob Staatsgäste im Konzert auch mal gähnen dürfen oder es ihnen das Protokoll untersagt, weist der Intendant mit einem schlagenden Argument zurück: "Es ist keine adäquate Reaktion auf ein philharmonisches Konzert."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.