Volksbühne

Castorf ist der Mephisto, Dercon ist der Faust

An der Volksbühne hat Frank Castorf seine letzte Premiere mit „Faust“. Die Diskussionen um seine Nachfolge reißen nicht ab.

Abschlussfahrt an der Volksbühne: In der Premiere spielen Marc Hosemann (Mephisto, v.l.), Hanna Hilsdorf (Homunculus) und Martin Wuttke (Faust)

Abschlussfahrt an der Volksbühne: In der Premiere spielen Marc Hosemann (Mephisto, v.l.), Hanna Hilsdorf (Homunculus) und Martin Wuttke (Faust)

Foto: Thomas Aurin / BM

Nach Mitternacht werden sich alle glücklich erschöpft in den Armen liegen, die alten Wunden lecken und auf den Neuen schimpfen. Frank Castorf wird seinen Marotten, wozu die epischen Aufführungslängen gehören, bis zum Ende treu bleiben. Am Freitag wird seine letzte Inszenierung an der Volksbühne zu sehen sein, die Proben zu "Faust" laufen gerade auf Hochtouren.

Die Beteiligten haben viel Text und Action zu lernen, heißt es, im Haus rechnet man mit einer Premierendauer von mindestens sechs Stunden. Chris Dercon, der im Sommer die Volksbühne übernimmt, ist derweil gar nicht in Berlin. Er ist mit Getreuen nach London gereist. In der Tate Modern, wo er zuletzt beschäftigt war, läuft die Ausstellung des Turner-Prize-Gewinners Wolfgang Tillmans. Es ist Dercons letzte offizielle Ausstellung in London.

Zwischen dem ostdeutschen Theater-Urgestein Castorf und dem polyglotten Kunstüberflieger Dercon gibt es nach wie vor keine Berührungspunkte. Um bei Goethe nachzuschlagen: Castorf ist der Mephisto, immer bereit, andere in Versuchung zu bringen. Dercon ist der Faust, der selbstsüchtig die Vervollkommnung sucht. Gerissenheit trifft auf Eitelkeit. Es sind zwei grundverschiedene Lebensstrategien. So gesehen findet im Sommer keine intellektuelle Übergabe der Volksbühne bei den Beiden statt.

Derzeit flüchten sich alle Beteiligten in Schweigen oder zeigen sich als Gefangene des Status Quo. Die Volksbühne bleibt eine Dauerbaustelle. Kürzlich hat Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bestätigt, am Vertrag von Chris Dercon festzuhalten. Zuvor hatten sich die Beiden getroffen, um festzustellen, so Dercon: "Wir haben uns geeinigt, uns nicht zu einigen." Lederer ist ein Castorf-Getreuer, Dercon ein Vorzeigekandidat des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) und seines früheren Kulturstaatssekretärs Tim Renner. Seitdem die Entscheidung 2015 bekannt wurde, toben die Lagerkämpfe. Die alten Volksbühnenleute fühlten sich brüskiert und Dercon wurde bereits vor seiner Ankunft demontiert. Es ist bewunderungswürdig, wie er den Widerspruch aushält.

Ein anderer Beteiligter hat die Flucht nach vorne angetreten: Der ebenfalls vielgescholtene Tim Renner ist inzwischen weg aus der Landespolitik, in Wilmersdorf steht der frühere Musikmanager vor einer Stichwahl. Gewinnt er, kämpft er als SPD-Mann um ein Direktmandat für den Bundestag. Über den Streitfall Dercon wird er nicht mehr nachdenken müssen.

Die Erbsünde hat Lederer übernommen. Fakt ist: Ab 1. August wird Chris Dercon die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz von Frank Castorf übernehmen. Dercons Fünf-Jahres-Vertrag wurde 2015 unterzeichnet, für die Vorbereitungszeit haben die Haushälter 2,23 Millionen Euro bewilligt, eine Erhöhung des Jahresbudgets ab 2017 um fünf Millionen auf 22 Millionen Euro wurde zugesichert. Es gab wohl einige Versprechen von einer Landesregierung, die inzwischen gewechselt hat. Dercon aber hält an der ursprünglichen Vereinbarung fest, auf dem Flughafen Tempelhof einen Hangar zu bespielen. Das beeindruckende Modell des neuen Amphitheaters von Francis Kérés liegt bereits vor. Ob es je gebaut wird, steht in den Sternen. Lottomittel sollen helfen. Auch wenn derzeit keiner öffentlich darüber reden will, ist längst allen Beteiligten klar, dass keine weiteren Mittel für die Tempelhof-Bespielung fließen sollen. Der Zeitgeist ist möglicherweise gerade dabei, über das Projekt hinwegzugehen. Dercon plant zwar auch für 2018, aber über seine Pläne für Tempelhof spricht er nicht. Am 16. Mai will er seine erste Spielplan-Pressekonferenz geben.

Castorf wird am BE und der Deutschen Oper inszenieren

Bis dahin werden die Stellvertreterdiskussionen weitergeführt: Etwa, wer denn sein künftiges Ensemble sein wird. Mit großen Schauspieler-Namen rechnet kaum einer. Oder über das neue Repertoire, wenn die Castorf-Leute den Spielplan zum Saisonende leerräumen. Von Dercon wird ein ästhetischer Gemischtwarenladen erwartet. Gerade wird darüber diskutiert, wie Castorf jenseits des beinharten Theaterbetriebs seine Quote eingefahren hat. Nach aktuellen Senatszahlen hatte die Volksbühne zwischen 2013 und 2015 jährlich gut 140.000 zahlende Besucher. 2013 kamen 100.000 Menschen ins Schauspiel, zwei Jahre später noch 83.000. Der Rest besuchte jeweils das bunte Angebot aus Musik, Literatur und Film. Das klingt ein bisschen nach Tante-Emma-Laden.

Am Freitag verabschiedet sich Castorf von seinem langjährigen Produktionsmittel, der Volksbühne. Als Regisseur wird er in Berlin weiterhin gefragt sein. Oliver Reese, der Neue am Berliner Ensemble, will ihn verpflichten, und auch Dietmar Schwarz plant etwas mit Castorf an der Deutschen Oper.

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