Kultur

So grimmig kann Edvard Elgars Violinkonzert klingen

Unglaublich, aber wahr: In den letzten Jahren hat der einst so vernachlässigte Edward Elgar in Berlin eine beispiellose Renaissance erlebt. Nicht nur, weil das Deutsche Symphonie-Orchester den englischen Spätromantiker immer mal wieder aufs Programm setzt, sondern vor allem, weil Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle eine regelrechte Elgar-Offensive gestartet hat. Eine Offensive, die man ehrlich gesagt eher von Sir Simon Rattle und den Philharmonikern erwartet hätte – zumal sich der englische Chefdirigent zum Ende seiner Amtszeit gerade ein Wunschprojekt nach dem anderen erfüllt.

Doch so auffällig sich Rattle um zeitgenössische angelsächsische Neoromantiker wie Thomas Adès oder Brett Dean gekümmert hat: Die Kompositionen toter Engländer überlässt er eher den Gastdirigenten. Dies gilt auch für Elgars Violinkonzert, eines der besten Werke aus der Feder des Komponisten. Zuletzt hatten die Philharmoniker die Partitur vor mehr als acht Jahren auf ihren Pulten liegen; der US-Amerikaner David Zinman, Jahrgang 1936, dirigierte damals. Nun ist es der gleichaltrige Zubin Mehta, der das 50-minütige Werk wieder hervorholt. Gerade kürzlich hatte der indische Maestro im Interview erklärt, welche besondere Verbindung er zu dem Werk hat: Entscheidende Anregungen erhielt er vom legendären Yehudi Menuhin, der das Werk einst als 16-Jähriger (!) unter Edward Elgar höchstpersönlich aufgeführt hatte und später auch als Dirigent ins Repertoire nahm.

Ein weiterer Geigenvirtuose, der Elgars Violinkonzert seit Jahrzehnten in- und auswendig beherrscht, feiert an diesem Abend nach langer Zeit sein Philharmoniker-Comeback: der Israeli Pinchas Zukerman, ein sehr guter Freund des Dirigenten Mehta. Und wie schon bei Bartóks "Konzert für Orchester" in der Woche zuvor pflegen die Philharmoniker auch hier wieder den typischen Mehta-Wohlklang. Elgars h-Moll-Violinkonzert aus dem Jahre 1910 wirkt auf diese Weise wie der direkte Nachfolger von Brahms' D-Dur-Konzert – zumindest von Philharmoniker-Seite aus.

Denn Pinchas Zukerman spielt das Werk fundamental anders. Er setzt dem Luxusklang des Orchesters eine ordentliche Portion Grimmigkeit entgegen. Sein Geigenspiel wirkt vordergründig und aufdringlich, ausgestattet mit vorgefertigten romantischen Schluchzern und einem gewichtigen, wenig Abwechslung versprechenden Vibrato. Zukerman hat Elgar durchgängig fest im Griff. So fest, dass die Musik kaum atmen kann.

Umso lebendiger und ehrlicher musiziert mutet dagegen Tschaikowskys 5. Sinfonie nach der Pause an. Gerade weil der Komponist hier auf fast schon banale Weise Trauer und Wut, Glück und Triumph in Tönen darstellt, ist dieses Werk kein Selbstläufer. Doch Zubin Mehta erzeugt an diesem Abend, was sich jeder Tschaikowsky-Liebhaber nur wünschen kann: das Gefühl, vom ersten bis zum letzten Takt großartige Musik zu hören.

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